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Entdeckendes Lernen

Ein Gespräch über entdeckendes Lernen und über die Schwierigkeiten, dieses in der Schule zu etablieren

Johannes Kühnel entwickelte seine Ideen zum «Neubau des Rechenunterrichts» während des Ersten Weltkrieges. Der unten stehende Abdruck entstammt der 4. Auflage von 1922. Dass der Text noch nach achtzig Jahren herausfordernd wirkt, muss die Frage aufwerfen, was in all den Jahren einer breiten Umsetzung von Kühnels Postulaten im Weg stand. Was bringt Lehrpersonen dazu, immer noch in hohem Masse auf «Leitung und Rezeptivität» zu setzen? Ein Gespräch mit Fachleuten.

Teilnehmende am Gespräch:

Walter Affolter
ist Reallehrer und in verschiedenen Kantonen in der Weiterbildung im Bereich der Mathematikdidaktik tätig. Er erteilt Einführungskurse zu den Mathematik-Lehrmitteln «math bu.ch» und «Zahlenbuch».
Verena Hostettler
hat während fast 20 Jahren an der Realschule die 7. bis 9. Klassen unterrichtet. Nach einer Weiterbildung zur Supervisorin war sie als Beraterin für Lehrpersonen tätig, heute ist sie Schulinspektorin der Stadt Bern und der Gemeinde Muri-Gümligen.
Edwin Achermann
unterrichtete während fast 20 Jahren an der 1. bis 6. Klasse und machte Weiterbildungen zum Erwachsenenbildner und Supervisor. Heute berät er Schulen zum Thema Unterrichtsentwicklung und ist als Dozent an der Päda gogischen Hochschule des Kantons Aargau in den Bereichen schulinterne Weiterbildung und Kaderbildung tätig.
Margret Schmassmann
ist diplomierte Mathematikerin und Mathematikpädagogin. Sie arbeitet in einer eigenen Praxis mit Menschen mit einem besonderen Zugang zur Mathematik, das heisst mit schwach bis hoch Begabten, überdies ist sie in der Erwachsenenbildung tätig und war involviert in die Entwicklung der Schweizer Ausgabe des «Zahlenbuchs» und von «mathbu.ch».

Frau Schmassmann, Frau Hostettler, Herr Affolter und Herr Achermann, Sie alle verfügen über eine reiche Unterrichtserfahrung, Sie alle kennen den Unterricht aber auch aus der Perspektive der Lernenden. Wenn Sie an Ihre Schulzeit zurück denken: Wie wurden Sie damals unterrichtet, wie haben Sie gelernt zu lernen, – und wie beurteilen Sie dieses Lehren und Lernen heute?

Verena Hostettler: Ich lernte in meiner Schullaufbahn eigentlich nur einen Stil kennen: den darbietenden Unterricht, und ich langweilte mich oft. Ich wollte aber schon damals Lehrerin werden und nahm mir vor, einmal spannenderen Unterricht bieten zu können.

Walter Affolter: Ich machte zwei sehr gegensätzliche Erfahrungen. Während der ersten Jahre besuchte ich eine Gesamtschule; in unserer Klasse waren alle neun Schuljahre vertreten. Diese Zeit war sehr spannend für mich. Ich hatte Gelegenheit, den Unterricht anderer Stufen zu beobachten, und lernte, selbstständig zu arbeiten. In den darauf folgenden Jahren der Sekundarschule lernte ich nur den Unterrichtsstil «Zuhören und Abschreiben» kennen und hatte in den Prüfungen lediglich das Gehörte wiederzugeben.

Margret Schmassmann: Erst viele Jahre nach meiner Schulzeit stellte ich fest, dass ich vieles nicht verstanden hatte. Ich konnte zum Beispiel in der Primarschule sehr gut dividieren. Was hinter einer solchen Rechenaktion steckt, entdeckte ich aber eigentlich erst als Erwachsene, als ich mich mit Kindern beschäftigte, die Lernschwierigkeiten hatten. Am Gymnasium ging es ähnlich: Wir warteten alle die Einführung des Lehrers ab und konnten dann loslegen – mit dem einzigen Ziel, zu einem korrekten Ergebnis zu kommen.

Edwin Achermann: Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, sehe ich zwei Bilder: den Lehrer, der vor der Klasse steht, und die Schüler hinten in der Schulstube. Das zweite Bild zeigt eine lange Schlange wartender Schülerinnen und Schüler: Wir mussten oft lange anstehen, um etwas zeigen zu können. Ein weiteres Bild, das mir nun einfällt, zeigt mein «Affenheft»: Ich sammelte Bilder und schrieb Texte über Affen und klebte alles in meiner Freizeit in ein Heft. Dieses letzte Bild verbinde ich mit entdeckendem Lernen.

Ihre Fragen hatten keinen Platz im Unterricht?

Edwin Achermann: Nein, das war bei uns nicht vorgesehen. Es war ja klar, worum es ging… Wir hatten aufzupassen und zu wiederholen, was «vorne» gesagt wurde.

Margret Schmassmann: Die Fragen kamen von Lehrerseite, wir waren für die Antworten zuständig. Die Fragen wurden auch so gestellt, wie die Antworten geplant waren. Ich spreche nun von der Vergangenheit, könnte aber eigentlich genauso gut von der Gegenwart sprechen.

Weshalb, glauben Sie, finden die Fragen von Kindern noch immer kaum einen Platz im Unterricht?

Walter Affolter: Ich mache sehr oft die Erfahrung, dass Lehrerinnen und Lehrer selbst nicht gelernt haben, Fragen zu stellen, sich von ihrer Neugierde leiten zu lassen – und dass sie sich deshalb schwer damit tun, diese Haltung bei den Lernenden hervorzubringen. Sie arbeiten zwar vielleicht sehr wohl mit dem «Zahlenbuch» und stellen die dort empfohlenen Fragen wie «Was fällt dir auf …», zeigen aber überhaupt keine Geduld und keinen Willen, diese Fragen wirklich anzugehen.

Sind solche Fragehaltungen trainierbar?

Walter Affolter: Ich versuche, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Weiterbildungsveranstaltungen Situationen anzubieten, in denen sie diese Haltung zu entwickeln lernen.

Margret Schmassmann: Fragen muss man nicht trainieren. Sie sind es, die das Kind bis zum Schuleintritt bewegen. Ich muss einem Kind das Fragen nicht angewöhnen, sondern darf es ihm nicht abgewöhnen.

Wir sprechen nun aber von den Lehrpersonen…

Margret Schmassmann: Das hängt für mich zusammen. Wenn Lehrpersonen Schule «nehmen» statt «geben» würden, kämen sie dieser Haltung schon sehr nahe.

Edwin Achermann: Diese Haltung scheint mir auch wichtig. Hinzu kommt: Wer Fragen von Schülerinnen und Schülern Raum geben will, muss fachlich und fachdidaktisch kompetent sein. In meinen ersten Jahren als Lehrer hatte ich da grosse Unsicherheiten. Die Weiterbildung und die Einsicht, dass meine schnellen Antworten als Lehrer das forschende Lernen der Kinder auch bremsen konnten, haben mir weitergeholfen.

Walter Affolter: Hier liegt für mich ein ganz entscheidender Punkt: Wenn ich mir selbst Fragen gestellt habe und die Antworten darauf kenne, habe ich das Thema und somit auch den ganzen Unterrichtsverlauf mehr oder weniger im Griff und bin bereit, mich auf entsprechende Fragen oder Ideen einzulassen.

Wir haben gehört, Lehrerinnen und Lehrer hätten über Fachwissen zu verfügen, anderseits heisst es, Unterrichtende müssten nicht auf jede Frage antworten können. Was haben sie denn nun zu wissen?

Walter Affolter: Im Mathematikunterricht der Sekundarstufe I stelle ich fest, dass sehr viele Lehrpersonen bestimmte Gebiete in ihrer Ausbildung quasi auswendig lernten. Sie kennen die Regeln und können sie korrekt anwenden. Diese Haltung wurde zu einer Art System, gerade in der Mathematik, die vermeintlich ja einen sehr klar strukturierten Aufbau hat. Wenn Kinder in einem Thema zu wühlen beginnen, sind die auftauchenden Fragen jedoch nicht systematisch. Um als Lehrperson nicht sofort die Kontrolle zu verlieren, muss ich also einen gewissen Überblick über das Thema haben. Nur so kann ich Fragen der Schülerin oder des Schülers einordnen.

Verena Hostettler: Ich finde, dass insbesondere im Fach «Natur Mensch Mitwelt» Fachwissen sehr viel mit einem Feuer zu tun hat; mit einem inneren Feuer. Um den Prozess des Fragens, Forschens und Entdeckens angemessen begleiten zu können, muss die Lehrperson über das nötige Fachwissen verfügen. Dieses Fachwissen, aber auch methodisch-didaktische Kenntnisse sind notwendig, um eine ideale Lernumgebung – anregendes Material, zielgerichtete Impulse – zu arrangieren, die das Fragen und Forschen ermöglicht.

Edwin Achermann: Von Lehrpersonen, die das entdeckende Lernen ausprobieren und nach kurzer Zeit wieder aufgeben, höre ich oft die Begründungen: «Es geht nicht» und «die Kinder können es nicht». Der Stellenwert der Vorbereitung und Unterstützung der Kinder wird unterschätzt. Viele Fertigkeiten, die es für entdeckendes Lernen braucht, wie beispielsweise das Nutzen von Quellen, genaues Beobachten, das Zusammenfassen von Texten usw., müssen sorgfältig aufgebaut werden. Dazu kommt, dass die Kinder in ihrer Neugierde und beim Durchhalten – gerade wenn es für sie schwierig wird – unterstützt werden müssen; die arrangierte Umgebung allein reicht nicht.

Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass sich das entdeckende Lernen nicht durchsetzt?

Verena Hostettler: Ich stelle bei Unterrichtsbesuchen fest, dass oftmals ein klares Konzept der Klassenführung fehlt. Zudem kann eine Lehrperson nur mit einer hohen Diagnosefähigkeit entdeckendes Lernen erfolgreich anwenden.

Edwin Achermann: Ich möchte auf das Stichwort Lernkonzept reagieren. In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich viele Lehrerinnen und Lehrer in Kursen mit erweiterten Lernformen auseinander gesetzt. Das entdeckende Lernen hatte da einen wichtigen Stellenwert. Auch wenn die Lehrpersonen die Kurse und die neuen Lernformen gut bewertet haben, blieb die nachhaltige Umsetzung in vielen Schulzimmern aus. Ein wichtiger Grund liegt wohl darin, dass die Kurse zu stark auf die Formen ausgerichtet waren und die Auseinandersetzung mit den Lernkonzepten der Lehrpersonen, d.h. mit ihren Vorstellungen von Lehren und Lernen, vernachlässigt wurde. Diese Vorstellungen, oder wie man heute sagt, diese subjektiven Theorien, steuern aber das Handeln der Lehrperson im Unterrichtsalltag.

Wie können die subjektiven Theorien des entdeckenden Lernens wirklich «in Bewegung» gebracht werden?

Edwin Achermann: Diethelm Wahl hat zur Veränderung von subjektiven Theorien geforscht. Er empfiehlt eine Art «Dreischritt»: Der erste Schritt ist, die so genannt subjektiven Theorien oder Handlungsmuster überhaupt bewusst zu machen, sonst lassen sie sich gar nicht bearbeiten. Die Lehrperson muss also bewusst merken, was sie eigentlich denkt, weshalb sie so handelt und nicht anders. Ein zweiter wichtiger Schritt ist, sich Expertinnen- bzw. Expertenwissen anzueignen – zu lernen, was heute die neuesten Erkenntnisse zu diesem Thema sind, und aus diesem Wissen Handlungsalternativen zu entwickeln. Es ist sehr wichtig, dass dieser Schritt erst nach dem ersten kommt. Der dritte Schritt ist schliesslich, diese Handlungen zu planen, Handlungsvarianten aufzubauen, die natürlich zu Beginn langsamer sind als die eingeschliffenen bekannten Handlungsmuster; dies macht die Umsetzung ja auch so schwierig. Dieser Dreischritt ist wirklich sehr wichtig. Belässt man es beim ersten Schritt, bewirkt man nichts, belässt man es bei der Planung von Handlungen, geschieht ebenso wenig. Die Aus- und Weiterbildung muss diesen Ansatz noch stärker gewichten und konsequenter umsetzen.

Margret Schmassmann: Wir sprechen darüber, was Lehrpersonen alles tun oder lernen müssten in der Ausbildung. Ich erlebe aber immer wieder, dass Lehrerinnen und Lehrer darüber klagen, was sie alles zu unternehmen hätten, um allen Ansprüchen gerecht zu werden: «Das müssen wir auch noch, das auch, und jetzt muss jedes Kind noch seinen eigenen Weg gehen dürfen …» Wir haben kürzlich in einem Kurs die am häufigsten gestellten Fragen zum entdeckenden Mathematikunterricht gesammelt; sie lauteten: «Findet überhaupt jede und jeder einen eigenen Weg?», «Können die schwachen Schülerinnen und Schüler das überhaupt?», «Ist es nicht zeitsparender, den richtigen Weg vorzumachen?» Nun kommen wir und wollen diesen Lehrpersonen verordnen, wie sie den Kindern besser gerecht werden könnten. Stattdessen sollten wir sie neugierig machen auf das, was sie selbst davon haben, welche neuen Erfahrungswelten für sie aufgehen werden, wenn sie diesen Unterricht umsetzen können, welchen persönlichen Gewinn sie dadurch erzielen. Ich versuche also, den Spiess umzukehren und zu zeigen: «Du hast etwas davon!»

Verena Hostettler: Ich gehe davon aus, dass Lehrpersonen wissen, was entdeckendes Lernen ist, und ich gehe auch davon aus, dass sie fähig sind, ihre subjektiven Konzepte zu verarbeiten und weiterzuentwickeln. Ich gehe ausserdem davon aus, dass sie auch so unterrichten möchten. Versuche mit entdeckendem Lernen scheitern oftmals aus organisatorischen oder systemischen Gründen.

Edwin Achermann: Sicherlich ist es so, dass das momentane System uns Grenzen setzt, aber trotzdem kann ich in diesem System beispielsweise im NMM- oder im Sprachunterricht entdeckendes Lernen umsetzen – und viele tun es trotzdem nicht. Es sind also zwei Dinge gefordert: zuerst ich als Lehrperson, die daran wirklich arbeitet. Weiter müssen wir uns einsetzen für ein System, das mit den neuen Anforderungen kompatibler ist.

Wer hat denn Ihrer Meinung nach die Möglichkeit, an dieser Systemveränderung zu arbeiten?

Edwin Achermann: Ich denke, dass jede Stelle die Möglichkeit hat, daran zu arbeiten; selbstverständlich mit verschiedenen Ansätzen und mit unterschiedlicher Wirkung.Walter Affolter: Die Schulaufsicht müsste die Lehrpersonen auffordern, wieder einmal die Lehrpläne zu studieren. Denn in ihnen steht sehr viel mehr geschrieben als das, was gemeinhin umgesetzt wird. In allen schweizerischen Lehrplänen findet man Hinweise auf die Unterrichtsform des entdeckenden Lernens.

Margret Schmassmann: Das System wird sich nicht «automatisch» verändern, nur weil wir allmählich eine neue Pädagogik ins Rollen bringen wollen. Es braucht tatsächlich beides: Veränderungen bei der einzelnen Lehrperson und beim System. Es gibt Schnittstellen im System. Das hört man beispielsweise, wenn die 4.-Klass-Lehrerin zur 3.-Klass-Lehrerin sagt: «Deine Kinder können nicht einmal …» Als Schulpflegerin habe ich einmal einer solchen Lehrerin geraten, die Kollegin doch einmal zu fragen, was die Kinder denn könnten. Die Fragen müssen einmal umgekehrt werden: «Deine Kinder können denken, aber das Einmaleins können sie nicht gut auswendig.» Dann sieht die Sache nämlich bereits anders aus, denn man unterrichtet ja nicht Rechnen, sondern Mathematik. Trotzdem: Es gibt diese Schnittstellen, entweder beim Übertritt in die Sekundarschule oder ins Gymnasium, und wenn ich die Schüler nach ihrer Motivation frage, erhalte ich oft sehr realistische Antworten. So sagen sie etwa: «Ich will bessere Noten, damit ich in die Sekundarschule komme, und das will ich, weil ich danach ins Gymnasium kommen möchte …» Nicht für die Schule lernen wir, sondern für die nächste Schule. Und Kinder sind sehr pragmatisch und haben völlig Recht, wenn sie das so sehen; denn sie haben keine Chance, das System zu durchbrechen. Wir müssen es durchbrechen, was allerdings eine äusserst schwierige Aufgabe ist.

Verena Hostettler: Ich setze grosse Hoffnungen in dieneu entwickelten Lehr- und Lernmaterialien. Vielleicht müssen wir einfach noch ein wenig Geduld haben, schliesslich sind viele dieser neuen Lehrmittel noch nicht lange auf dem Markt. Ich bin überzeugt, dass ein qualitativ gutes Angebot an Lehr- und Lernmaterialien eine Grundvoraussetzung ist, damit Lehrpersonen den Zugang zum entdeckenden Lernen finden können. Damit die neuen Lehr- und Lernmaterialien der Idee entsprechend eingesetzt werden können, braucht es zudem ein Angebot eines fachspezifischen Coachings für Lehrpersonen.

Walter Affolter: Solche Begleitangebote, die von verschiedenen Kantonen angeboten werden, sind in der Tat entscheidend. So gibt es zum Beispiel einen Einführungstag, an dem die Philosophie erläutert wird, die hinter diesem Lehrmittel steckt. Dann werden Lernumgebungen bearbeitet und Ideen besprochen für die Umsetzung in der Praxis. Nach einer bestimmten Zeit, vielleicht nach einem halben Jahr, kommt man zusammen und tauscht seine Erfahrungen aus. Hier kann es auch einfach darum gehen, dass man hört, dass der Kollege mit den gleichen (Anfangs-)Problemen kämpft wie man selbst. Die Aufgabe des Kursleiters oder der Kursleiterin ist es hier vor allem, den Lehrpersonen zu helfen, ihre an sich gestellten Ansprüche zu relativieren, und ihnen zu sagen, dass unmöglich von einem Tag auf den anderen aufgegeben oder verändert werden kann, was man die letzten fünfzehn Jahre gemacht hat.

Edwin Achermann: Eine weitere Möglichkeit sind für mich Unterrichtsteams. Wenn es einer Schule gelingt, kleine Unterrichtsteams zu bilden, die sich nicht nur als Arbeitsgemeinschaft, sondern auch als Lerngemeinschaft verstehen, schaffen sie die Voraussetzung, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Schule an ihrem Unterrichtsalltag lernen. Sie können Erfahrungen gemeinsam reflektieren und einander bei der Umsetzung coachen.

Walter Affolter: Das Wichtigste ist hier vielleicht der Angstabbau, weil die Lehrpersonen feststellen, dass sie nicht die einzigen sind, die in bestimmten Situationen des entdeckenden Unterrichts an Grenzen stossen. Dann können auch sie zu ihren Misserfolgen stehen.

Edwin Achermann: Gleichzeitig ist jedoch auch viel Gewinn dabei. Im Austausch sagen zu können, dass es wieder Spass macht, dass man Unterstützung erfährt, dass es spannend ist. Letzte Woche gerade hat mir wieder eine ältere Lehrperson gesagt, dass sie einen neuen «Kick» erhalten habe, dass es einfach anders geworden sei. Es ist nicht nur schwierig und nicht nur streng und nicht nur «mehr»; man erhält auch etwas!

Zu Beginn des Gesprächs haben wir zurückgeschaut, zum Schluss möchten wir einen Blick in die Zukunft werfen, auf Ihre Visionen einer künftigen Schule.

Edwin Achermann: Meine Vision ist – wie ich es bereits in zwei, drei Beispielen angetönt habe –, dass in kleinen Unterrichtsteams Lerngemeinschaften entstehen, in denen Lehrpersonen unter sich schauen, wie sie Lernen besser verstehen können, wie sie ihren Unterricht besser gestalten können, wie sie die Kinder besser verstehen lernen. Diese «Zelle» ist für mich wohl die Vision. Und dabei gälte es nicht zu vergessen, dass es neben dem entdeckenden noch andere Formen des Lernens gibt – und dass man durchaus auch kombinieren soll.

Walter Affolter: Für mich ist es ein sehr zentrales Anliegen, Verständnis aufzubauen und zu fördern. Das ist für mich die Grundidee des Lernens. Wissen anzuhäufen, das zu einem bestimmten Zeitpunkt unbeteiligt abgespult wird, hat nichts mit dem Lernen der Zukunft zu tun. Wir müssen Formen finden, die das Andere fördern. Das entdeckende Lernen ist hier eine gute Möglichkeit.

Margret Schmassmann: Eine meiner Visionen ist, dass eine neue Generation von Studierenden mit einer neuen Lerngeschichte nachkommt und Lehrerin oder Lehrer werden will. Und dass bei diesen jungen Leuten die neuen Lernformen so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie sie auch umsetzen können… Eine andere Vision ist, dass wir es uns finanziell, zeitlich und ressourcenmässig einmal nicht mehr werden leisten können, nach den alten Lernformen zu unterrichten, für die Lehrerinnen und Lehrer Stunden damit verbringen, von jedem Schüler und jeder Schülerin wöchentlich 80 oder mehr Rechnungen zu korrigieren und zu analysieren. Dass also Geldmangel ein pädagogisches Umdenken erzwingen wird, man sich auf das Wesentliche wird konzentrieren müssen. Wer darauf schaut, was die Kinder bereits mitbringen, anstatt ihnen ein Raster überstülpen zu wollen, verhindert Ineffizienz und auch Therapien. Mehr als die Hälfte aller Therapiefälle, die an mich herangetragen werden, sind gar keine Therapiefälle in Bezug auf das Kind. Sie kosten aber unglaublich viel Geld und Organisation. Gefordert ist eine ressourcenorientierte Pädagogik, die das Vorwissen der Kinder wahrnimmt und daran anknüpft.

Verena Hostettler: Ich wünsche mir farbige Orte, an denen Lehrpersonen mit Freude die Schülerinnen und Schüler auf ihren Lernwegen aktiv begleiten. Ab und zu, aber nur selten, verliere ich den Glauben an diese Vision, weil ich den Alltag sehr problembeladen und für Lehrpersonen belastend erlebe, so dass ich manchmal das Gefühl habe, unser Schulsystem stehe kurz vor dem Zusammenbruch. Ich hoffe aber, dass die neuen Lehr- und Lernmaterialien von den Lehrpersonen in ihrem Berufsalltag unterstützend erlebt werden können. Meine Vision beinhaltet auch, dass wir die Schule neu «denken» müssen. Das tönt vielleicht ein wenig abgedroschen, aber ich hätte wahrhaftig Lust, die Schule neu zu denken – und zwar die staatliche Schule, nicht irgendeine private.

Moderation: Therese Grossmann, Iwan Raschle
Redaktionelle Bearbeitung: Heiner Diering, Iwan Raschle

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