Das Ideenbüro
Kinder beraten Kinder … – und entwickeln Ideen für soziale, praktische und schulische Probleme
In unserer Schule Leubringen / Evilard führt die jetzige 6. Klasse seit drei Jahren mit grossem Erfolg ein Ideenbüro. Einmal in der Woche beraten die grösseren Kinder die kleineren – oder sie tüfteln an Lösungen für Alltagsprobleme der ganzen Schule, einzelner Lehrpersonen oder Gemeindemitglieder. Im September 2004 wurde das Projekt von UNICEF mit dem 1. Preis zur Förderung des Interkulturellen Dialogs ausgezeichnet und erhielt den «orange-award». Bereits gibt es ein öffentliches Ideenbüro in der Bieler Altstadt, in dem Kinder auch in der Freizeit andere Kinder und Erwachsene beraten. Sie übernehmen Verantwortung für die Schule, das Lernen und den Alltag, tragen eigene Entscheidungen und versprühen Begeisterung. Ein Erfahrungsbericht von Christiane Daepp.
Wie ist das Ideenbüro entstanden?
Im Jahr 2002 gab es in der 2./3. Klasse ständig Probleme wie Streit, Mobbing und Schlägereien mit Folgen. Fast täglich telefonierten entrüstete Eltern in die Schule. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt eine Ausbildung in «Beratung im Bildungsbereich» abgeschlossen und wollte einige Beratungsmodelle an die Bedürfnisse von Kindern anpassen und erproben. Da gerade ein Klassenzimmer leer stand und ich die damalige 4. Klasse als sozial sehr kompetent erlebte, stellte ich den Schülerinnen und Schülern meine Idee vor: In einem Ideenbüro im NMM-Unterricht helfen Kinder anderen Kindern, Probleme zu lösen. Ich schrieb den Lernenden einen Brief (rechts) mit wenigen Informationen zu meiner Idee und einem Anmeldeformular. Zu meinem Erstaunen meldete sich die ganze Klasse auf der Stelle an. Der Funke hatte gezündet und ein Feuer der Begeisterung entfacht, das auch heute – nach drei Jahren Arbeit des Ideenbüros – immer noch munter brennt und andere ansteckt.
Die Ideen der Kinder überzeugen die Pausenaufsicht und das Kollegium
Ein Raum für das Ideenbüro war vorhanden und die Arbeit fand in meinem NMM-Unterricht statt. Dennoch war das Kollegium zu Beginn skeptisch. Denn die jüngeren Schülerinnen und Schüler mussten ja für die Beratung ihrer Probleme während der Unterrichtszeit ins Ideenbüro kommen. Und überhaupt schien es ihnen nicht möglich, dass Kinder die wirklich wichtigen Probleme in der Schule lösen könnten. Die Ideen, Lösungsvorschläge und Umsetzungen der Ideenbüro-Kinder haben jedoch die Pausenaufsicht und das gesamte Kollegium überzeugt. Das Ideenbüro entlastet nicht nur die Lernenden, sondern auch uns Lehrende.
Liebe Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse
Idee:
In unserem Alltag stossen wir immer wieder auf kleinere und grössere Probleme, die uns am Weiterarbeiten hindern. Manchmal wären wir froh, jemand würde uns helfen, eine Idee für die Beseitigung dieses Problems zu finden. Ein Ideenbüro ist genau dazu da. Es denkt über Problemlösungen nach, entwickelt neue Ideen und sammelt Anliegen und Probleme der anderen Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte in einem Briefkasten. Die erarbeiteten Lösungen erscheinen in einer Zeitschrift, die je nach Bedarf veröffentlicht wird.
Nähere Angaben:
Das Büro ist jeden Montag von 11 – 12 offen. Im Büro arbeiten 2-4 Berater und Beraterinnen. Wenn keine Probleme anstehen, arbeitet das Team an eigenen Ideen und Erfindungen, verfasst Texte, macht Pläne und Zeichnungen für die Zeitung. Das Ideenbüro ist ein Teil des NMM-Unterrichts.
Was du dabei lernen kannst:
- auf die Probleme anderer eingehen
- einen Beitrag für die (Schul-) Gemeinschaft leisten
- deine Kreativität beim Entwickeln neuer Ideen anwenden und fördern
- mit anderen zusammenarbeiten
Das Mitmachen ist freiwillig. Wir erstellen eine Liste von allen Interessierten und bilden Gruppen à 2-4 Kindern, die im Turnus im Ideenbüro zur angegebenen Zeit arbeiten.
Wer eignet sich für die Mitarbeit im Ideenbüro? Alle, die folgende Bedingungen erfüllen:
- Du hast Freude am Entwickeln von Ideen und am Lösen von Problemen.
- Du leistest gerne einen Beitrag für andere Kinder, Klassen oder die ganze Schule.
- Du bist bereit, eine NMM-Stunde pro Woche im Ideenbüro zu arbeiten.
- Du kannst gut mit anderen zusammenarbeiten.
Bist du dabei? Dann melde dich bis in 14 Tagen mit unten stehendem Talon an.
Anfrage zur Mitarbeit im Ideenbüro an die damalige 4. Klasse (2002)
Ausschnitt aus der UNICEF-Broschüre zum 1. Preis für das Ideenbüro:
«Die Jury entschied sich für das Projekt ‹Ideenbüro – Kinder beraten Kinder›. Es unterscheidet sich von vielen andern guten Projekten durch seine Originalität. Besonders gefallen hat das hohe Mass an Partizipation der Kinder. Es führt Kinder in Methoden zur Problem- und Konfliktlösung ein, die sonst nur Erwachsenen zugetraut werden. Und es zeigt sich, dass Kinder diese sehr gut anwenden können und selbstständig damit umzugehen wissen.»
Aus dem Alltag des Ideenbüros: Probleme und gefundene Lösungen
Problem:
Die Regeln von «Räuber und Polizisten» sind nicht fair. Es gibt immer wieder Streit.
Lösung:
Die Ideenbüro-Gruppe hat erkannt, dass es eine Klassenberatung braucht, mit je zwei Abgeordneten aus allen vier Klassen, die am Spiel beteiligt sind. Es werden Regeln gemeinsam besprochen und schriftlich auf einem A3-Blatt festgehalten. Dieses Blatt verteilen die Beraterinnen und Berater in allen vier Klassen mit dem Kommentar, dass alle die Regeln einhalten müssen und dass das Ideenbüro diese in der Pause kontrollieren werde.
Das Beispiel zeigt, wie gross der Effekt sein kann, wenn Kinder andere Kinder beraten. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Beratung und die ratsuchenden Kinder, auch noch lange nach der Beratungssequenz. Sie können etwas, das sie selber angeht, glaubwürdiger vermitteln als wir Erwachsene. Und beim Spiel «Räuber und Polizisten» sind sie selber immer dabei und sehen sofort, wer sich nicht an die Regeln hält.
Das Fussballspiel wurde auf ähnliche Weise in nur einer Klassenberatung geregelt. Es gab endlich kaum mehr Streit, nur noch wenige weinende Kinder, und Verletzungen waren selten. Darüber freuten sich natürlich auch die Verantwortlichen für die Pausenaufsicht.
Der Flaschenhalter – Beispiel einer besonderen Idee, die sich bewährt hat
Problem:
Eines Tages liegt folgendes Anliegen einer Lehrerin im Briefkasten: «Es stört mich, dass die kleinen PET-Wasserflaschen immer von den Pulten herunterfallen. Habt ihr eine Idee, wie man dies verhindern könnte?» Nathalie, aus der Gruppe, die damals Ideenbüro-Dienst hatte, erzählt:
Lösung:
Wir suchten im Ideenbüro-Zimmer nach irgendwelchem Material. Da stiessen meine Augen auf einen Sack mit leeren grossen PET-Flaschen, die als Musikinstrumente dienten. Wir pröbelten herum, und schliesslich schnitten wir eine Flasche entzwei, um einen Behälter zu haben. Wir versuchten, die kleinere Wasserflasche hineinzustellen – es ging. Jetzt fehlte noch eine Aufhängevorrichtung. Wir bohrten links und rechts Löcher hinein und befestigten eine Schnur daran. Nun musste nur noch der passende Aufhängeort gefunden werden. Wir probierten im Schulzimmer bei den Pulten weiter. Tatsächlich passte der Halter mit der Aufhängevorrichtung genau an den Haken auf der Pultseite, da wo normalerweise der Schulsack hängen sollte. Die kleinere Wasserflasche konnte jetzt in den Flaschenhalter gestellt werden.
Die praktische Erfindung ist immer noch im Einsatz – sehr zur Freude der Lehrer und Lehrerinnen, denn seither ist keine einzige Wasserflasche mehr zu Boden gefallen!
Aus dem Alltag des Ideenbüros: Einzelberatungen
Kinder verfügen über die Fähigkeit, andere Kinder zu beraten
Je länger das Ideenbüro im Schulhaus präsent ist, desto mehr Vertrauen bringen ihm die einzelnen Schülerinnen und Schüler entgegen. Immer häufiger werden auch schulische Schwierigkeiten von den Kindern nicht mehr an Eltern und Lehrpersonen, sondern direkt an die Ideenbüro-Kinder herangetragen. Es ist nicht so sehr das freie Klassenzimmer, das die Beratung ermöglicht (wenn es sie auch erleichtert). Vielmehr ist es der ideelle Raum, der mit einer Grundhaltung im gesamten Schulhaus allmählich entstand: Kinder sind kompetent, andere Kinder zu beraten. Diese Haltung von Vertrauen schafft Partizipation und Verantwortungsgefühl. Und diese Mitverantwortung der Kinder wiederum lässt das Vertrauen anderer Kinder in die Beratung wachsen.
Problem:
Anouk kann sich nicht so gut konzentrieren, wenn es laut ist in der Klasse.
Lösung:
Anouk hat bereits versucht, ihr Problem zu lösen, indem sie einen Stein in der Hand hält, der ihr beim Konzentrieren helfen soll. Der Lärm stört sie aber immer noch. Im Gespräch mit der Beraterin macht sie den Lösungsvorschlag, ganz fest daran zu denken, dass sie es kann. Die Beraterin macht ebenfalls Vorschläge, und Anouk will alle Ideen in der nächsten Woche ausprobieren.
Überprüfung:
Eine Woche später trifft sich Anouk wieder mit ihrer Beraterin, um die Umsetzung zu überprüfen. Das Problem hat sich gelöst, indem Anouk sich immer wieder gedacht hat: «Ich kann es!»
Persönlicher kann es werden, wenn Kinder ins Ideenbüro kommen, die sich verspottet und verletzt fühlen.
Problem:
Ein Mädchen erzählte, dass Mathias immer sagte, sie liebe Timon. Das stimmte aber nicht. Ihr Ziel war es, dass Mathias mit seiner Behauptung aufhörte.
Lösung:
Der Ausschnitt aus dem Beratungsprotokoll der beiden beratenden Jungen (rechts) zeigt, dass es nicht immer einfach ist, Lösungen zu finden. Das Mädchen wollte aber probieren, einmal mit Mathias zu reden. Die beiden Berater fühlten sich wichtig!
Eine Woche später versprach Mathias mit Fingerabdruck und Unterschrift der beiden «Zeugen», es nie mehr zu sagen.
Mit der Arbeit im Ideenbüro lernen die Kinder auch, sich realistisch einzuschätzen. Sie beurteilen, ob es eine Einzel- oder eine Klassenberatung braucht, ob das Problem in einer Beratung gelöst werden kann oder ob Hilfe von aussen nötig ist.
Gerade Kinder, die als leistungsschwach gelten, zeigen oft hohe Beratungskompetenzen. Dies stärkt ihr Selbstbewusstsein und wirkt sich damit auch aufs Lernen positiv aus.
Weitere Infos zum Ideenbüro Leubringen / Biel, mit Abbildungen der Formulare und Beratungsprotokolle auf der http://www.ideenbuero.ch">Projekt-Website(Website betreut vom 12-jährigen Yannik Poirier).
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