Auf dem Weg zur Schreibberatung
Anderen Fragen zu stellen und an den Fragen der anderen teilzunehmen fördert den Schreibprozess und das partizipative Lernen.
Wie soll ich beginnen? Ist mein Text verständlich? Beschreibe ich zu ausführlich? Dies sind Fragen, die Schülerinnen und Schüler oft stellen, wenn sie Texte schreiben. Häufig finden sie selbst darauf keine Antwort und erleben den Schreibprozess als einsam. Fragen sind jedoch wertvoll, sie fordern zum Denken und zum Kommunizieren mit andern heraus. Lehrpersonen können diese Kommunikation unterstützen, zum Beispiel im Aufbau von Schreibberatung. Fragen sind der erste Schritt in Richtung Schreibberatung. Andern Fragen stellen und an den Fragen der andern teilnehmen fördert den Schreibprozess und das partizipative Lernen.
Das Werkbuch zu «Sprachwelt Deutsch» leitet die Schülerinnen und Schüler an, sich beim Schreiben beraten zu lassen.
«Ausgangspunkt für eine Beratung sind deine Fragen»
Ein erster Schritt in Richtung Schreibberatung kann heissen, Fragen zu notieren, die während oder nach dem Schreiben auftauchen. Dabei können die Beispielfragen im Werkbuch als erste Orientierung dienen.
Das folgende Unterrichtsbeispiel zeigt erste Gehversuche in Richtung Schreibberatung. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Aufgabe, Situationen aus einer andern Perspektive zu beschreiben, das heisst produktiv mit «dem Blick auf das Andere» umzugehen. Als Vorlage für das Schreiben aus einer andern Perspektive diente ein Textausschnitt aus «Felis, Felis» von Hanna Johansen:
Menschen aus der Sicht eines Katers
«Manchmal ist es wirklich zum Mäusemelken mit Menschen, dachte Felis (der Kater). Sie versteht wieder mal bloss Miau. Es heisst aber: Würdest du dich bitte hinsetzen, damit ich auf deinem Schoss sitzen und schnurren und ganz sanft deinen Bauch kneten kann. ‹Miaaau!› Er schnurrte. (…)»
Während des Schreibens sind Fragen aufgetaucht, die nun besprochen werden können. Für das Beratungsgespräch setzen sich die Schülerinnen und Schüler in Gruppen zusammen. Reihum bringt jede Schülerin, jeder Schüler die Fragen und die Diskussionsbedürfnisse ein und liest den Text vor. Die Antworten und Hinweise werden in der Gruppe solange diskutiert, bis die Schülerin, der Schüler zufrieden ist. Anschliessend werden die Resultate der Beratung in den eigenen Text eingearbeitet.
Mit diesem Text geht Valentin in die Beratungsrunde:
Früher war ich noch ein Pferd, heute bin ich nichts mehr. Ich musste Kutschen ziehen oder bei der Feldarbeit helfen. Heute ist das alles ganz anders. Die Menschen haben komische Dinge, die sich auf zwei oder vier Scheiben fortbewegen. Diese Dinge machen meistens einen furchtbaren Lärm. Doch es gibt auch Dinge, die leise sind und bei denen sich die Menschen anstrengen müssen, um vom Fleck zu kommen.
Nach dem Beratungsgespräch überarbeitet Valentin seinen Text:
Früher war ich ein gutes Zugpferd, das jeden Tag gebraucht wurde. Ich musste Kutschen ziehen oder bei der Feldarbeit helfen. Heute ist das alles ganz anders, heute bin ich nichts mehr wert. Die Menschen haben komische Dinge, die sich auf zwei oder vier Scheiben fortbewegen. Diese stinkigen Ungetüme machen meistens einen furchtbaren Lärm. Doch es gibt auch Dinge mit zwei Scheiben, die leise sind und bei denen sich die Menschen anstrengen müssen, um vom Fleck zu kommen.
Mit jedem Beratungsgespräch kompetenter werden
Bei der nächsten Beratungsgelegenheit können die Schülerinnen und Schüler üben, Vorschläge nicht gleich anzunehmen, sondern in der Gruppe Varianten zu diskutieren. Mit jedem Beratungsgespräch werden die Schülerinnen und Schüler kompetenter, Fragen differenziert zu stellen und zu beantworten.
«Schülerinnen und Schüler brauchen bestimmte Kompetenzen, um partizipativ und selbstverantwortlich lernen und zusammenarbeiten zu können», schreibt Edwin Achermann in seinem Artikel auf Seite 6. Es ist gut zu wissen, dass jede einzelne dieser Kompetenzen lernbar ist. So lernen die Schülerinnen und Schüler in der Schreibberatung,
- sich auf andere einzulassen
- sich auszudrücken und zuzuhören
- Rückmeldungen zu geben und entgegenzunehmen
- Hilfe zu holen
- mit Kritik umzugehen.
Wenn wir also bei Edwin Achermann lesen, «Partizipation stellt an alle hohe Anforderungen», dann dürfen wir auch an Unterrichtssituationen denken, wo Grundlagen zur Partizipation aufgebaut werden, wie zum Beispiel in der Schreibberatung.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Download des Artikels als PDF | 188.82 KB |
| Sprachwelt Deutsch S. 291 | 47.22 KB |
| Sprachwelt Deutsch S. 292 | 49.41 KB |
| Sprachwelt Deutsch Begleitset S. 185–189 | 516.18 KB |
| Sprachwelt Deutsch Werkbuch S. 134–135 | 1.09 MB |



