Nachdenken über mein Sprachenlernen
Das Europäische Sprachenportfolio – ein nützliches Instrument für das Mitdenken, Mitreden und Mitverantworten im Fremdsprachenunterricht
Die Förderung des selbstständigen Lernens ist ein Hauptziel heutiger Lehrpläne. Damit im Einklang steht das Europäische Sprachenportfolio, ein Instrument zur Förderung des autonomen Lernens im Fremdsprachenunterricht. Trotz den Forderungen der Lehrpläne nach eigenständigem Lernen sieht die Unterrichtsrealität oft anders aus. Eigenverantwortung und Selbststeuerung der Lernenden sind zwar als förderungswürdige Ziele kaum bestritten. Trotzdem bietet der Fremdsprachenunterricht oft wenige Möglichkeiten für die Lernenden, daran auch konkret zu arbeiten. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass der Fremdsprachenunterricht gegenwärtig noch stark auf die Arbeit mit einem Lehrwerk basiert und es nicht einfach ist, die herkömmliche Lehrwerkarbeit im Klassenverband mit den Prinzipien des autonomen Lernens zu vereinbaren.
Zum autonomen Lernen gehören aber das Mitreden und Mitentscheiden über Ziele und Inhalte des Unterrichts. Deshalb muss ein Teil des Fremdsprachenunterrichts für individuelle Arbeiten reserviert werden.
Das folgende Beispiel zeigt ein mögliches Vorgehen:
Die Schülerinnen und Schüler der 9. Realklasse machen Vorschläge zu Zielen und Inhalten ihrer Arbeit. Persönliche Interessen spielen bei der Themenwahl eine wichtige Rolle, aber auch Notwendigkeiten können mitbestimmend sein, zum Beispiel die Erkenntnis, dass etwas bereits Gelerntes aufgefrischt oder an einer Schwäche gearbeitet werden sollte. Die vorgeschlagenen Aktivitäten unterscheiden sich sowohl vom Schwierigkeitsgrad wie auch vom zeitlichen Umfang her ganz beträchtlich.
Jessica A. und Albana wollen ein englisches Buch lesen. Sie wählen einen Easy Reader zum Thema Liebe («Love Story»). Michèle erklärt, sie wolle ihre Lücken im Bereich Wortschatz schliessen und plane, die Wordlist systematisch von Unit 1 an durchzuarbeiten. Fabio will vor allem Übungen zu den Zeitformen im Workbook bearbeiten.
Nachdem die Ideen der Schülerinnen und Schüler an der Klassenkonferenz vorgestellt und diskutiert worden sind, folgen Gespräche zwischen der Lehrperson und den einzelnen Schülerinnen und Schülern. Ziel ist dabei, verbindliche Abmachungen zu treffen, was Planung, Durchführung und Auswertung der vorgeschlagenen Arbeiten angeht: Was willst du erreichen? Brauchst du zu deiner Lektüre zusätzliche Materialien, um das Leseverstehen zu überprüfen, um im Bereich Wortschatz oder Grammatik zu arbeiten, um Anregungen für Schreibanlässe zu kriegen? Oder ist das Ziel einfach: reading for fun? Wie dokumentierst du deine Arbeit?
Das Sprachenportfolio leistet für diesen Teil des Unterrichts einen wichtigen Beitrag:
Der Teil «Arbeitsdossier» mit den Anregungen zum Nachdenken über das Sprachenlernen und über Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturen liefert eine flexible Struktur, um Selbstreflexion zu üben und aus gemachten Erfahrungen zu lernen. Es bietet auch eine gute Grundlage für neue Zielsetzungen und die Planung von Arbeitsvorhaben.
Den Lehrpersonen vermitteln die Einträge der Lernenden im Teil «Arbeitsdossier» wichtige Informationen über Lernprozesse und geben einen Überblick über die gemachten Sprachlernerfahrungen.
Jessica A. und Albana hatten sich entschieden, «Love Story» zu lesen und gleichzeitig der Geschichte ab Kassette zu folgen, also Hör- und Leseverstehen zu verbinden. Die beiden Mädchen wollten direkt in die Lektüre einsteigen und sich darauf konzentrieren, der Geschichte zu folgen, ohne ständig unbekannte Wörter nachzuschlagen.
Nach Abschluss ihrer Arbeit reflektieren die beiden die gemachten Sprachlernerfahrungen und halten das für sie Wesentliche auf dem Formular «Nachdenken über mein Sprachenlernen» im Arbeitsdossier des Sprachenportfolios fest.
Das Sprachenportfolio ist Eigentum der Benutzerin/des Benutzers
Sie/er entscheidet, wem und wann sie/er das Sprachenportfolio vorzeigen will. Lehrpersonen und andere Dritte nehmen also nur dann Einsicht in ein Sprachenportfolio, wenn dies auch ausdrücklich erlaubt und erwünscht ist. Für die Lehrperson bedeutet dies ein Umdenken und Umlernen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Arbeiten der Schülerinnen und Schüler eingefordert, korrigiert, kom mentiert und beurteilt werden, wird abgelöst von einem respektvolleren Umgang mit dem jeweiligen Gegenüber.
Mit dem Sprachenportfolio dokumentieren die Schülerinnen und Schüler ihre Sprachlernerfahrungen und Lernfortschritte. Sie können ihr Sprachenportfolio der Lehrperson am Ende einer Beurteilungsperiode präsentieren und ihre Lernfortschritte sichtbar machen – für die Lehrperson ergeben sich wertvolle Hinweise, die auch in eine Gesamtbeurteilung einfliessen können, als ein Stein im gesamten Beurteilungsmosaik.
Auch wenn nicht alle Schülerinnen und Schüler mit dem Sprachenportfolio gleich viel anfangen können, arbeiten die meisten regelmässig damit. So gibt es Lernende, die das ESP mehrmals wöchentlich brauchen, andere benutzen es vierzehntäglich. Oft braucht es eine Anregung von Seiten der Lehrperson oder ein Nachfragen im Sinne von «Hast du deine neuen Lernerfahrungen bereits im Sprachenportfolio festgehalten?». Vermehrt werden individuelle sprachliche Produkte, die früher oft im Papierkorb landeten, als wertvoll wahrgenommen und im Dossier gesammelt, zusammen mit der Selbstreflexion. Das Führen eines Sprachenportfolios lässt sich nicht verordnen. Die Lehrperson kann anregen und allenfalls anleiten; selbstbestimmt und in Eigenverantwortung damit arbeiten können nur die Lernenden selbst.
Jessica B. hat den Easy Reader «Forrest Gump» gelesen und versucht jetzt, eine Zusammenfassung zu schreiben. Sie hat sich entschlossen, den Text zuerst auf Deutsch zu schreiben und diesen dann ins Englische zu übersetzen. Die Bedenken der Lehrperson wegen des Schwierigkeitsgrads ihres Unterfangens resp. die Anregungen zu alternativen Vorgehensweisen überzeugen sie nicht. Sie will es auf ihre Art versuchen.
Grundlagen und Voraussetzungen für echte Mitsprache schaffen
Die Arbeit mit dem Sprachenportfolio führt zu Fragen rund ums Sprachenlernen: Wie lerne ich, was ist für mein Lernen hilfreich/hinderlich? Welche Lernstrategien und Lerntechniken kenne ich und welche wende ich an? Antworten auf solche Fragen finden, sich des eigenen Lernens bewusst werden, das bedeutet, die Grundlage und Voraussetzung für eine echte Mitsprache zu schaffen.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Download des Artikels als PDF | 143.28 KB |



