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Basel

Die halbe Welt

Achtzehn Knaben und Mädchen aus elf Nationen besuchen die Oberstufenklasse 2b der Schule Vogesen in Basel. Wie sich der Schulalltag in der multikulturellen Klasse gestaltet, zeigt ein Augenschein.

Achtzehn Knaben und Mädchen aus elf Nationen sind in dieser sechsten Klasse beisammen. Die grösste Gruppe machen die vier Türkinnen und Türken aus. Aber die Türkei ist gross. «Glaub ja nicht, dass die Übersetzerin am Elternabend für alle türkischen Eltern die richtige Sprache spricht», sagt Anna Mengelt, die Klassenlehrerin. In der Klasse ist einzig ein Mädchen waschechte Baslerin. «Und wo sind die Schweizer Kinder?» – «Wer wirklich Mühe hat mit fremden Kulturen, der wohnt schon gar nicht in diesem Quartier. Und dann gibt es noch die Klassen mit erweitertem Musikunterricht; dort ist der Schweizer Anteil höher.»

Grosse soziale Unterschiede

Die vielen verschiedenen Sprachakzente und die augenscheinlichen Unterschiede in Hautfarbe und Gesichtsform markieren aber nur eine Dimension der Vielfalt. Für die Schule fallen vor allem die grossen sozialen Unterschiede ins Gewicht. Für einige hört die Welt beim Bahnhof auf, und Bücher gibt es nicht in jedem Haushalt. Ab und zu muss ein Schüler zu Hause geholt werden, weil die Eltern gerade nicht mehr dran denken, dass die Schule obligatorisch ist. Auf die zweitägige Schulreise sollte man Finken und Zahnbürste mitnehmen – aber das haben auch nicht alle. Was sich die Kinder im Pausenhof zurufen, versteht die beaufsichtigende Lehrperson zum grossen Teil nicht. Wer hier als Lehrerin oder Lehrer erfolgreich sein will, muss bereit sein, sich immer wieder besonderen Herausforderungen zu stellen.

Eine Mathematik- und eine Französischlektion pro Woche können in Halbklassen unterrichtet werden. Im Klassenzimmer sind darum in dieser Stunde nur neun Schülerinnen und Schüler. Das erlaubt, noch konsequenter auf jedes einzelne Kind einzugehen. Die Halbklassen sind nach dem Alphabet eingeteilt. Eine Lektion in Niveaugruppen würde den ganzen Unterrichtsfluss nur stören. Mit der heutigen Lektion beginnt das Thema «Blut» aus dem «Zahlenbuch 6». «In meinem Mathematikunterricht steht meist ein Sachthema im Zentrum», sagt Anna Mengelt. «Die Schülerinnen und Schüler arbeiten alle am gleichen Thema, oft auch mit gleichen oder ähnlichen Aufträgen. Bedingung ist, dass solche Aufträge offen sind, das heisst, einen Einstieg für alle ermöglichen und auch die Stärkeren genügend herausfordern.»

Die Stunde beginnt mit einem Klassengespräch. Einerseits werden Erfahrungen aus der Suchtprävention wachgerufen. Andererseits bezieht sich das Gespräch auf Experimente und Statistiken aus den letzten Mathematiklektionen. «Heute geht es um unser Blut.» Als Einstieg lesen alle die Abschnitte «Sehr viele Blutteilchen» und «Blutgruppen» in der Lernumgebung «Blut» «Zahlenbuch 6», S. 84/85). Es ist mäuschenstill – nur Verkehrsgeräusche von draussen. «Und, was habt ihr gelesen?» – Marko erklärt, was weisse Blutkörperchen sind, und hängt gleich noch etwas dran aus der Actimel-Werbung. Tania berichtet über Blutgruppen. Dann erhalten die Schülerinnen und Schüler schriftlich den neuen Auftrag: In der Lernumgebung «Blut» soll ein Abschnitt gewählt werden, dazu sind Fragen zu formulieren und die entsprechenden Antworten zu erarbeiten (siehe Download). Die Schülerinnen und Schüler entscheiden selber, ob sie allein oder zu zweit arbeiten wollen. Neben der Aufgabenstellung sind auf dem Blatt auch die Kriterien für die Beurteilung aufgeführt. Die Lehrerin erinnert an einen vergleichbaren Auftrag über Ballspiele. «Lest den Auftrag und fragt jetzt, wenn etwas nicht klar ist.» Ein Mädchen will wissen, ob man auch mehrere Abschnitte bearbeiten könne.

Lernberatung

Während der Arbeit setzt sich die Lehrerin reihum zu den Schülerinnen und Schülern. Hier geht es um Leseverständnis, da um eine Sachfrage, dort um ein rechnerisches Problem. Anna Mengelt kennt die Knaben und Mädchen sehr gut. Sie weiss rasch, welche Hilfe nötig ist und was von jedem Einzelnen verlangt werden kann. Die Unterschiede sind immens. Im Buch steht, dass ein Blutstropfen von der Grösse eines Stecknadelkopfes 5 000 000 rote Blutkörperchen enthält. Véronique möchte ausrechnen, wie viele rote Blutkörperchen ein Mensch hat. Einem Poster entnimmt sie, dass z.B. ein Milliliter einer Tintenpatrone entspricht, ein Hektoliter einer halben Badewanne. Noch vor wenigen Jahren hat Véronique in Kamerun jeden Tag auf dem Kopf Wasser in ihr Dorf getragen. Sie kann noch immer zeigen, wie man das macht. Mit Marko arbeitet die Lehrerin mit gezielten Fragen am Vorstellungsvermögen bezüglich kleiner Längen und Bruchteilen. Dabei wird auch gleich die Addition von Brüchen aufgefrischt. Am Nebentisch erstellen Granit aus dem Kosovo und Gilbert aus China zusammen eine Strichliste zu den Blutgruppen. Sie wollen eine grafische Darstellung machen. Anna Mengelt mischt sich nicht ein; hier könnte man im Moment nur stören. Hingegen schlägt sie Hüseyin und Mario vor, die Arbeit unter sich aufzuteilen, damit sie weiter kommen.

In der Pause wechseln die Halbklassen die Räume. Drehscheibe ist das Materialgestell hinten im Klassenzimmer. Hier muss auch gleich einiges an Information ausgetauscht werden. Und da bewährt sich Deutsch als «Weltsprache».

Die Schülerinnen und Schüler geniessen die Vielfalt in der Klasse. «Man kann etwas von anderen Kulturen lernen», schreibt Juan, und Gilbert meint: «Man lernt sehr viele neue Wörter. Aber die Nachteile sind: dass die anderen über einen reden zum Beispiel und man versteht das nicht.»

Anna Mengelt findet Unterrichten in dieser Situation spannend. «Mein Ziel ist, möglichst die Stärken der Schülerinnen und Schüler zu fördern und allen Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Ich arbeite mit Lernjournalen. Die Schülerinnen und Schüler reflektieren immer wieder ihr eigenes Lernen und ihre Lernfortschritte. Meine Schülerinnen und Schüler arbeiten oft in Kleingruppen, müssen gemeinsam nach Lösungen suchen oder ihre Ideen und Lösungswege vergleichen. Mir ist es wichtig, dass sie auch immer wieder sehen, wie andere mit einem Problem umgehen. – Natürlich gibt es in meinem Unterricht auch immer wieder Übungssequenzen, wo die Schülerinnen und Schüler das Gelernte festigen und automatisieren können. Hier versuche ich, die Angebote möglichst individuell zu gestalten. Wichtig ist mir, dass die Schülerinnen und Schüler die Dinge, die sie üben und automatisieren, verstanden haben.»

Text und Bilder: Werner Jundt

Das Lehrmittel «Zahlenbuch 6»

«Ich erwarte ein Angebot an reichhaltigen, möglichst authentischen Situationen/Lernumgebungen. Üben soll immer in Sinnzusammenhängen möglich sein. Mit dem Zahlenbuch und dem mathbu.ch, die an unserer Schule offizielle Lehrmittel sind, habe ich Lehrmittel, die diese Anforderung erfüllen.»

Anna Mengelt

Weitere Informationen zum «Zahlenbuch 6» beim http://www.klett.ch">Klett Verlag und auf der http://www.schulverlag.ch">Website des schulverlags blmv AG.

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