Bern
Der Zirkus schweisst zusammen
Gäbe es «Heterogenitäts-Etiketten», würde die dritte Klasse im Schulhaus Sulgenbach in Bern wohl mit «Normalklasse» angeschrieben: Sie ist heterogen in Bezug auf Fähigkeiten, Sozialkompetenz, Leistungen, Herkunft, Interessen etc. Und damit umzugehen, findet ihre Lehrerin, Brigitte Kohli, anspruchsvoll. Die Kinder der Klasse hingegen sehen ihre Situation ziemlich locker: «Mit der Vielfalt in unserer Klasse gibt es eigentlich keine Probleme», sagt Clemens und erhält Zustimmung von Mitschülerinnen und Mitschülern. Der Umgang mit der Heterogenität in ihrer Klasse ist für die Kinder alltäglich. Das Zirkusprojekt «Pastello» gibt ihnen jedoch die Möglichkeit, wieder einmal intensiv und bewusst an dieser Thematik zu arbeiten.
Montagmorgen, drei Wochen vor der Zirkusaufführung. 22 quirlige Kinder treffen sich im Klassenzimmer. Der ganze Vormittag ist fürs Proben reserviert. Nach einer kurzen Einführung geht es in die Turnhalle. Auf dem Weg dorthin zeigt sich an einem kleinen Beispiel, dass die Kinder punkto Sozialkompetenz unterschiedlich sind. Die meisten Kinder machen sich schnell und ruhig auf den Weg, mit Rücksicht auf die anderen Klassen, bei denen der Unterricht ja auch begonnen hat. Rasch haben sie sich umgezogen und helfen beim Tragen des Materials, das sie für die verschiedenen Nummern brauchen. Andere Kinder schaffen das noch nicht. Einige sprechen ziemlich laut miteinander, andere brauchen beim Umziehen viel Zeit und merken nicht, dass der Rest der Klasse auf sie wartet. Oder sie vergessen völlig, dass es ja noch Material in die Turnhalle zu tragen gibt.
Jedes Kind ist wichtig
Dann geht es los. Die Jongliernummer kann sich schon sehen lassen. Ganz hinten stehen die Diabolo-Künstler. Geschickt werfen sie die farbigen Diabolos in die Luft und fangen sie meist auch wieder auf. Weiter vorne schaffen es einige Kinder schon, mit drei Bällen zu jonglieren. Wer noch nicht so weit ist, tut dasselbe mit bunten Chiffontüchern. So werden alle Kinder nach ihren Möglichkeiten in die Nummer mit einbezogen und spüren, dass jedes von ihnen gebraucht wird. Gerade dieser Punkt ist für die Lehrerin Brigitte Kohli ein wichtiges Ziel des Zirkusprojekts: Die Schülerinnen und Schüler sollen erleben, dass sie alle wichtig sind, dass die Aufführung nur gelingen kann, wenn alle sich engagieren. So wird einerseits das Selbstbewusstsein gestärkt und andererseits wird die Bedeutung der Verantwortung offensichtlich, die jedes einzelne Kind übernehmen muss.
Doch auf dem Weg zu diesem Ziel gibt es natürlich auch Rückschläge. Vor ein paar Tagen hat ein Schüler beim Üben der Pyramiden-Nummer plötzlich erklärt, er wolle nicht mehr mitmachen. Nach den Gründen gefragt, sagte er, er habe einfach keine Lust mehr. Darauf bekam er von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern einiges zu hören: Er könne sie doch jetzt nicht im Stich lassen. Sie seien auf ihn angewiesen. Ohne ihn müsse die Nummer gestrichen werden. Diese Argumente überzeugten auch diesen Jungen, dessen Sozialkompetenz noch nicht so hoch ist wie bei anderen. Aber gerade durch dieses Erlebnis hat er einiges gelernt und setzt sich jetzt verstärkt fürs Gelingen des Projektes ein.
«Kunterbunt» ist hilfreich
Hilfreich ist für Brigitte Kohli in «Krisensituationen» wie jener mit der Pyramide auch das Lehrmittel «Kunterbunt – Ich und die Gemeinschaft». Parallel zum Zirkusprojekt arbeitet sie mit der Klasse nämlich am Kapitel «Menschen brauchen einander». Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik hilft den Kindern bei der Reflexion der eigenen Erfahrungen im Zirkusprojekt. Besonders beeindruckt hat sie die Geschichte «Warum Grossvater einen Mordshunger bekam». Von sich aus haben die Schülerinnen und Schüler die Verbindung zu ihrer Arbeit für die «Pastello»- Vorstellung gemacht: Sie sind aufeinander angewiesen wie Helene und ihr Grossvater in der Geschichte. Die Aussagen von Kindern im «Kunterbunt»-Themenheft zu den Fragen «Wen brauchst du? Wer braucht dich?» haben die Schülerinnen und Schüler zu einer vertieften Reflexion angeregt. Intensiv haben sie ihre Antworten, die sowohl den schulischen wie auch den privaten Bereich betrafen, miteinander diskutiert.
In der Zwischenzeit wird die Nummer mit den Reifen geübt. Livia macht auch in ihrer Freizeit Gymnastik. Deshalb kann sie mit dem Reifen besonders gut umgehen. Die Kunststücke, die sie vorführt, werden umrahmt von einigen Kindern, die mit ihren Reifen ganz einfache Übungen machen. Auch diese Nummer ist ein Beispiel für erfolgreichen Umgang mit Heterogenität: Für Livias besondere Fähigkeiten wird ein Rahmen geschaffen. Die letzte Nummer, die geübt wird, repräsentiert noch einmal die Vielfalt in dieser Klasse: Die Kinder machen eine Rolle durch einen Reifen. Brigitte Kohli weiss bei jedem Kind, wie hoch sie den Reifen schon halten kann. Da gibt es hohe, weite Sprünge mit gestreckten Beinen und solche, die noch eher wie Purzelbäume aussehen. Und das ist gut so!
Unterschiedliche Wahrnehmungen
In den Einzelgesprächen mit Brigitte Kohli und einigen ihrer Schülerinnen und Schüler zeigt sich, dass der Umgang mit der Heterogenität in der Klasse sehr unterschiedlich wahrgenommen wird:
Der Lehrerin kommt es manchmal vor, als würde sie dauernd einen Spagat machen. Sie stellt an sich selbst die Anforderung, allen zu jeder Zeit gerecht zu werden, und merkt selber immer wieder, dass das nicht zu schaffen ist. Unterstützung erhält sie von ihren stärkeren Schülerinnen und Schülern, die sie als «Hilfslehrkräfte» einsetzt.
Den Kindern der Klasse ist zwar durchaus bewusst, dass sie nicht alle das Gleiche können und auch in ihrer Persönlichkeit sehr unterschiedlich sind. Und es gibt Momente, in denen sie es mühsam finden, wenn jemand noch nicht gut Deutsch spricht oder in Mathematik nach der ersten Erklärung noch nicht alles verstanden hat. Aber im Grossen und Ganzen ist die Heterogenität in ihrer Klasse kein Problem für sie. Im Gegenteil, ihre Aussagen machen jeder Lehrperson Mut:
Text: Susanne Gattiker
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