Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Homberg

Für jedes Kind vier Jahre Zeit

Zwölf Erst- bis Viertklässler werden in der Schule Moosacker gemeinsam unterrichtet. Dass und wie dies «funktioniert», zeigt unsere Reportage aus Homberg (BE).

In Homberg, nicht weit von Thun, finden wir nach kurzer Fahrt auf dem steilen Waldsträsschen das Unterstufenschulhaus Moosacker. Ein paar Kinder sind schon in der Schulstube. Nino berichtet der Lehrerin von den Aufgaben, die er mit der Grossmutter gemacht hat. Er kann sie gleich mit dem Lösungsheft überprüfen. Die Schule hat noch nicht begonnen. Stefan und Lea zeigen uns das Schulhaus. Besonders stolz sind sie auf die grosse Bibliothek: eine gemütliche Sitzecke, Computerarbeitsplätze, natürlich viele schöne Bücher, aber auch Kassetten und DVDs. Die Kinder verwalten die Ausleihe elektronisch.

Vier Schuljahre – eine Klasse

Um Viertel nach acht Uhr beginnt der Unterricht. Die zwölf Erstbis Viertklässler sitzen mit der Lehrerin im Kreis. Ein Mädchen hat eine Maulwurfsgrille mitgebracht, «e Wärre», ein Knabe eine Zichorienwurzel – daraus machte man früher Kaffee. Nach dem Vorstellen der Mitbringsel singt die Klasse zwei Lieder. Dann stellt Elias aus der vierten Klasse aus seinem Naturtagebuch ein Tier vor. Er beginnt mit einem Rätsel. – Hamster? Biber? – Streifenhörnchen! Es folgt ein sorgfältig recherchierter Bericht. Dann melden die anderen zurück: «Du hast viel geschrieben und schön gezeichnet.» – «Nächstes Mal könntest du noch einen Rand machen.» Dazwischen ein Ritual zur Konzentrationsförderung: Die Kinder stehen auf. Ein Knopf geht im Kreis herum, von Fingerkuppe zu Fingerkuppe, von mir zu dir – nicht fallen lassen! Weitere Kinder berichten aus ihrem Naturtagebuch. Sie erhalten Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern jeden Alters. «Gut gelesen. Aber du solltest die Füsse ruhiger halten.» – «Du hast spannende Wörter gewählt.» – «Du hast einmal über den Rand geschrieben – aber das passiert mir manchmal auch.»

Jede Klasse arbeitet nach ihrem eigenen Wochenplan

Wir sind beeindruckt, wie souverän vorgetragen wird, fast noch mehr aber von der hohen Feedbackkultur. Alles läuft ganz selbstverständlich in Hochsprache ab. Und längst haben wir vergessen, dass hier vier Schuljahre beieinander sind. Erkennbar wird das aber gleich in der nächsten Phase. Jede Klasse hat ihren eigenen Wochenplan. Während die Jüngeren einzeln oder zu zweit hinter ihre Aufgaben gehen, sitzen die vier «Vierteler» zuerst noch mit der Lehrerin zusammen. Sie bespricht Vorlesetipps aus dem Lehrmittel «Sprachfenster». Die Schülerinnen und Schüler veranschaulichen diese durch Beispiele. Dann bereiten sie sich darauf vor, ihre persönlichen Geschichten vorzulesen. Unterdessen führt Jasmin aus der zweiten Klasse die Erstklässlerin Lea in eine Aufgabe aus dem Zahlenbuch ein; Lea versteht rasch, worum es geht. Und zwei Knaben aus der dritten Klasse üben am Computer Blitzrechnen. Dann untersuchen die Zweitklässler und Zweitklässlerinnen mit der Lehrerin mit Zahlenkärtchen «Tauschaufgaben». Anschliessend lösen sie mit Klebzetteln an der Wandtafel Folgen von Multiplikationen. An den Pulten wird derweil konzentriert gearbeitet.

Wir versuchen, uns vorzustellen, wie viel Aufbauarbeit nötig ist, bis Unterstufenschüler und -schülerinnen so selbstständig arbeiten können und bis eine so intensive Lernatmosphäre für alle selbstverständlich ist. Uns wird bewusst, wie sehr in einer Mehrjahrgangsklasse Schülerinnen und Schüler vom Schuleintritt an von einer bestehenden Gemeinschaft und einer seit Jahren gewachsenen Unterrichtskultur profitieren.

Inzwischen sind die «Dritteler» bei der Lehrerin: Verben erkennen und Sätze in eine andere Zeitform setzen. Derweil korrigiert im Nebenraum Elias das Partnerdiktat, das er mit Selina, seiner Kollegin aus der vierten Klasse gemacht hat. Am gleichen Tisch klebt die Erstklässlerin Lea ihre geometrischen Muster aus dem Zahlenbuch. Als sie fertig ist, geht sie zum Minitrampolin und übt im Hüpfen Wörter lesen.

Natürlich sind die Schülerinnen und Schüler in der Moosackerklasse nicht nur verschieden alt: Verschieden sind die Elternhäuser mit ihren Wertesystemen, verschieden sind die Begabungs- und Lernstandprofile, gross ist auch hier die Bandbreite der Selbst- und Sozialkompetenz. Und spürbar ist der Wunsch der Lehrkräfte, dieser Vielfalt gerecht werden zu können. Uns beeindruckt die intensiv gelebte Lerngemeinschaft. Wir kamen auf der Suche nach Heterogenität – und finden eine homogene Lernkultur auf beeindruckendem Niveau. Was macht diese Klasse so rund und ganz? Wohl gerade auch das Wissen um die selbstverständliche Unterschiedlichkeit. Dieser hochkomplexe Unterricht kann nur gelingen, wenn alle spüren, dass sie einzeln auf die Rechnung kommen, – und wissen, dass es dazu die Hilfe aller braucht.

Am Ende der Doppelstunde trifft sich die Klasse wieder im Kreis, diesmal im Nebenraum. Die «Vierteler» lesen Geschichten vor. Zu Beginn erklärt Milena noch einmal die Aufgabe: Zu einem Bild, das man aussuchen durfte, gilt es, eine Geschichte zu schreiben. Auf jedem Bild kommen Menschen vor. Selina liest zu einem Bild von Paul Klee ihre Geschichte «Der Fremde und der Schiffbrüchige». In der Selbstbeurteilung geht sie auf Kriterien und Lesetipps aus dem «Sprachfenster» ein. Die Lehrerin stützt und differenziert diese. Dabei lernen auch die Jüngeren die Anleitungen zum Sprachhandeln kennen.

Geschichten von allen, für alle

Nino liest eine Geschichte von einem, der geplagt wurde und sich als Geist rächte. Die Gestalt auf seinem Bild war schwarz und bizarr. Ein paar Kinder stellen die Figur nach. Milena liest ihre Geschichte von einer Entführung im Zoo. Elias Geschichte heisst «Die Ernte» und erzählt von einem Bauern und seinem Knecht. Wiederum wird sorgfältig zurückgemeldet – nicht nur von den Viertklässlerinnen und Viertklässlern. Geschichten lassen sich nicht einem Jahrgang zuordnen, sie gehören allen.

In der Pause sitzen wir mit den Lehrkräften zusammen. Christine und Thomas Rüegsegger teilen das Pensum. Thomas ist zudem Schulleiter, auch für die oberen Klassen in Homberg. Wir sprechen von der reichen Ernte nach elf Jahren Aufbauarbeit in einer Klasse, die immer «weiter geht». Schülerinnen und Schüler in Mehrjahrgangsklassen haben viele zusätzliche Chancen: etwa manchmal ein bisschen «älter sein zu können» oder eben auch «jünger bleiben zu dürfen». Von Stärken können jüngere Mitschüler und -schülerinnen profitieren, und an Schwächen kann mit mehr Zeit gearbeitet werden. Die Atmosphäre, die so wichtigen Rituale, die Lernkultur laufen in der Klasse weiter, und die Jüngeren wachsen hinein. Erziehung zur Selbstständigkeit ist von Beginn weg eine Selbstverständlichkeit; sonst würde ein so komplexer Unterricht gar nicht funktionieren.

Was heisst in dieser Unterrichtswirklichkeit «Einzelne fördern»?

Zum Beispiel während des Wochenplans in der Einzelarbeit auf verschiedene Lerntypen eingehen und persönliche Zusatzaufgaben zuteilen. – Ein Drittklässler hatte vorhin während einiger Minuten an der Wandtafel «den zusammengehängten b» geübt; die Form macht ihm noch Mühe.

Was heisst «Den Lernenden gerecht werden»?

Auf individuelle Bedürfnisse eingehen. Dass jedes Kind anders ist, wird in einer heterogenen Klasse selbstverständlich akzeptiert.

Was erwarten die Lehrkräfte in dieser Situation von Lehrmitteln?

Vielfältige Aufgabenstellungen von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Gutes Begleitmaterial für selbstständiges Arbeiten, besonders auch Material «zum Handeln». Inhaltliche Kontinuität, «es kommt immer wieder». Am Zahlenbuch werden die vielen offenen Aufgaben geschätzt, die eine persönliche Auseinandersetzung ermöglichen.

Ist der Lehrplan mit diesen Gegebenheiten zu erfüllen?

«Sicher – besonders, weil wir ja vier Jahre Zeit haben! So kann man immer zurück- und vorwärtsblenden.»

Die Kinder sagen:

«Man kann immer alles wiederholen.» Für sie ist es selbstverständlich, dass jüngere und ältere in der gleichen Klasse sind. Sie profitieren vom Zusammenspiel in den gemeinsamen Phasen, wo die Jahrgangsgrenzen sich auflösen. Sie respektieren aber auch die Unterschiede dort, wo sie zutage treten. Eine Klassengemeinschaft lebt von beidem.

Text und Bilder: Werner Jundt

AnhangGröße
Download des Artikels als PDF188.69 KB
Unterrichtsbeispiel für «Sprachfenster»24 KB
Themengebiete / Rubrik:
schulverlag blmv AG