Twann
Eine «Modell 4»-Schule
«Modell 4» heisst im Kanton Bern: Auch nach der Selektion in Sekundar- und Realschülerinnen und -schüler besuchen alle zusammen die gleiche Klasse. Es gibt nicht viele Gemeinden mit einer «Modell 4»-Oberstufe im Kanton. Bei den meisten dürften nicht pädagogische Gründe den Ausschlag für die Modellwahl gegeben haben, sondern die sinkenden Schülerinnen- und Schülerzahlen. So auch im malerischen Weinstädtchen Twann am Bielersee. Das palastartige Schulhaus aus dem 19. Jahrhundert wurde unlängst mit einem modernen Saalbau harmonisch erweitert. Die Anlage beherbergt Schülerinnen und Schüler vom Kindergarten bis zur neunten Klasse aus den Gemeinden Twann, Ligerz und Tüscherz-Alfermée.
Wir besuchen eine neunte Klasse kurz vor Ende der obligatorischen Schulzeit. Achtzehn Jugendliche sitzen an drei Pultinseln, rund die Hälfte Mädchen, die Hälfte Knaben. Auch etwa gleich viele Real- wie Sekundarschülerinnen und -schüler. Wer gehört wohin? Das ist natürlich von aussen nicht zu sagen. Anderswo würden sie in verschiedenen Klassen oder sogar in verschiedenen Häusern zur Schule gehen. Mit dem entsprechenden Stempel. Es bestehen aber auch Schulmodelle, die gar nicht nach Sekundar- und Realschülerinnen und -schülern unterscheiden – und dazu braucht man nicht einmal bis nach Finnland zu gehen. Im Kanton Bern ist das «Modell 4» das integrativste öffentliche Oberstufenmodell.
Zwei verschiedene Curricula
Die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse in Twann werden in den so genannten Hauptfächern nach zwei verschiedenen Curricula unterrichtet. Das heisst zum Beispiel für den Mathematikunterricht: Manchmal arbeitet jede Halbklasse an einem anderen Thema. Bisweilen wird aber auch an einem Klassenthema gearbeitet, auf zwei verschiedenen Anspruchsniveaus. So auch in der von uns besuchten Lektion.
Das Thema lautet «Formate». Zu Beginn der Stunde sitzt die ganze Klasse mit dem Lehrer Ueli Wolf um einen grossen Tischkomplex vorne im Zimmer. An der Wandtafel kleben noch die DIN-A-Formate von gestern. Heute geht es um Couverts. Auf dem Tisch liegen verschiedene Briefumschläge, darunter auch ungewöhnliche Querformate. «Was passt hier rein?» – «Ein Einzahlungsschein.» – «Wie muss man ein A4-Blatt falten, damit es hineinpasst? » Die Schülerinnen und Schüler probieren aus. «Penser c´est opérer» (Piaget) – das gilt für alle. Aber während die Sekundarschülerinnen und -schüler nach einem kurzen handlungsbetonten Einstieg mit einem Auftrag am Platz weiterarbeiten, bleiben ihre Kameradinnen und Kameraden aus der Real noch vorne. Auch sie erhalten einen Arbeitsauftrag, werden aber zusätzlich mit Material ausgerüstet.
Das Thema «Formate» kommt in beiden niveaudifferenzierten «mathbu.ch»-Ausgaben vor. Auch die Aufgaben in den Arbeitsheften 9 und 9+ unterscheiden sich bei diesem Thema äusserlich nur geringfügig. Der Unterschied liegt im Vorgehen: Während die einen messen und rechnen, lösen die anderen Gleichungen. In beiden Gruppen werden auch Fragen diskutiert. Hier wie dort hat es Schülerinnen und Schüler, denen es leichter fällt als anderen. Und in beiden Gruppen helfen die stärkeren Schülerinnen und Schüler den schwächeren. Die Sek-Gruppe trifft sich zwischendurch vorne mit dem Lehrer zu einer Besprechung. Später berichten Realschülerinnen und -schüler der Lehrkraft einzeln über ihre Arbeit und die gemachten Entdeckungen. Auch wenn die Lehrkraft «besetzt» ist, wird an den Tischen intensiv gearbeitet. Die Selbstständigkeit der Lernenden ist gross, die Kompetenz, einander sinnvoll zu unterstützen, ausgeprägt. Beides ist Voraussetzung, damit parallel zwei Programme laufen und von der Lehrkraft betreut werden können. Dahinter steckt sorgfältige Aufbauarbeit; und auch eine unspektakuläre Lektion wie diese muss minutiös geplant sein.
Auf zwei Niveaus unterrichten
Ueli Wolf sagt, die Planung falle ihm eher leichter, wenn beide Halbklassen an unterschiedlichen Themen arbeiteten. Die Aufgabe, ein Thema gleichzeitig auf zwei Niveaus zu unterrichten, sei nicht zu unterschätzen. Vom zweispurigen Planen seien nicht alle im Kollegium gleich angetan. Für Ueli Wolf ist das seit gut zehn Jahren selbstverständlich und spannend zugleich. Damals führte Twann das «Modell 4» ein.
«Schön, dass die Klasse zusammenbleibt»
Und wie erleben es die Jugendlichen? «Schön, dass die Klasse zusammenbleibt», tönt es von ihrer Seite. Alle haben mit ihren Kameradinnen und Kameraden schon die erste Klasse besucht, die einen in Ligerz, die anderen in Twann. «Wir kennen uns halt schon sehr gut, halten zusammen und unternehmen viel zusammen. Und weil wir alle in der gleichen Klasse sind, können wir uns auch gut helfen, wenn der Lehrer mal mit jemand anderem arbeitet.» – «Hat das System auch Nachteile?» – «Der gruppenweise Unterricht im gleichen Zimmer kann auch ablenken.» Aber eigentlich machen sich die Schülerinnen und Schüler kaum Gedanken über ihr Schulmodell. Sie kennen nichts anderes und sind zufrieden. Und ihre Eltern? Ja – es gäbe schon Eltern, die nicht begeistert seien vom Twanner Modell, sagt der Lehrer. Die Eltern der Realschülerinnen und -schüler sowie jene der starken Sekundarschülerinnen und -schüler stünden dahinter. Aber wenn ein Kind in der Sek Mühe habe, dann sei halt bald einmal das Modell Schuld. Auch die Selektion nach der sechsten Klasse sei nicht etwa entspannter geworden durch die Tatsache, dass nachher immer noch alle in die gleiche Klasse gingen.
Eine politische Frage
Die Integration im «Modell 4» liesse sich noch weitertreiben, die zwei fixen Niveaugruppen könnten mit flexibleren Gruppierungen durchbrochen werden. Auch in den Niveaufächern könnten Real- und Sekundarschülerinnen und -schüler zusammenarbeiten. Wie integrativ eine Schule sein soll, ist jedoch nicht zuletzt eine politische Frage in den jeweiligen Gemeinden. Und wie lange der Kanton Bern überhaupt gewillt ist, das integrativste seiner Oberstufenmodelle noch zu tragen, ist auch nicht klar.
Text und Bilder: Werner Jundt
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Download des Artikels als PDF | 178.63 KB |



