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Zürich

Sprachwelten verbinden

Wie lässt es sich in einer multikulturellen und multilingualen Klasse mit «Sprachwelt Deutsch» unterrichten? Ein Besuch im Wengischulhaus im Zürcher Kreis 4 zeigt es uns.

In der Nähe der Langstrasse steigen wir aus dem Tram. Den Kreis 4 kennen wir nur aus Medienberichten, wir sind deshalb gespannt auf unseren Besuch im Wengischulhaus. Wir gehen mit der Frage hin, wie sich in einer multilingualen und multikulturellen Klasse mit «Sprachwelt Deutsch» unterrichten lässt.

Noch ist der Unterrichtsraum leer. Es ist ein freundlicher Raum mit einer Sofaecke, von den Pulten durch eine Pflanze abgetrennt. An der Wandtafel hängt ein Plakat mit den Sprachen, die in der Klasse gesprochen werden, es sind gegen 20 Sprachen. «Wenn wir zusammen eine Weltreise machen würden, könnte immer jemand seine Sprache brauchen und für die andern sprechen.»

Nach und nach treffen die 17 Schülerinnen und Schüler der siebten Klasse ein, geben ihrer Lehrerin Franziska Bischofberger zur Begrüssung die Hand und setzen sich in vier Gruppen an ihre zusammengeschobenen Pulte. Die angenehme Atmosphäre beeindruckt uns – auch das ist Zürich Kreis 4!

Die «Sprachwelt Deutsch» in Gruppen erkunden

Die vier Gruppen arbeiten an verschiedenen Sachbuchkapiteln von «Sprachwelt Deutsch», die sie in einer früheren Deutschlektion selbst auswählen konnten. Es ist das erste Mal, dass die Schülerinnen und Schüler aus verschiedenen Sachbuchkapiteln aussuchen können. Vorher arbeitete jeweils die ganze Klasse am gleichen Kapitel. Eine Mädchengruppe befasst sich im Kapitel «Sprachfamilien » mit einer Liste, in der sie Wörter aus verschiedenen Sprachen zusammenstellen. Sie haben das Kapitel «Sprachfamilien» mit dieser Problemstellung gewählt, weil in der Klasse so viele Sprachen vorhanden sind. Die Kommunikationssprache der Mädchen ist Deutsch, zu Hause spricht Jessica italienisch, Armina bosnisch, Kiki griechisch und Riela ungarisch. Offensichtlich sind die Mädchen sehr zufrieden, dass ihre Wörterliste aus den verschiedenen Sprachen, die sie aus Umfragen in der Klasse zusammenstellen, so umfangreich wird. Die andere Gruppe, die im Kapitel «Sprachfamilien» arbeitet, hat die Problemstellung gewählt, wo auf verschiedenen Landkarten die eigenen Sprachen gesucht werden können. Auf der Weltkarte haben die vier Schüler schon Serbisch, Persisch, Portugiesisch, Vietnamesisch und Chinesisch gefunden. Nun suchen sie ihre Sprachen im Sprachenstammbaum. Leo spricht zu Hause portugiesisch, er hat seine Sprache im Sprachenstammbaum rasch gefunden. Ihm gefällt diese Aufgabe und er kommentiert: «Dies ist ein gutes Deutschbuch, da hat es ja nicht nur die deutsche Sprache drin, da finden wir alle unsere Sprachen.»

Natürlich wollen wir wissen, ob die vier Schüler die Texte im Sachbuch verstehen, z.B. den Lead im Kapitel «Sprachfamilien».

Milos spricht zu Hause serbisch, er antwortet spontan: «Ich verstehe diesen Text, ich bin stolz! Ich bin erst seit vier Jahren in der Schweiz und habe in der Schule Deutsch gelernt. Wenn ich etwas nicht verstehe, frage ich meine Kameraden. Oder ich unterstreiche die Wörter und frage die Lehrerin. Ich will die Texte verstehen!»

Bereitschaft zum Austausch

Stört es die anderen nicht, wenn Milos etwas fragt? Leo meint: «Einander fragen ist selbstverständlich.» Und Arien, der zu Hause persisch spricht, ergänzt: «Es ist ein Geben und Nehmen.» Hier zeigt sich eine Haltung, die fürs Lernen grundlegend ist. In der Bereitschaft zum Austausch bringen die Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedliche Voraussetzungen mit. Dort setzt Franziska Bischofberger mit ihrem Unterrichtskonzept an. Sie fordert von ihrer Klasse diesen Austausch.

Eine andere Gruppe widmet sich dem Kapitel «Schrift» und befasst sich mit einer Problemstellung, bei der verschiedene Schriften ausprobiert werden können. Die vierte Gruppe will im Kapitel «Zeichen und Signale» eine Sammlung von Zeichen erstellen und eigene Zeichen erfinden. An allen Tischen wird intensiv gearbeitet. Uns fällt auf, dass die Kultur der Zusammenarbeit hoch ist.

Das Interesse am Anderen kommt nicht von selbst

Wir fragen Franziska Bischofberger, wie sie als Lehrerin an der Entwicklung dieser Kultur arbeitet. Ihre Antwort: «Da sind einmal die Problemstellungen zu «Sprachwelt Deutsch». Sie sind so offen angelegt, dass es verschiedene Lösungen gibt – inhaltlich und sprachlich. Und sie verlangen immer auch den Austausch. Damit sind die Problemstellungen für die Schülerinnen und Schüler auch Modell für die Haltung, dass etwas Anderes grundsätzlich interessant sein kann, ja, meist bereichernd ist. Zusammenarbeit bedeutet ja einerseits, die verschiedenen Lösungen zuzulassen, und diese anderseits auch auszutauschen.» Und wie unterstützt Franziska Bischofberger diese Haltung im Unterricht? «Das Interesse am Anderen kommt nicht von selbst. Es gibt diesbezüglich grosse Unterschiede in der Klasse. Je nach Herkunft und Bildung wird das Andere grundsätzlich als interessant empfunden und akzeptiert – oder das Andere befremdet und wird abgelehnt. Mein Unterricht kann und muss der ständige Lernraum sein, sich mit dem Anderen auseinander zusetzen.

Gleichgültigkeit darf nicht sein!»

«Ich muss den Schülerinnen und Schülern als Modell dienen und ihnen zeigen, dass es überall interessante Dinge gibt. Ich mische mich also in die Gruppenarbeiten ein und zeige ihnen – durch meine Fragen und Bemerkungen – meine eigenen Fragen und Interessen. Nur wenn mein Interesse echt ist, kann ich es auch bei den Schülerinnen und Schülern wecken. Ausserdem verlange ich, dass die Schülerinnen und Schüler die Zusammenarbeit üben und sich nicht ausklinken. Ebenso fordere ich eine aktive Teilnahme an Gemeinschaftsphasen.» Zum Stundenschluss moderiert Franziska Bischofberger den kurzen Austausch der Erkenntnisse aus der Gruppenarbeit. Auch das ist Förderung des Interesses am Anderen. Die Schülerinnen und Schüler verabschieden sich, der Unterrichtsraum ist wieder leer.

Nachdenklich verlassen auch wir das Zimmer. Wir sind mit der Frage nach Multilingualität und Multikulturalität in den Kreis 4 gekommen. Und wir haben einen Unterricht und eine Lehrerin getroffen, wo Heterogenität viel mehr ist, wo das Interesse an der Verschiedenheit gelebt wird. Es wurde uns gezeigt, dass Vielfalt natürlich ist. Und dass Unterricht verstanden werden kann als Kultur der Offenheit dem Andern gegenüber.

Text und Bilder: Therese Grossmann

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