Heterogenität – Modebegriff oder Kernaufgabe?
Noch vor einigen Jahren sprach fast niemand von Heterogenität – heute ist das Wort in aller Pädagoginnen und Pädagogen Munde, ist Thema von Kongressen und löst Kaskaden von Publikationen aus. Sind die Schülerinnen und Schüler verschiedener geworden? So lange es Schulklassen gibt, fanden sich darin Begabtere und weniger Begabte, in der Entwicklung Fortgeschrittene und Zurückgebliebene. Der Durchschnittsschüler, die Durchschnittsschülerin war schon immer eine Fiktion. Neu ist die Radikalität, mit der diese Fiktion hinterfragt wird.
Die grössere soziale Vielfalt und die stärkeren kulturellen Unterschiede insbesondere in städtischen Schulen machen Heterogenität offensichtlicher. Hirnforschung, Psychologie und Pädagogik weisen klarer denn je auf die Einzigartigkeit des Individuums hin. Wenn in einer Schulklasse zehn verschiedene Muttersprachen vertreten sind, ist dem Phänomen nicht mehr auszuweichen. Aber auch in einer äusserlich «homogenen» Klasse lernt jede Schülerin und jeder Schüler nur schon auf Grund der familiären Sozialisation und der bisherigen Lernbiografie anders. Wenn das Thema heute akzentuierter diskutiert wird, dann bestimmt auch aufgrund der ausgeprägten Individualisierung unserer Gesellschaft und der damit verbundenen Relativierung des Wertesystems. Guten, nicht anderen Unterricht Wir haben uns im Hinblick auf das vorliegende Heft gefragt, ob von Lehrpersonen in «besonders vielfältigen Situationen» allgemein gültige Hinweise zum Umgang mit Heterogenität zu erhalten seien. Wir besuchten verschiedene Arten von «heterogenen» Klassen, beobachteten altersdurchmischte und «multikulturelle» Klassen, solche mit einem breiten Begabungsspektrum oder mit grosser sozialer Streuung. Was lässt sich von Lehrpersonen lernen, die seit Jahren mit einem heterogenen Schulalltag erfolgreich umgehen? – Nun, wir haben keine Rezeptsammlung nach Hause getragen; das war auch nicht zu erwarten. Bestätigt wurde jedoch eine nahe liegende Vermutung, deren Bedeutung gerade in ihrer Banalität liegt: Eine heterogene Schulsituation verlangt nicht einen anderen, sondern einfach einen guten Unterricht. Aber was heisst das?
Wir haben festgestellt, dass die meisten der besuchten Lehrpersonen sich mit ihrer Schulsituation positiv identifizieren und die sich ergebende besondere Problematik als interessante Aufgabe wahrnehmen. Als Hauptmerkmal im Unterricht fiel die grosse Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler auf: Delegation von Entscheidungsbefugnis macht Heterogenität verwaltbar. Die Lernenden tragen spürbar Verantwortung für ihr Tun, wissen sich zu helfen und unterstützen sich gegenseitig. Auf Seiten der Lehrpersonen ist uns aufgefallen: Die Inputs sind gezielt, prägnant und durchdacht. Grosses Gewicht liegt auf der individuellen Betreuung. Diese stützt sich auf differenziertes Wissen über die einzelnen Schülerinnen und Schüler und eine entwickelte Diagnosefähigkeit. Wir haben erfahren, wie Heterogenität als Chance genutzt werden kann, gerade auch als Training einer ressourcenorientierten Grundhaltung. Eine Kollegin sagte: «Mein Unterricht kann und muss der ständige Lehrraum sein, sich mit dem Anderen auseinander zu setzen.»
Vielfalt als Chance
Die Haltung der Lehrperson erlaubt es auch den Lernenden, Vielfalt als Chance zu erleben. Integration heisst hier nicht Einbindung des Andersartigen, sondern Teilhabe an der Gemeinschaft. Das Individuum kann und soll sich einbringen und erfährt sich dadurch als bedeutsam für das Geschehen in der Klasse. Kooperatives Lernen ist alltäglich praktizierte Selbstverständlichkeit. Rituale unterstützen die Gemeinschaftsbildung. Andererseits gibt gerade die Verschiedenheit auch Raum für Individualität und Rollenvielfalt.
Alle Kinder und Jugendlichen unbesehen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder anderer Verschiedenheiten in ihrer Entwicklung und ihren Fähigkeiten zu fördern, ihnen die individuell bestmöglichen Bildungschancen zu gewähren, gehört zum Grundauftrag von Kindergarten und Schule. Im Vergleich zu anderen Ländern können in der Schweiz Kindergarten und Schule die unterschiedlichen Voraussetzungen, welche die Kinder fürs Lernen und den schulischen Erfolg mitbringen, nur mangelhaft ausgleichen. Viele Schülerinnen und Schüler sind aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihrer Sprache und Kultur benachteiligt. Späte Einschulung, frühe Selektion sowie der hohe Anteil von Kindern, die nicht in ihrer Muttersprache unterrichtet werden, sind zentrale Ursachen für diese geringe Chancengleichheit im schweizerischen Bildungssystem. Wenn sich die Schweiz jedoch nicht länger den Luxus leisten will, das Potenzial des vorhandenen «Humankapitals» ihrer Jugend nur teilweise auszuschöpfen, so muss sie stärker auf eine integrative Schule hinwirken. Sie muss ein Schul- und Bildungssystem entwickeln, das mit den verschiedenen sozialen und kulturellen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen, ihrer unterschiedlichen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft besser umgehen und ihre Heterogenität produktiver fürs Lehren und Lernen nutzen kann. (Aus dem Programm der Berner Studien- und Kongresswoche 2004) Die heutige Schule muss von der beträchtlichen Heterogenität der Lernvoraussetzungen in den Klassen ausgehen. Weil der Lernerfolg ganz wesentlich von der Intensität des individuellen Lernens abhängt, müssen vermehrt individualisierende Methoden bzw. Lernhilfen für die besonders Begabten und für die Kinder und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten zum Einsatz kommen können. Dies wiederum bedingt eine hohe personelle Betreuungsintensität, d.h. genügend Lehrpersonal für eine häufige Förderung in Kleingruppen.
(Aus dem Manifest für ein leistungsfähiges Bildungswesen, LCH 2005)
«Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen lernen in unserer Schule nur dann mit- und voneinander, wenn wir Heterogenität nicht als etwas Lästiges, sondern als etwas Spannendes, als eine Chance, eine Herausforderung annehmen.»
(Jürg Sonderegger, PH Rorschach)
Oft hat uns die hohe Unterrichtskomplexität beeindruckt und in diesem Zusammenhang besonders zwei Aspekte: zum einen eine konsequente und differenzierte Planung; zum anderen eine souveräne Gelassenheit und Beweglichkeit. «Ich finde Unterrichten spannend und freue mich besonders über spontane, von den Schülerinnen und Schülern bestimmte Unterrichtsmomente.» Eine heterogene Schulwirklichkeit verdeutlicht die Bedeutung des gegenseitigen Verstehens: Für den Lernerfolg ist nicht nur wichtig, dass die Lernenden die Lehrperson verstehen, sondern mindestens ebenso sehr, dass diese sich in das Denken der Schülerinnen und Schüler einfühlen kann. Und es wird selbstverständlich, nie zu wissen, was didaktisch richtig ist, immer fragen zu müssen, was angemessen sei, was auszuprobieren wäre.
Was wird in solchen Situationen von Lehrmitteln erwartet? – Vielfalt, Offenheit, Möglichkeit zum individuellen Arbeiten und Anregung zum Austausch. Solche Lehrmittel gibt es. Damit umgehen zu lernen, heisst unter anderem auch, Heterogenität zuzulassen.
Heterogenität ist Wirklichkeit
«Heterogenität» ist nicht Mode, sondern Wirklichkeit. Unterricht kann sie verschleiern oder akzentuieren. Fruchtbar wird sie, wenn sie als Ressourcenvielfalt wahrgenommen wird, nicht als Abweichung von einer Norm. Viele Lehrpersonen belastet vor allem der Anspruch, «allen gerecht zu werden» – und die Unmöglichkeit, diesen zu erfüllen. Wenn es sich eine Schule zur Aufgabe macht, jedem Individuum in seiner Art gerecht zu werden, wird Heterogenität selber zum Lerngegenstand für alle. Integration als produktiver Umgang mit Heterogenität kann nicht von oben verordnet werden. Sie muss als Prozess von unten wachsen, getragen vom gemeinsamen Willen aller Beteiligten: Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Eltern, Politikerinnen und Politiker und Institutionen. Das Lernziel heisst: Identität schöpfen aus der Vielfalt.
Text: Werner Jundt
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