Ich traue dir viel zu!
Einen Morgen lang zu Besuch in Wil / St. Gallen bei der 1. – 3. Klasse von Achim Arn und Patrick Mathis: Wir erleben, wie 18 Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren in einer altersgemischten Klasse von zwei Lehrpersonen in ihrem Lernen begleitet werden.
Leben ist Lernen
Mit einem Lied werden wir von den 18 Kindern der Klasse von Achim Arn und Patrick Mathis in ihrem Schulzimmer begrüsst. Das Schulzimmer ist praktisch und farbenfroh eingerichtet. Die Kinder sitzen mit ihren Lehrpersonen wie immer zum Unterrichtsbeginn im Kreis. In der Mitte liegt ein rundes, leeres Holzbrett, das darauf wartet, mit fünf Puzzleteilen gefüllt zu werden. Jeden Morgen legen jeweils fünf andere Kinder die Puzzleteile auf den Kreis und erzählen ein persönliches Erlebnis.
Heute herrscht eine besonders fröhliche Stimmung. Kay ist wieder da. Ein schön gemalter Willkommensgruss an der Tafel zeigt es allen an. Kay war während einer Woche in Holland, weil sein Grossvater gestorben ist. Kay legt sein Puzzleteil in die Mitte und erzählt von seinen Erlebnissen. Die Kinder nehmen Anteil am Schicksal von Kay und stellen ihm Fragen. Nun kommt Gerons Puzzleteil auf das Holzbrett. Er zeigt ein grosses Metallbilderbuch. Darauf hat er in der Sonntagsschule das Unser Vater gezeichnet. Jetzt kommt Bilge an die Reihe. Sie nimmt aus ihrem Schulsack einen grossen Ordner mit Tierkarten.
Sie zeigt den Kindern die Karte vom weissen Hai. Den Schlusspunkt setzt Achim Arn mit seinem Puzzleteil. Er erzählt, dass die Klasse Post von Rita aus Ecuador erhalten hat. Er liest den Kindern den Brief vor und schlägt so den Bogen zur folgenden Unterrichtssequenz «Projekt Sonnenstrahl». Bevor es aber so weit ist, stimmen nochmals alle in das Morgenlied ein.
Trumpfkarte in der Lernbegleitung: Echt leben und lernen
Achim Arn: Mir ist es sehr wichtig, dass ich mit den Kindern «echt auf dem Weg bin». Sie sollen spüren, dass ich mich selbst als Lernenden in den Unterricht einbringe. So sehe ich mich als Teil der Lerngemeinschaft. Ebenfalls von grosser Bedeutung ist für mich, dass jedes Kind seine Bedürfnisse in der Klasse formulieren kann und damit ernst genommen wird. Ohne ein offenes und wertschätzendes Klima in der Klasse ist erfolgreiches Lernen nicht möglich.
Das Ziel ist der Weg
Der Brief von Rita aus Ecuador und die Vorfreude auf ihren Besuch haben die Kinder eingestimmt auf das, was im ersten Teil des Morgens geschehen soll: Die Weiterarbeit am Projekt «Sonnenstrahl». Ziel des Projekts ist es, der Schule, in der Rita und ihr Mann arbeiten, beim Aufbau einer Bibliothek zu helfen. Die Klasse von Achim Arn und Patrick Mathis hat mit dem Verkauf von Backwaren und Bastelarbeiten schon einen ansehnlichen Geldbetrag gesammelt. Jetzt wollen sie selber eine Sammlung von Geschichten zusammenstellen, die auf Spanisch übersetzt werden, damit die Kinder in Ecuador sie lesen können. Alle Kinder haben schon angefangen, eine Geschichte zu schreiben. Patrick Mathis gibt einen kurzen Input zum weiteren Vorgehen. Die Kinder sind mit ihrer Arbeit unterschiedlich weit. Einige sind noch mit ihren Entwürfen beschäftigt. Andere sind schon dabei, die erste Fassung der Geschichte zu überarbeiten. Weil noch nicht alle eine Geschichte kohärent erzählen können, haben verschiedene Kinder von den Lehrern Hilfsmittel bekommen.
Geron schreibt seine Geschichte z. B. mit Hilfe eines gezeichneten «Drehbuches», das er mit der Unterstützung eines Lehrers entwickelt hat. Aus jeder Zeichnung kann er nun einen Teil seiner Geschichte «ablesen» und weiss jetzt, welche Einzelheiten er erzählen muss. Kevin hat auch ein Drehbuch, aber es besteht aus Stichwörtern, denn er kann schon gut lesen. Sabiha arbeitet oft mit ihrem Wörterbuch, weil es ihr besonders wichtig ist, dass sie die Wörter von Anfang an richtig schreibt. Die Lehrer helfen beim Überarbeiten der Texte. Sie markieren Stellen, die verbessert werden können oder müssen. Die Kinder bringen ihre Vorschläge ein, und manchmal zeigen auch die Lehrer Änderungsmöglichkeiten auf. Weil das eine anstrengende Arbeit ist, schreiben auch die Lehrer mal einen Satz neu ins Heft oder helfen beim Ausradieren eines Wortes. Doch die Lernbegleitung erfolgt nicht nur durch die Lehrpersonen. Die Schülerinnen und Schüler unterstützen einander auch gegenseitig, sei es beim Herausfinden der richtigen Schreibweise eines Wortes oder wenn es Probleme am Computer gibt, wo die Entwürfe eingegeben werden, damit sie anschliessend leichter überarbeitet und übersetzt werden können.
Trumpfkarte in der Lernbegleitung: Öffnen und strukturieren
Achim Arn: Ich (er-)öffne für meine Schülerinnen und Schüler «Lernwelten». Aber ich bestimme nicht alles, was in diesen Welten zu geschehen hat, sondern überlasse viele Entscheidungen den Kindern selbst: Was genau möchtest du tun? Welche Ziele setzt du dir? Wie gehst du an dein Projekt heran? Anschliessend helfe ich ihnen, ihre Lernwelt zu strukturieren, damit sie erfolgreich darin arbeiten können.
Ich kann was! Was kann ich?
Vor der Pause treffen sich alle im Kreis. Semire ist eine der Ersten, die sich hinsetzt. Achim Arn fordert sie auf, einen selbst erfundenen Rhythmus zu klatschen. Semire fängt mit einer kurzen Sequenz an, andere Kinder, die auch schon im Kreis sitzen, klatschen den Rhythmus nach. Semire klatscht den ersten Rhythmus und hängt einen neuen Teil an, die anderen machen es ihr nach. So geht es weiter, bis auch die letzten Kinder im Kreis sitzen und Gelegenheit haben, den Rhythmus mindestens einmal zu klatschen. Dadurch gibt es eine offensichtliche Zäsur im Stundenverlauf. Kleine Auflockerungs- und Konzentrationsspiele bauen die Lehrer oft in einen Schulmorgen ein. Diese Spiele machen den Kindern Spass und unterstützen die Wahrnehmungs- und Merkfähigkeit der Schülerinnen und Schüler aufspielerische Weise.
Anschliessend tauschen die Kinder aus, wie es ihnen beim Geschichtenschreiben ergangen ist, wo sie Hilfe brauchen und welches ihre nächsten Schritte in dieser Arbeit sind. Die kurze Standortbestimmung gibt den Kindern die Möglichkeit, sich zu orientieren, was sie schon können, wo es Probleme gibt und wie sie nächstes Mal weiterfahren wollen. Diese Phase der Reflexion findet nach jeder Unterrichtssequenz statt und ist ein wichtiges Element der Lernbegleitung in dieser Klasse.
Trumpfkarte in der Lernbegleitung: Austauschen und kooperieren
Achim Arn: Wir denken über die Sache und über uns laut nach. Wir versuchen, einander zu verstehen. Das Kind muss sich selber bewusst sein, was es kann und wo es Probleme hat. Das laute Denken, das klare Formulieren hilft dem Kind, Ordnung in sein Denken zu bringen. Ich als Lehrer bemühe mich ebenfalls zu verstehen, was im Kopf des Kindes vorgeht, welche Gedanken und Gefühle es hat. Das hilft mir, jedes Kind möglichst optimal in seinem Lernen zu begleiten. Aber auch die Kinder können einander begleiten und sich gegenseitig helfen, individuelle Ressourcen gemeinsam zu nutzen.
Schule ist toll
Nach der Pause kehren wir zurück ins Schulzimmer. Ein lebendiger Betrieb empfängt uns. Alle Schulkinder haben sich eine freie Tätigkeit gewählt. Einige Knaben sitzen gemeinsam vor dem Computer und tüfteln an einem Strategiespiel. Drei Mädchen haben sich im hinteren Teil des Zimmers zum Malen mit Wasserfarben eingerichtet. Auf der Galerie spielen einige Kinder «Vier gewinnt». Die jüngeren Kinder sind dabei, mit den Lego-Eisenbahnwagen über das Geländer zu fahren. Kay hat sich die Filzstifte geholt und zeichnet ein Bild. Da eine intensive und friedliche Lernatmosphäre herrscht, beschliesst Achim Arn, die Kinder noch eine Weile dem freien Spiel zu überlassen. Er erklärt uns, dass in seinem Unterricht trotz strengen und geführten Arbeitsphasen immer wieder Zeit zum Spielen bleibt. Gerade diese freie Tätigkeit ist für ihn als Lehrperson eine grosse Chance, weil er die Kinder so noch auf eine andere Art erlebt und sie unterstützen kann. Gerade wollen nämlich die Knaben, die am Computer spielen, einen Tipp von ihm. Achim Arn erklärt uns später, dass seine Schülerinnen und Schüler oft auch an freien Nachmittagen in die Schule kommen, da sie die Schule als Lern- und Lebensraum erleben. Für die Schulkinder gilt: Schule ist toll.
Nun zieht Achim Arn am Glockenspiel, das heisst für alle: Zuhören! Es gibt eine wichtige Mitteilung! Dieses Glockenspiel darf übrigens nicht nur von den Lehrpersonen benützt werden. Jedes Kind hat das Recht zu läuten, zum Beispiel wenn es ihm zu laut ist. Jedes Mitglied der Lerngemeinschaft übernimmt also auch hier Verantwortung.
Trumpfkarte in der Lernbegleitung: Verantworten und gestalten
Achim Arn: Mir ist es wichtig, dass jedes Kind Verantwortung für sich und die Klasse übernimmt und so etwas zur Lernkultur beiträgt. Ich gebe den Kindern Impulse, lasse ihnen dann aber beim Entwickeln von eigenen Ideen viel Freiheit. Die Kinder sollen sich in ihrem Denken und Handeln als selbstwirksam erleben. Sie sollen erfahren, dass sie ihr Leben und Lernen aktiv gestalten können. Probieren ist Lernen
Nach dem freien Spiel steht Mathematik auf dem Programm. Kay geht mit Patrick Mathis in einen anderen Schulraum und wird dort individuell gefördert. Er arbeitet mit Holzstäbchen, die grau bemalt sind und deshalb wie echte Mauersteine aussehen. Die Lehrer haben sie speziell für ihn gemacht, weil er sich überhaupt nicht für Zahlen, aber dafür umso mehr für Ritterburgen interessiert. Kay löst einfache Rechnungen mit seinen Mauersteinen. Patrick Mathis fordert ihn auf, laut zu denken. So kann der Lehrer die Gedankengänge des Kindes genau mitverfolgen. Er schaltet sich nur ein, wenn Kay selbst nicht weiterkommt. Dann gibt er Impulse, so viel wie nötig, so wenig wie möglich. Am Schluss der Sequenz zeigt er Kay noch ein einfacheres Verfahren, das dieser interessiert zur Kenntnis nimmt.
Die anderen Kinder sitzen im Kreis. Ein grosses Foto einer Backsteinmauer liegt in der Mitte. Da die Kinder schon letzte Woche mit Zahlenmauern gearbeitet haben, verstehen sie sofort, worum es geht. Alle erhalten nun den Auftrag, für die anderen Schülerinnen und Schüler Aufgaben vorzubereiten. Diese werden nachher in Kästchen gelegt. Jedes Kästchen entspricht einem anderen Schwierigkeitsgrad. Spannend ist es zu sehen, mit welchem Eifer alle Kinder an die gleiche Arbeit gehen, diese aber unterschiedlich lösen, ihrem Lernstand entsprechend eben. Achim Arn geht von Kind zu Kind, hilft, wenn er gebraucht wird. Einige Schulkinder holen sich selber Hilfsmaterialien, z. B. Legosteine und Zahlentabellen. Andere Kinder suchen sich bei ihrem Nachbarn Hilfe oder gehen zu Kindern, die für ihr mathematisches Können bekannt sind. Geron, ein 6-jähriger Knabe, will auch mit grossen Zahlen rechnen. Dies gelingt ihm aber nicht. Er wird von der Lehrperson unterstützt, Aufgaben zu lösen, die seinem Lernstand entsprechen. Zwei Knaben sind auch nach Abschluss der Lernsequenz noch in ein mathematisches Problem vertieft. Sie benötigen einen Taschenrechner, den sie auch bekommen, um damit ihre Rechnungen zu einem Abschluss zu bringen. Die beiden sind begeistert.
Trumpfkarte in der Lernbegleitung: Ermutigen und herausfordern
Achim Arn: Mir ist es sehr wichtig, dass ich jedem Kind viel zutraue. Natürlich immer individuell, entsprechend seinen Möglichkeiten. Ich fordere die Kinder dazu auf, an ihre Grenzen zu gehen. Kinder wollen nicht nur einfache vorausgeplante Lernportionen erledigen. Im Gegenteil: Jedes Kind hat den Drang, seine Möglichkeiten auszuschöpfen und seine Grenzen kennen zu lernen. Für mich als Lernbegleiter ist es wichtig, die Kinder auf diesem Weg zu begleiten.
Welche Lernbegleitung ist die beste?
Auf diese Frage haben die Schülerinnen und Schüler vielfältige Antworten. Zum Beispiel:
Barbara: In Mathematik versuche ich immer zuerst, es selber zu schaffen. Wenn es gar nicht geht, frage ich einen Lehrer. Am meisten hilft es mir, wenn er mir die Sache Schritt für Schritt erklärt.
Egzona: Beim Überarbeiten von Texten hilft es mir, wenn die fehlerhaften Stellen unterstrichen sind. Ich weiss dann, woran ich arbeiten muss. Ohne diese Hilfe sehe ich gar nicht, wo esetwas zu korrigieren gibt.
Sarah: Unsere Lehrer haben immer wieder Ideen, wie es weitergehen könnte, wenn ich etwas nicht verstehe. Sie zeigen mir Material, mit dem ich arbeiten kann.
Kay: Wenn ich irgendwo nicht weiterkomme, frage ich zuerst meinen Götti oder meine Gotte (Banknachbar oder -nachbarin). Erst wenn wir zu zweit keine Lösung finden, frage ich die Lehrer.
Bilge: Wenn ich in Mathematik Mühe habe, versuche ich zuerst ganz lange, es selber zu schaffen. Ich gebe nicht gleich auf. Wenn es dann doch nicht geht, frage ich meine Geschwister. Die können mir meistens helfen.
Lernen ist Leben – Leben ist Lernen
Die Lernkultur, die wir in der Klasse von Patrick Mathis und Achim Arn beobachten konnten, zeigt uns, wie wichtig es ist, dass die Lehrpersonen im Unterricht Zeit haben, um die Kinder individuell zu unterstützen. Wir haben erlebt, wie erfolgreiches Lernen gelebt werden kann, so dass die Kinder ihre individuellen Möglichkeiten ausschöpfen können. Dazu brauchen sie Lernwelten, in denen sie sich herausgefordert fühlen. Die Kinder übernehmen so auch selbst Verantwortung für ihr Lernen und gestalten den Unterricht aktiv mit. Das Resultat ist eine Lernkultur, in der die Kinder gemeinsam unterwegs sind und gleichzeitig intensiv und mit grosser Freude lernen.
Christine Leichtnam, Susanne Gattiker
PRISMA: ein Schulkonzept
Das Primarschulhaus Allee liegt im Zentrum der Stadt Wil, SG. Diese öffentliche Quartierschule wird von etwa 150 Kindern der Unter- und Mittelstufe besucht. Das Alleeschulhaus sieht sich als individualisierende Gemeinschaftsschule. Hier werden die Schülerinnen und Schüler aus pädagogischen Gründen in altersgemischten Klassen unterrichtet. Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen sollen einerseits möglichst individuell gefördert werden und andererseits in den heterogenen Klassenverbänden soziales Lernen erfahren und entwickeln. Dieses unter dem Namen PRISMA realisierte Schulkonzept geht auf eine Initiative von mehreren Wiler Lehrpersonen zurück und läuft seit 1996.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Dowload des Artikels als PDF | 447.94 KB |



