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«Ich sehe das – was siehst du?»

Ein gestalterischer Perspektivenwechsel der anderen Art

Wahrgenommene Eindrücke sind die Grundlage für Ausdruck und Gestaltung. Der Austausch mit Anderen und die damit verbundene Überprüfung der eigenen Wahrnehmung und Gestaltung ist ein bedeutsamer Faktor in deren Entwicklung. Dieser Austausch – ein kognitiver Perspektivenwechsel – kann im Gestaltungsunterricht mit dem «Gruppenpool», einem Instrument aus dem Lehrmittel «bildÖffner», gezielt angeleitet werden.

Wie «geht» Zeichnen?

Bereits im Alter von zwei Jahren beginnen Kinder Zeichenbewegungen und die dabei entstandenen Spurformen zu deuten. Verstärkt wird dieser Vorgang sicher auch durch Erwachsene und Geschwister, die das zeichnende Kind fragen: «Was zeichnest du da?» Analog zur Sprachentwicklung erwirbt das Kind das Bewusstsein, dass Zeichenspuren eine Bedeutung haben können. Im pädagogischen Alltag gehen viele Lehrende von der Annahme aus, dass eine klare Vorstellung des «Themas» die wichtigste Voraussetzung für die anschliessende zeichnerische Gestaltung ist. Untersuchungen (Schuster 1990 und Van Sommers 1984) haben aber gezeigt, dass beim Zeichenvorgang neben der «Vorstellung» verschiedene weitere Arten des «Wissens» mitbestimmen, was auf dem Zeichenblatt entsteht. Dabei werden drei Wissensbereiche unterschieden:

Das Gegenstandswissen

Im Bereich des Gegenstandswissens wird abgerufen, wie etwas aussieht. Dieser Bereich entspricht dem, was im pädagogischen Alltag häufig mit «Vorstellung» umschrieben wird. Das Gegenstandswissen gibt Antworten auf die Fragen: Wie sieht «etwas» aus? Welches sind die bedeutsamen Merkmale eines Gegenstands bzw. einer Situation/eines Prozesses?

Das Abbildungswissen

Im Bereich des Abbildungswissens wird abgerufen, wie etwas dargestellt werden kann. Das Abbildungswissen gibt Antworten auf die Fragen: Wie können die bedeutsamen Merkmale dargestellt werden? Mit welchen Formen? Mit welchen Farben? Wie können räumliche Beziehungen dargestellt werden? Das Abbildungswissen enthält «grafische Beschreibungen», mit Hilfe derer es möglich wird, visuelle Vorstellungen oder Teile von Vorstellungen in Bildzeichen umzusetzen.

Das Ausführungswissen

Gegenstandswissen und Abbildungswissen allein bestimmen aber noch nicht, wie die Zeichnung (das Bild) aussehen wird. Wissen über die Ausführung, über die grafomotorische Umsetzung muss hinzutreten: Was wird zuerst gezeichnet? Was folgt anschliessend?

Die Interaktion dieser drei Wissensbereiche – die Zeichnung

Visuelle, verbale und grafomotorische Komponenten werden beim Gestalten in einem Handlungsplan, aber auch in der Bildanalyse in komplexer Weise kombiniert. Gestalten zu lernen oder Bilder zu lesen, heisst nach Schuster (1990, S. 63) für das Kind nicht nur, visuelle Informationen des Gegenstandes aufzunehmen, sondern auch, angemessenere Gestaltungs- und Handlungspläne zu entwickeln und zu verinnerlichen. Diese werden durch Experimentieren, durch Versuch und Irrtum erarbeitet, aber auch kontinuierlich durch Beispiele gleichaltriger Kinder und Modelle älterer Kinder angeregt. Genau hier setzt die Idee des Gruppenpools an.

Der Gruppenpool – ein gestalterischer Perspektivenwechsel der anderen Art

Kinder interessieren sich in jedem Altersabschnitt stark für die grafischen Beschreibungen von gleichaltrigen oder etwas älteren Kindern. Die Arbeit mit dem Gruppenpool kommt diesem Bedürfnis nach Austausch und Erwerb bzw. der Differenzierung von Abbildungs- und Ausführungswissen stark entgegen. Im Gruppenpool präsentieren Schülerinnen und Schüler gegenseitig ihr Gegenstands-, Abbildungs- und Ausführungswissen im Bildnerischen Gestalten zu einer bestimmten Aufgabenstellung – beziehungsweise sie stellen es den Anderen zur Verfügung. Wichtig ist, dass sich die Kinder gegenseitig nicht nur ihre Bildzeichen zeigen, sondern dass sie sich «laut denkend» ihre kognitiven Strategien darlegen und zeigen, wie sie vorgehen, wenn sie ein Motiv zeichnen oder ein Bild lesen.

Durch den Gruppenpool werden die Schülerinnen und Schüler angeregt, sich in ihrer Lerngruppe bewusster mit der altersentsprechenden Kinderzeichnungskultur (Schuster 2001, S. 36) auseinander zu setzen. Günstig ist zudem, wenn den Schülerinnen und Schülern eine Motivsammlung entsprechender Kinderzeichnungen aus dem jeweiligen Entwicklungsalter zur Verfügung steht. Schülerinnen und Schüler müssen in das Instrument des Gruppenpools eingeführt werden. Dies ist vor allem notwendig bei Lerngruppen, die in ihrer bildnerischen Sozialisation schon darauf getrimmt worden sind, dass «wir einander nicht abzeichnen», dass «jedes für sich gestaltet» und dass «Originalität» einen hohen Stellenwert bei der Gestaltung haben soll.

Wichtig ist es, zusammen mit den Lernenden die Kurztestate «schön» und «gut» zu überwinden und in eine differenzierte Betrachtung von Gestaltung zu überführen. Lernende sollen unterscheiden lernen zwischen dem, was Andere gestaltet haben und dem, was sie selbst zu den Gestaltungen der anderen assoziieren. Wichtig ist, dass diese Assoziationen als Ich-Botschaften formuliert werden.

«Ich sehe das – was siehst du?»

«Ich mache das so – wie machst du das?»

Beispiele zu möglichen Interaktionen von Lernenden im Rahmen des Gruppenpools und im Zeitraffer des Entwicklungsalters:

Im Kindergarten:

S 1: «Zeig mal, was hast du gezeichnet?»
S 2: «Ich habe Simba gezeichnet»
S 1: «Du, hat Simba aus dem Bilderbuch nicht Stosszähne? Komm wir schauen nach.»

Im zweiten Schuljahr:

S 1: «Wie zeichnest du den Kopf? Bei meinem Elefanten hier sieht das nicht richtig aus.»
S 2: «Schau, ich zeichne zuerst den Kopf und den Bauch wie sie zusammengewachsen sind. Nachher zeichne ich das Ohr. Die Stosszähne zeichne ich mit zwei Strichen, weil die ja dicker sind als ein Besenstiel.»

In der Oberstufe

S 1: «Wow, das ist dir aber gut gelungen. Der sieht ja total/ganz echt aus! Schau doch mal meine Zeichnung an. Irgendetwas stimmt da noch nicht, ich weiss aber nicht was. Kannst du mir einen Tipp geben?»
S 2: «Also, ich würde den Stosszahn zuerst zeichnen, und danach den Rüssel, so ist der Rüssel dann hinter dem Stosszahn. Und zudem würde ich den Zahn ein wenig nach unten zeichnen.»

Fazit

Für die Arbeit mit Jugendlichen ist es wichtig, Strategien im Bildnerischen Gestalten anzubieten, die nicht in die «Sackgasse des Nicht-Zeichnen-Könnens» hineinführen. In jedem Abschnitt der Gestaltungsentwicklung von Kindern und Jugendlichen kann der Gruppenpool das bildnerische Repertoire der Lernenden entwickeln helfen. Dieses Instrument ist erfolgreich, weil ausschliesslich Gleichaltrige sich in der Bewältigung von Wahrnehmungs- und Abbildungsaufgaben entwicklungs- und altersgerecht gegenseitig unterstützen. Um sich in das Gegenüber hineindenken und ihm Hinweise im gestalterischen Bereich geben zu können, braucht es die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel!

Hans Jensen, Martin Toggweiler, Ruth Wenger-Allenspach

Quelle: Mario Somazzi, Entwicklungspsychologische Grundlagen des Bildnerischen Gestaltens und «Das Fach Bildnerisches Gestalten», bildÖffner Grundlagen, © schulverlag, Bern, 2006.

Literaturhinweise:

  • Schuster, M.: Zur Psychologie der Kinderzeichnung, Springer, 1990
  • Schuster, M.: Kunstpsychologie, Hohengehren, 2000
  • Schuster, M.: Kinderzeichnungen – Wie sie entstehen, was sie bedeuten, Reinhardt, 2001
  • Somazzi, M.: Spuren machen – Zeichen setzen. Bausteine zum Bildnerischen Gestalten, Bern, 1999
  • Van Sommers, P: Drawing and cognition, Cambridge Uni Press, 1984
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