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In die Haut der Anderen schlüpfen

Die meisten Lehrpersonen sind sich bewusst, wie wichtig es ist, dass Kinder und Jugendliche lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Im Schulalltag zeigt sich immer wieder, wie entscheidend diese Fähigkeit ist und wie schwierig es wird, wenn sie nicht vorhanden ist. Die Schule kann und muss also ihren Beitrag leisten, damit junge Menschen häufig Gelegenheit haben, diese Schlüsselkompetenz zu erwerben und zu üben.

Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel gilt im ethisch-sozialen Lernen als eine der wichtigsten überhaupt. Sie ist Voraussetzung für die Entwicklung von Empathie, die parallel zur kognitiven Entwicklung verläuft und ebenso wichtig ist wie diese. Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel wird in einem Prozess entwickelt, der in der Kindheit beginnen muss und bis ins Erwachsenenalter anhält. Deshalb ist es wichtig, dass der Thematik in der Schule auf jeder Stufe Gewicht beigemessen wird. In der konkreten Umsetzung dieses Anliegens drängt sich eine Fächerverbindung Deutsch – NMM (M&U; Realien) auf: Wer sich in andere einfühlen will, muss gelernt haben, seine eigenen Gefühle zu reflektieren und sie zu benennen. Erst dann wird es möglich, eine Situation aus der Perspektive einer anderen Person zu betrachten. Ein erfolgreicher Perspektivenwechsel hat Auswirkungen auf die Handlungen des Individuums. Damit sind sowohl konkrete Verhaltensweisen gemeint als auch Sprachkompetenzen in Handlungssituationen. Doch damit Letztere Erfolg haben, müssen die nötigen Kommunikationswerkzeuge vorhanden sein.

Schülerinnen und Schüler müssen also mit Situationen und Inhalten konfrontiert werden, die das Üben des Perspektivenwechsels ermöglichen. Parallel dazu müssen sie Werkzeuge entwickeln und erhalten, die für angemessene Sprachhandlungen nötig sind.

Folgende Beispiele aus Lehrmitteln der Reihe Natur – Mensch – Mitwelt zeigen auf, wie die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel auf den verschiedenen Schulstufen entwickelt und geübt werden kann.

Gefühle ablesen und zeigen

Kunterbunt – Ich und die Gemeinschaft (ab 3. Schuljahr)

Im ersten Teil des Kapitels «Gefühle» machen sich die Schülerinnen und Schüler Gedanken darüber, was Gefühle sind. Ausserdem reflektieren sie, wann und wie verschiedene Gefühle zum Ausdruck gebracht werden. Hier wird auf dem «Grundwortschatz der Gefühle» im Lehrmittel «Konfetti» aufgebaut.

Weil Kinder dieser Stufe schon differenzierter wahrnehmen und reflektieren können, kann jetzt in Bezug auf den Perspektivenwechsel ein Schwerpunkt auf Gestik, Mimik und Körperhaltung gelegt werden. Die Bedeutung dieser drei Elemente in der Kommunikation kann mit Hilfe der Fotos erschlossen werden. Dabei findet wieder ein Perspektivenwechsel statt, indem sich die Schülerinnen und Schüler überlegen, welche Erlebnisse zu Mimik, Gestik und Körperhaltung der Menschen auf den Fotos geführt haben könnten. Das szenische Darstellen von Gefühlen geht noch einen Schritt weiter. In den Gruppen findet nämlich zuerst eine differenzierte Reflexion über die einzelnen Emotionen statt. Dabei müssen Gesichtsausdrücke und Bewegungen mit Wörtern und Situationen in Verbindung gebracht werden – eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Auswertung mit der Klasse bringt neben der inhaltlichen auch eine sprachliche Reflexion, indem in Worte gefasst wird, was pantomimisch dargestellt wurde. Die Gesprächsfähigkeit der Schüler und Schülerinnen, ein zentrales Element der kommunikativen Kompetenz, wird so gefördert.

Meine und deine Wünsche

Konfetti – Ich und die Gemeinschaft (ab 1. Schuljahr)

Die Illustrationen auf S. 14 im Themenheft Konfetti zeigen Wünsche von Kindern, die der Lebenswelt dieser Altersstufe entsprechen. Das ist insofern wichtig, als die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel aus entwicklungspsychologischer Sicht in diesem Alter gerade ihren Anfang nimmt. Die Situationen, mit denen die Kinder sich auseinandersetzen, müssen also noch ganz nahe bei ihren individuellen Erfahrungen liegen. Die eigenen Wünsche und Bedürfnisse sind hier Ausgangspunkt, um sich in andere Menschen einzufühlen. Dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit jenen von anderen in Konflikt geraten können, ist eine Erfahrung, die alle Kinder schon gemacht haben. Anhand der Illustrationen analysieren die Schülerinnen und Schüler Situationen und überlegen sich, was die beteiligten Personen denken, fühlen und sagen könnten. Von grosser Bedeutung in diesem Prozess ist das Rollenspiel, eine Methode, die sich für das Üben des Perspektivenwechsels auf allen Stufen eignet.

In verschiedene Rollen schlüpfen

(alle Stufen)

Das Rollenspiel hilft Schülerinnen und Schülern einerseits, sich in andere Menschen und Situationen einzufühlen. Andererseits entwickeln Lernende sich beim Spielen von verschiedenen Rollen sprachlich weiter. Wer spielen und sprechen will, muss sich auf sein Gegenüber einstellen und sich zunehmend bewusster sein, wie Gestik, Mimik und Sprache wirken. Deshalb ist es wichtig, immer wieder dieselben Fragestellungen aufzunehmen: In welcher Situation sind welche Worte angebracht? Wie muss formuliert werden, damit das Gegenüber versteht, was gemeint ist? Wie wird eine Situation beeinflusst, wenn jemand etwas mit einem bestimmten Gesichtsausdruck oder Tonfall sagt? Und welchen Einfluss hat die Veränderung der Sprache bzw. des Sprachstils? Rollenspiele brauchen also auch sprachliche Vorbereitung. Genauso wichtig ist aber die gemeinsame Reflexion im Anschluss ans Spiel, denn sie zwingt zu klaren Formulierungen. Einander hilfreiche Rückmeldungen geben erfordert Einfühlungsvermögen und differenzierte Wortwahl. Dadurch findet ein sehr bewusster Perspektivenwechsel statt. Und nebenbei: Rollenspiele machen den meisten Schülerinnen und Schülern Spass!

Menschen brauchen Menschen

Kaleidoskop – Ich und die Gemeinschaft (ab 5. Schuljahr)

An der Schwelle zur Pubertät werden junge Menschen zunehmend fähig, ihren Horizont weiter zu fassen. Sie interessieren sich nicht mehr nur für sich selber und ihre engste Umgebung, sondern auch für «fremde Welten». Diese Bereitschaft kann im Hinblick auf das Üben des Perspektivenwechsels genutzt werden.

Das Kapitel «Menschen brauchen Menschen» fordert die Schülerinnen und Schüler immer wieder dazu auf, sich in Menschen und Situationen hineinzuversetzen, von denen ihnen die einen besser, die anderen weniger bekannt sind (z.B. Menschen mit einer Behinderung, alte Menschen, Menschen aus verschiedenen Kulturen). Dabei geht es darum zu erkennen, in welchen Situationen Menschen andere Menschen brauchen, wo und in welcher Form Hilfsangebote nötig sind und auf welche Art sich Menschen selber helfen können, wollen oder müssen. Schülerinnen und Schüler sollen also aufgrund des vorgenommenen Perspektivenwechsels nach optimalen Lösungen für bestimmte Probleme suchen. Auch hier ist es sinnvoll, die Situationen im Rollenspiel zu erleben. Die Übernahme einer Rolle macht es einfacher, die Empfindungen einer anderen Person nachzufühlen und ihre Reaktionen in einer bestimmten Situation zu verstehen.

Verhaltensweisen «übersetzen»

Konflikte – Konfliktlösungen (ab 7. Schuljahr)

Das Eisberg-Modell: Bei einem Eisberg ist nur ein kleiner Teil sichtbar. Ein weitaus grösserer Teil befindet sich unter Wasser und ist unsichtbar. Genauso verhält es sich oftmals bei Konflikten: Viele Ursachen und Gefühle, die den Konflikt bestimmen, sind unsichtbar.Das Eisberg-Modell: Bei einem Eisberg ist nur ein kleiner Teil sichtbar. Ein weitaus grösserer Teil befindet sich unter Wasser und ist unsichtbar. Genauso verhält es sich oftmals bei Konflikten: Viele Ursachen und Gefühle, die den Konflikt bestimmen, sind unsichtbar.In diesem Alter sind die Schülerinnen und Schüler einerseits meist so weit, dass sie in Systemen und Modellen denken können. Diese Horizonterweiterung kann auch in Bezug auf den Perspektivenwechsel genutzt werden. Andererseits wird die Welt während der Pubertät in gewisser Weise wieder kleiner: Die jungen Menschen sind intensiv mit sich selbst und ihrem nächsten Umfeld beschäftigt. Auch dieser Tatsache muss Rechnung getragen werden. U17, die Zeitung und zugleich das Leitmedium im Lehrmittel «Konflikte – Konfliktlösungen», nimmt das Eisberg- Modell auf und zeigt an diesem eingängigen Bild, dass bei Konflikten oft vieles unsichtbar, ungesagt und manchmal auch unbewusst bleibt. Im Klassenmaterial 51 wird passend zum Eisberg-Modell die Thematik «fair streiten» aufgenommen. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, anhand von Situationen, die ihnen aus ihrem Alltag bekannt sind, Rollenspiele zu entwickeln, die zu einer Eskalation bzw. einer Deeskalation eines Konfliktes führen. In der Vorbereitung ihrer Szenen sollen die Jugendlichen neben den sichtbaren auch die unsichtbaren Teile des Eisbergs einbeziehen. Geachtet wird ausserdem auf Körperhaltung, Lautstärke und die verwendete Sprache.

In der Reflexion ist es wichtig herauszuarbeiten, dass empfundene Gefühle und geäusserte Reaktionen nicht zwingend übereinstimmen müssen. Angst kann sich beispielsweise in aggressivem Verhalten äussern, Traurigkeit in einem ruppigen Ton. Es geht also um die Fähigkeit zu «übersetzen». Das wird am besten mit der ganzen Klasse immer wieder geübt.

Die Kompetenz, in die Haut anderer Menschen zu schlüpfen, ist ein wichtiges Element, um im Leben zu bestehen. Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel im ethisch-sozialen Bereich entwickelt sich langsam. Da sie parallel zur Entwicklung des logischen Denkens erfolgt, muss über die ganze Schulzeit hinweg altersgemäss daran gearbeitet werden. Dabei spielt die permanente Entwicklung des Sprachhandelns und der Sprachfähigkeit eine wichtige Rolle. Sie müssen ständig trainiert werden. Diese Investition lohnt sich nicht nur für die Zukunft der jungen Menschen und der Gesellschaft, in der sie leben. Die Früchte dieser Arbeit lassen sich bereits im Schulalltag ernten.

Susanne Gattiker

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Konflikte – Konfliktlösungen KM 5148.37 KB
Kunterbunt TH ab S. 201.24 MB
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