«Stell dir vor …
… du bist die rote Zora und führst eine Bande von Strassenkindern oder du lebst wie Dshamilja in Kirgisien …»
Beim Lesen von literarischen Texten können wir in die Schuhe von Andern schlüpfen, in unbekannte Gegenden und andere Zeiten reisen. Literarisches Lesen fördert die Vorstellungskraft, damit verbunden die Horizonterweiterung und den Perspektivenwechsel. Das neue Lehrmittel «Lesewelten» bietet Lehrpersonen Grundlagen, Unterrichtsvorschläge und Materialien, damit Jugendliche beim Lesen ihre Imaginationskraft einsetzen.
Die Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse haben «Dshamilja» von Tschingis Aitmatov gelesen. Sie stellen sich die kirgisiche Landschaft vor, ohne auf direkte Eigenerfahrungen abstellen zu können.
Ein Auftrag aus «Lesewelten» (Themenpaket 2, «Literatur und die Welt») fordert sie heraus, ihre Vorstellungskraft zu gebrauchen:
Schliesse die Augen und lass die Geschichte von Dshamilja, Danjar und Said an deinem inneren Auge vorbei ziehen. Entscheide dich für eine dir wichtige Stelle. Versuche, sie in Farben und Formen zu sehen. Hole nun die entsprechenden Farben und beginne zu malen. Verzichte dabei auf eine konkrete Darstellung der Szene. Gestalte mit deinem Bild und dem Textausschnitt aus Dshamilja ein Produkt, das du der Klasse präsentieren kannst.
Im literarischen Lesen spielen Innensichten und Aussensichten einer Person oft eine wesentliche Rolle. So beschreibt Gottfried Keller in «Kleider machen Leute» recht ausführlich, wie der einfache Schneider Strapinski im Wirtshaus für einen noblen Grafen gehalten wird (Aussensicht). Gottfried Keller schreibt jedoch wenig darüber, was im Schneider vorgeht (Innensicht). Sich vorzustellen, was der Schneider denkt und fühlt, trainiert die Fähigkeit, die Blickrichtung zu wechseln und sich in eine andere Person hineinzuversetzen.
In die Rolle einer andern Person zu schlüpfen, ist im Zusammenhang mit literarischem Lesen eine gute – und oft auch lustvolle – Möglichkeit, den Perspektivenwechsel zu üben.
Eine 7. Klasse liest gemeinsam das Jugendbuch «Die rote Zora und ihre Bande» von Kurt Held. Nach der selbstständigen Lektüre einer Leseportion halten die Schülerinnen und Schüler die Beziehungen zwischen den Figuren in einem Standbild fest. Sie arbeiten dabei nach der Anleitung aus «Lesewelten» (Themenpaket 3, «Literatur und Spannung», erscheint im Frühjahr 2007):
Eine Schülerin, ein Schüler oder ein Zweierteam wird als «Regisseurin oder als Regisseur» eingesetzt. Die andern Schülerinnen und Schüler der Gruppe übernehmen eine Figuren-Rolle (Zora, Branko usw.) Damit sie schneller erkannt werden, bekleiden oder schmücken sie sich mit einem typischen Merkmal der Figur: Brille, Hut, Hemd, dicker Bauch usw.
Die Regie stellt die Gruppe so auf, wie sie die Beziehungen im Text wahrgenommen hat. Wenn ein Bild fertig gestellt ist, wird es von der Regie fotografiert. Die Schülerinnen können anschliessend die Rollen auch tauschen und das Bild in neuer Rollenverteilung noch einmal nachstellen. Sie spüren und sehen die Situation dann aus einer weiteren Perspektive.
Die Schüler notieren nach dem Nachstellen, wie sie ihre Perspektive(n) wahrgenommen haben.
Nach der Lektüre des Buches wählt jeder Schüler, jede Schülerin eine Figur aus dem Buch aus und gestaltet eine Rollenbiografie.
Sich etwas Anderes, Ungewohntes vorstellen und neue Standpunkte wahroder einnehmen zu können, gehört heute im Berufs- und Privatleben, in Politik und Gesellschaft zu den Schlüsselkompetenzen. Literarische Texte bieten die Chance zu Begegnungen mit andern Figuren, ungewohnten Lebensläufen, neuen Orten. Die Texte und Aufgabenstellungen von «Lesewelten » fordern von den Schülerinnen und Schülern eine aktive Auseinandersetzung mit andern Rollen, Lebensentwürfen und Perspektiven. So kann das literarische Lesen im Unterricht eine attraktive und herausfordernde Form sein, diese Schlüsselkompetenz anzuwenden und gezielt weiter zu entwickeln.
Therese Grossmann
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