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Der Lernerfolg steckt in dir

Während einiger Jahre wurde in der Tagesschule Brünigen sehr strukturiert gearbeitet und reflektiert. Diese Struktur wurde allmählich als zu starr empfunden. Deshalb versuchen die Lehrpersonen heute, den Kindern mehr Freiraum zu geben. Zentrales Anliegen ist es, dass Kinder sich angstfrei und ohne Druck entwickeln können. Erst unter diesen Bedingungen – so die Annahme – kann es ihnen gelingen, das Lernen selbst zu steuern und authentisch zu reflektieren.

Es ist noch dunkel. Und beinahe wären wir daran vorbeigefahren: Brünigen. Ein kleines Dorf eng angeschmiegt an den steilen Hang am Brünigpass. Nicht nur in den Bauernhäusern, auch im Schulhaus brennt schon Licht. Die beiden Lehrpersonen, Michèle Domeisen und François Jamin, sind bereits da und empfangen uns mit Kaffee und Gipfeli. Im Schulhaus ist es noch ganz ruhig.

Wir besprechen noch einmal kurz, wie unser Besuch ablaufen soll. Um halb acht steht ein Schüler in der Tür. Er hat mit François Jamin einen Termin für ein Coaching­Gespräch. Aussenstehende dürfen bei einem solchen Gespräch nicht dabei sein, weil in diesem Rahmen oft auch persönliche Dinge besprochen werden. Wir überlassen den beiden den Raum, der Besprechungs-, Vorbereitungs-, Büro- und Kopierzimmer in einem ist.

Das Coaching-Gespräch

Das Coaching-Gespräch hat in der Tagesschule Brünigen seit eh und je einen hohen Stellenwert. Früher wurde es mit jedem Kind einmal pro Woche durchgeführt. Aber der Erfolg stellte sich nicht in der erhofften Art ein. Oft blieben die Themen in den Gesprächen dieselben. Veränderungen bei den Kindern fanden nur langsam oder gar nicht statt. Es gab sogar Kinder, die sich vor dem Coaching-Gespräch fürchteten. Und die Gesprächsanteile der Lehrpersonen waren nicht selten überproportional hoch.

Seit letztem Sommer finden die Coaching-Gespräche nicht mehr zwingend jede Woche statt. Die Kinder können sich allein oder in Gruppen für ein Gespräch anmelden und auch wählen, mit welcher Lehrperson sie es führen wollen. Verordnete Gespräche gibt es zwar immer noch, nämlich dann, wenn die Lehrpersonen etwas mit einem Kind besprechen wollen. Aber es kommt auch häufig vor, dass während des «Gesprächs» gar nicht geredet wird, sondern dass Lehrperson und Kind ein Spiel miteinander spielen. Seit die­se neue Art der Coaching-Gespräche eingeführt worden ist, sprechen die Kinder auch viel öfter mit ihren Lehrpersonen über Dinge, die sie persönlich beschäftigen. Das trägt wesentlich zur Stärkung des Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrperson und Kind bei. Mittlerweile sind die Termine für die Coaching-Gespräche meistens schon Anfang Woche ausgebucht.

Für mich ist das Coaching-Gespräch lustig, weil ich dort mit dem Lehrer oder der Lehrerin ein Spiel spielen kann. Manchmal will ich auch ein Gespräch, weil ich ein Problem habe.
Kim, 3. Klasse

Ich verlange selber keine Gespräche, weil ich nicht so genau weiss, was ich sagen soll.
Severina, 3. Klasse

Manchmal erzähle ich der Lehrerin etwas Privates, z.B. von meiner Freundin. Ich kann mich bei ihr aber auch beklagen, wenn es während der Arbeitszeit zu laut war.
Jana, 1. Klasse

Die Coaching-Gesprä­che sind auch dazu da, Arbeiten gemeinsam mit der Lehrperson ganz genau anzuschauen.
Samra, 6. Klasse

Früher hatte ich Angst vor dem Coaching-Gespräch, vor allem vor der Kritik. Heute gehe ich gerne an die Gespräche. Es kommt viel mehr aus mir heraus, seit die Gespräche freiwillig sind und der Druck weg ist. Ich finde es wichtig, dass ich mit den Lehrpersonen nicht nur über die Schule reden kann, sondern auch über Privates.
Kevin, 6. Klasse

Inzwischen sind von unten Geräusche zu hören. Die übrigen Kinder sind eingetroffen. Sie machen sich alle selbstständig an eine Arbeit oder ein Spiel in einem der Themenräume. Ein «Klassenzimmer», in dem jedes seinen Platz hat, gibt es in diesem Schulhaus nämlich nicht. Dafür grössere, kleinere und ganz kleine Räume für Mathematik, Natur – Mensch – Mitwelt und Sprache. Sie sind alle mit einigen Tischen eingerichtet, an denen die Kinder arbeiten können, und vielfältigem Material, das zum entsprechenden Fachbereich gehört. Daneben gibt es eine Küche und ein Esszimmer. Oben im Estrich befinden sich ein Raum zum Herumtoben und ein Spielzimmer. Den Kindern stehen ausserdem ein Malort, ein Bastelort und ein Werkort zur Verfügung. Diese befinden sich jedoch ausserhalb des Schulhauses.

Die Zeit von viertel vor acht bis viertel nach acht ist fürs Ankommen, für individuelles Arbeiten, aber auch fürs Erledigen von Ämtchen reserviert. Filippo kümmert sich gerade um die Mäuse im NMM-Raum. Er hat ihnen neue Kartonröhren mitgebracht, kontrolliert Futter und Wasser und vermerkt dann mit Kreuzchen auf dem Plan, welche Arbeiten er rund um die Tiere am Donnerstag erledigt hat.

Um viertel nach acht treffen sich alle 20 Schülerinnen und Schüler im grössten Zimmer des Schulhauses, wo mit Bänken ein «Sitzquadrat» eingerichtet ist. Das Tagesprogramm wird besprochen.

Danach findet eine Chorprobe statt im Hinblick auf das Weihnachtskonzert in Thun. Mit grosser Konzentration und Motivation üben die Kinder die Lieder, teils im Plenum, teils in kleinen Gruppen. Etwa um viertel vor zehn (eine Schulglocke gibt es nicht) machen die Kinder für eine halbe Stunde Pause.

Nach der Pause finden, wie jeden Donnerstag, die Bilanzgespräche statt. Jeweils zu zweit kommen die Schülerinnen und Schüler ins Besprechungszimmer. Sie bringen ihre Lernwochenplanung (Lewop) mit. Diese beinhaltet das Wochenprogramm, das sie am Montag bekommen haben, mit den Arbeiten, die die Schülerinnen und Schüler in dieser Woche während der individuellen Arbeitszeit erledigen sollen. Am Donnerstag wird Bilanz gezogen: Wie ist es gelaufen? Welche Arbeiten sind bereits erfolgreich erledigt und können abgegeben werden? Wo gab es Probleme? Welche Arbeiten können bis am Freitagnachmittag noch abgeschlossen werden? Was muss auf nächste Woche verschoben werden? Dazwischen finden immer wieder auch kurze Reflexionen statt, die eher die Befindlichkeit betreffen. «Die Aussprache mit den andern Jungs am Montag hat mir gut getan. Ich habe verstanden, warum es zum Streit gekommen ist.» – «Du hast diese Woche oft gelächelt.» «Ja, ich bin mit der Arbeit viel besser zurechtgekommen als letzte Woche.» – «Das Schreiben macht mir grossen Spass. Ich möchte das viel öfter tun.» «Das ist schön. Ich habe mir überlegt, ob wir in der nächsten Zeit mal eine Schreibwoche durchführen wollen. Ausserdem könntest du ja in der freien Arbeitszeit vermehrt schreiben.» Die Bilanzgespräche dauern nicht lange, denn bis am Mittag müssen alle Kinder ein solches Gespräch mit beiden Lehrpersonen geführt haben. Während dieser Zeit arbeiten alle Kinder selbstständig und ruhig an ihren Arbeitsplänen.

Kurz vor dem Mittagessen versammeln sich alle noch einmal auf den Sitzbänken, um den Morgen mit einem kurzen Rückblick abzuschliessen. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind zufrieden:

«Der Donnerstag ist immer ein guter Tag, weil ich so viele Arbeiten abschliessen kann.»

«Zu Beginn der Woche habe ich getrödelt. Deshalb musste ich heute sehr intensiv arbeiten.»

«Die letzte Woche war viel strenger. Diese Woche kam ich besser vorwärts.»

Der wunderbare Duft von Essen liegt in der Luft. Vreni Ruef, Köchin, Betreuerin, aber auch Mal- und Gestaltungstherapeutin, hat gekocht. Zweimal pro Woche helfen ihr zwei Kinder dabei. Die Kinder erzählen dann spontan, was sie beschäftigt, schulisch und privat. Eine ideale Möglichkeit zum Reflektieren also. Vreni Ruef ist eine gute Zuhörerin. Meist gibt sie keinen Kommentar ab zu dem, was die Kinder sagen. Aber was sie dort hört und wahrnimmt, fliesst oft in die Teambesprechungen ein.

Das Lerntagebuch

Eine wichtige Möglichkeit zu reflektieren bietet das Lerntagebuch. Es ist mittlerweile die einzige schriftliche Form der Reflexion, die in der Tagesschule Brünigen praktiziert wird. Auf Wochenrückblicke, Tops und Flops wird seit diesem Sommer verzichtet. Auch sie wurden als in ihrer Form zu starr empfunden, brachten zu wenig nachhaltige Ergebnisse.

In den Lerntagebüchern, von den Kindern auch Portfolios genannt, berichten die Schülerinnen und Schüler von Erlebnissen oder Ereignissen im schulischen oder privaten Bereich, die für sie wichtig waren. In diesen Texten finden sich auch immer wieder Reflexionssätze. Die stehen dort, weil die Kinder sie so formulieren wollten – nicht weil die Lehrpersonen sie dazu aufgefordert haben.

Nach dem Mittagessen haben die Kinder Freizeit. Die meisten halten sich in den Estrichräumen auf. Sie toben herum und spielen. Am Nachmittag haben die älteren Schülerinnen und Schüler noch Französischunterricht. Die jüngeren haben frei. Sie können entweder drinnen oder draussen spielen. Sie können aber auch den Malort besuchen und dort ein Bild malen. Um fünf ist die Schule aus. Nur die Lehrpersonen bleiben dann noch da. Sie bereiten den nächsten Tag, die nächste Woche, das nächste Projekt vor. Ihre Präsenzzeit dauert meist bis sechs Uhr. Aber es kommt oft vor, dass auch später noch Licht im Schulhaus brennt. In Bezug auf die Reflexion hat die Tagesschule Brünigen einschneidende Veränderungen hinter sich. Die Instrumente, die beim Nachdenken über das Lernen eingesetzt werden, haben zwar noch fast alle ihre Gültigkeit. Aber sie werden heute anders eingesetzt. Im Zentrum steht die Reflexion der Kinder, die aus eigenem Antrieb und spontan stattfindet, also «von innen nach aussen». Das Brüniger-Team verspricht sich davon, dass die Schülerinnen und Schüler ganz unmittelbar die Erfahrung machen, die in einem der Mottos der Schule ausgedrückt wird: Der Lernerfolg steckt in dir selbst. Dahinter steht die Auffassung, dass der Mensch sich selber baut, was aber nur in Freiheit und ohne Konditionierung möglich ist. Ob dieser Weg der richtige ist und wie sein weiterer Verlauf aus­sehen muss, wird die Zukunft weisen.

Susanne Gattiker, Christine Leichtnam

Auszüge aus dem Gespräch mit François Jamin, Michèle Domeisen und Vreni Ruef

Dem Team der Tagesschule Brünigen ist das Bewusstsein sehr wichtig, sich auf einem Weg und damit in einer Entwicklung zu befinden. Die Lehrpersonen wissen nicht, ob die neu eingeschlagene Richtung stimmt. Reflexion, auch der eigenen Tätigkeit, ist deshalb sehr wichtig. Einmal pro Woche trifft sich das Team zu einer Sitzung. Aber auch sonst finden zahlreiche Gespräche über die Kinder statt. François Jamin: «Das Kind muss sich frei fühlen. Seine Entwicklung von innen nach aussen kann nur stattfinden, wenn das Aussen offen ist. Wir dürfen keine Erwartung haben, dass Reflexion stattfindet, aber wir müssen sie wahrnehmen und die geäusserten Bedürfnisse befriedigen, sofern es sich um Entwicklungsbedürfnisse handelt.»

Michèle Domeisen: «Reflexion soll nur stattfinden, wenn das Kind sie von sich aus will. Damit dies geschieht, muss die Umgebung stimmen. Lehrpersonen müssen zeigen, dass jede Reflexion willkommen ist. Es gibt ja auch da verschiedene Niveaus. Reflexion kann ganz einfach anfangen mit Aussagen wie: ‹Ich bin fertig geworden. Es hat mir gefallen.›»

Vreni Ruef: «Beim Kochen erzählen die Kinder ganz spontan, was sie beschäftigt. Oft äussere ich mich gar nicht dazu. Nicht jede Reflexion eines Kindes muss kommentiert werden.» Michèle Domeisen: «Reflexion muss vorgelebt werden. Die Kinder müssen merken, dass wir uns auch Gedanken machen. Sie müssen mitverfolgen, wie wir mit einem Problem umgehen. Wenn wir ihnen die Lösungen einfach präsentieren, sehen sie gar nicht, dass wir auch darüber nachdenken müssen. Wir müssen unsere Gedanken offenlegen.»

Vreni Ruef: «Der Malort ist eine gute Möglichkeit der Reflexion. Die Kinder haben dort die Gelegenheit, unbeobachtet und unkommentiert aufs Blatt zu bringen, was in ihnen hochkommt. Sie können zwar etwas über das Bild sagen, aber ich halte mich mit meinen Kommentaren zurück.»

François Jamin: «Wenn Angst und Druck vorhanden sind, ist die Reflexion nicht echt. Produktive Reflexion setzt eine Vertrauensbasis voraus.»

Porträt der Tagesschule Brünigen

Ort: Brünigen, BE
Anzahl Schülerinnen und Schüler: 20 (5 Kinder aus dem Weiler, 15 aus Meiringen)
Stufe: 1. bis 6. Klasse Struktur: Tagesschule (ab 7.45 bis 17 Uhr), Montag bis Freitag; Lernen im Blockunterricht, in Lernateliers, in Klein- oder Niveaugruppen; Individualisierung, Förder- und Stützprogramme; Pflege der Gemeinschaft; verschiedene Lern-, Spiel- und Erlebnisangebote am Nachmittag

http://www.tagesschulebruenigen.ch
tagesschule@bluemail.ch

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