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Im Dialog sein mit sich und der Welt

Erika Reichenbach: ist seit 40 Jahren als Kindergärtnerin in Thun tätig. Da­neben arbeitet sie als Beraterin in der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen.Erika Reichenbach: ist seit 40 Jahren als Kindergärtnerin in Thun tätig. Da­neben arbeitet sie als Beraterin in der Aus- und Fortbildung von Lehrpersonen.Reflexion ist ein zentrales Anliegen von Erika Reichenbach, Kindergärtnerin in Thun. Sie arbeitet an dieser Thematik bereits mit 5-jährigen Kindern, aber auch mit Eltern, Lehrpersonen und Studierenden. Dabei achtet sie darauf, dass die Reflexion nicht reiner Selbstzweck ist, sondern stets in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen geschieht.

Reflexion nicht nur im stillen Kämmerlein

Seit einiger Zeit integriert Erika Reichenbach ein Mädchen mit Teilleistungsstörungen in ihrer Gruppe. Durch die Arbeit mit dem Kind, die nicht immer einfach ist, stösst die Kindergärtnerin oft selber an Grenzen. Selbstzweifel plagen sie: «Warum nur habe ich dieses Mädchen in meine Kindergartengruppe aufgenommen? Wollte ich einfach gut da stehen? Ging es um meinen persönlichen Ehrgeiz, nach dem Motto: Das gelingt mir auf jeden Fall? Vielleicht war es auch einfach Mitleid von mir, gegenüber diesem Kind? Manchmal wäre ich froh, ich hätte zu dieser Integration nein gesagt!»

Solche Gedanken macht sich Erika Reichenbach nicht nur im stillen Kämmerlein. Sie bringt ihre Fragen und Selbstzweifel regelmässig in einer Supervisionsgruppe zur Sprache, die sich aus Theologen, Psychologen und Lehrpersonen zusammensetzt. Für Erika Reichenbach spielt der innere Dialog bei der Selbstreflexion eine wesentliche Rolle, sie achtet darauf, dass sie sich selber von verschiedenen Seiten hinterfragt. Die Selbstreflexion alleine genügt ihr aber nicht: «Ich brauche zwingend eine Aussensicht, die ich in meinem Fall von meiner Supervisionsgruppe bekomme.»

Auf gleichen Ebenen reflektieren

Erika Reichenbach ist es wichtig, dass die Eltern die gesetzlichen Grundlagen des Kindergartenlehrplans, aber auch die ganz persönlichen Leitgedanken der Lehrperson zum Kindergartenalltag kennen. In einem ersten Gespräch zu Beginn des Kindergartenjahres gibt sie diese Eckdaten an die Eltern weiter. Bei dieser Gelegenheit werden zudem Erwartungen geklärt und gemeinsam überprüfbare Ziele vereinbart. Das zweite Gespräch, in der Mitte des Kindergartenjahres, dient einer Standortbestimmung: Die Vereinbarungen werden überprüft und die Lernschritte des Kindes festgehalten. In diesen Gesprächen werden oft auch sehr persönliche Dinge angesprochen. Für die Kindergärtnerin ist es zentral, den Eltern nicht Ratschläge zu geben, sondern sie in erster Linie einmal zu verstehen. Erika Reichenbach ist es ein Anliegen, mit den Eltern gemeinsam nach Lösungen zu suchen: «Da ich selber auch Mutter von zwei Kindern bin und von Krisen im Familienalltag weiss, öffnen sich Türen! Reflexion kann so auf einer gemeinsamen Beziehungsebene geschehen.»

Kinder wissen mehr von sich, als Erwachsene denken

«In meinem Kindergarten steht eine Leiter. Jedes Kind hat das Recht, dort seine Befindlichkeit kundzutun. So kann es sein, dass ein Kind auf die Leiter klettert, mit der Glocke läutet und den anderen mitteilt, dass es wütend ist. Im gemeinsamen Gespräch wird geklärt, woher die Wut kommt und was wohl zu machen sei.»

Oft bildet Erika Reichenbach unter den Kindern Tandems. Diese entstehen zufällig, und die Kinder müssen während einiger Zeit in dieser Tandem-Partnerschaft wie in einer Schicksalsgemeinschaft zusammenarbeiten. Nach der Spielzeit kommen die Tandem-Kinder zur Kindergärtnerin zurück und reflektieren ihre Spielphase: Was ist gut gegangen? Was hat vielleicht noch nicht geklappt? Erika Reichenbach hält sich dabei zurück: «Ich bin immer wieder erfreut, wenn ich höre, mit welch grosser Offenheit gerade Kindergartenkinder reflektieren können, ohne einander in ihren Gefühlen zu verletzen.»

Erika Reichenbach erzählt die Geschichte von Sandra, einem Mädchen, dessen Familienumfeld nicht einfach ist. Sandra fühlt sich von niemandem geliebt und ist deshalb sehr traurig. Die Kindergärtnerin versucht, die Situation mit den Kindern zu reflektieren. Sandra darf sich in die Mitte des Stuhlkreises stellen und ihr Problem formulieren. Alle Kinder, die Sandra mögen, dürfen sich nun rund um Sandra stellen und ihr sagen, warum sie sie mögen. Kinder, die Sandra weniger nett finden, bleiben sitzen und können Sandra mitteilen, warum sie sie nicht mögen. Ein Knabe teilt Sandra mit, dass er es nicht so toll findet, dass sie immer an ihrem Pullover kaut. Am Schluss der Runde fragt Erika Reichenbach bei Sandra nach, wie sie sich nun fühlt. Sandra sagt, dass sie sich so wohl fühlt, dass sie am liebsten schlafen möchte. «Die Aussagen der Kinder sind hart, aber sie sind ehrlich. Ich finde unausgesprochene Tatsachen viel schlimmer. Immer wieder erlebe ich, dass sich Kinder mit dieser Offenheit viel weniger schwer tun als Erwachsene. Diese ehrliche Reflexion setzt aber eine Umgebung der Offenheit, des Vertrauens und auch der Geborgenheit voraus.»

Eine Aussensicht tut gut

Eindrücklich schildert Erika Reichenbach ihre Erfahrung mit Lehrpersonen in der Fortbildung, die zum ersten Mal eine Einschätzung von aussen bekommen. Oftmals sind die Lehrpersonen erstaunt über die grosse Annerkennung ihrer Arbeit, die sie dabei erhalten. Diese Aussensicht können die Lehrpersonen durch Umfragen erhalten, aber auch durch persönliche Gespräche: «Bei einer Elternumfrage wurde bei einer Lehrperson kritisiert, dass sie oft zu spät über Schulanlässe informiere. Beim nachfolgenden Gespräch wurde der Fokus auf das Zeitmanagement der Lehrperson gerichtet. Die Lehrperson konnte durch eine Aussensicht ihr Handeln verändern. Eine andere Lehrperson hatte grosse Angst vor einer Aussensicht und war nach der Auswertung des Fragebogens und der anschliessenden Gespräche sehr erfreut über die vielen positiven Einschätzungen. Für diese Lehrperson war die Aussensicht die Bestätigung, dass sie den richtigen Beruf gewählt hat.»

Ehrlich sein, auch beim Reflektieren

Das Schwierigste an der Reflexion und an der Selbstreflexion ist, ehrlich zu sein, sich kritisch zu hinterfragen: «Oft erlebe ich in meinem Alltag als Beraterin, dass gerade Lehrpersonen dazu neigen, ihre Probleme zu verdrängen und unter den Teppich zu wischen, weil das Eingestehen von Fehlern oft mit dem gängigen Bild der unfehlbaren Lehrperson nicht zu vereinbaren wäre.» Erika Reichenbach fordert darum, dass Lehrpersonen in ihrem Umfeld Rückmeldungen einholen, um so auf den Boden der Realität zu kommen und nicht in Phantasien zu leben. Gerade Schulleitungen können hier, zum Beispiel in Mitarbeitergesprächen, eine grosse Verantwortung übernehmen. Ein wichtiger Aspekt bei der Reflexion ist das Abstandnehmen: «Eine so genannte Selbstdistanzierung kann zu einer neuen Wahrnehmung der eigenen Person führen. Fehlt diese Distanz, ist die Gefahr gross, dass man sich im Kreis dreht.»

«Büffeln kann jeder, verstehen braucht Zeit» (Friedrich Dürrenmatt)

Erika Reichenbach ist überzeugt, dass für Menschen, die nur noch arbeiten und keine Zeit mehr finden innezuhalten, um mit sich in Beziehung zu kommen, keine wirksame Reflexion möglich ist: «Wenn man sich aber die Zeit nimmt, den Dialog mit sich und der Welt immer wieder neu zu suchen, ist man auf dem richtigen Weg zu einer grossen Berufszufriedenheit und damit schliesslich zu einer positiven Lebenseinstellung.»

Christine Leichtnam

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