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Literarische Geselligkeit: gemeinsam reflektieren

Die Lektüre von Büchern in der Schule ermöglicht es, über Leseerfahrungen nachzudenken und über ein Buch ein Urteil abzugeben. Einblicke in den Lite­raturunterricht zeigen, wie Gespräche über Bücher gelernt werden können. Sie zeigen auch, dass sich im Literaturunterricht ein differenziertes Urteilsver­mögen aufbauen lässt.

Die drei 7.-Klässler Nicolas, David und Fabio sitzen auf einem Sofa vor dem Klassenzimmer. Ihr gemeinsames Erkennungszeichen? Der Fantasyroman «Eragon», den sie in den letzten Wochen zuhause und in der Schule gelesen haben. Wie alle Schülerinnen und Schüler der Klasse 7a konnten sie aus einem Literaturkoffer zum Thema «Fantasy» ein Buch auswählen.

Jeweils drei Schülerinnen und Schüler wählten das gleiche Buch aus. Sie treffen sich nun zum ersten Mal in der kleinen Gruppe – zu einer Art Lesezirkel –, um über das Buch zu sprechen. Eine neue Erfahrung also. Später werden die drei Knaben der Klasse gemeinsam das Buch vorstellen, eine besondere Stelle daraus vorlesen und eine Empfehlung abgeben.

(siehe auch Lesewelten Themenpaket 4 «Fantastische Literatur», erscheint Herbst 2007)

Wie lernt man, über ein Buch zu sprechen, wie lernt man, Leseerlebnisse auszutauschen?

«Am Anfang braucht es meine Betreuung», berichtet uns Bänz Huber, der Lehrer der Klasse 7a in Gümligen. «Ich stelle den Knaben Fragen zur Verfügung, zuerst schriftlich, dann als Gesprächspartner in der Gruppe. Sonst erzählen sich die drei einfach nochmals den Inhalt.»

Bei Nicolas, David und Fabio will sich Bänz Huber direkt mit Fragen in die Arbeit einmischen:

«Findet ihr das Buch von A – Z spannend? Oder hat es auch langweiligere Teile? Lest ihr die verschiedenen Teile unterschiedlich?»

Nicolas: «Für mich braucht es Action, diese Teile las ich sehr gerne. Natürlich waren die ersten 100 Seiten anstrengender, man musste ja die Personen kennen lernen. Die Gespräche lese ich jeweils weniger aufmerksam als die Action-Teile.»

Fabio: «Spannend für mich waren die vielen Fabelwesen.»

David: «Für mich war das Lesen ausgeglichen. Ich lese jeweils auch weniger spannende Seiten ganz aufmerksam, weil ich nichts verpassen will.»

Ein Anfang ist gemacht! Es ist zwar anspruchsvoll, so genau auf das Lesen zurückzublicken und erst noch darüber zu sprechen. Aber es ist auch befriedigend, dass die eigene Leseerfahrung in der kleinen Gruppe so deutlich wahrgenommen wird.

Hilfestellungen: Ausschnitt aus dem didaktischen Handbuch des Lehrmittels «Lesewelten»Hilfestellungen: Ausschnitt aus dem didaktischen Handbuch des Lehrmittels «Lesewelten»

Offene Formen des literarischen Gesprächs

Offene Formen des literarischen Gesprächs gehen von den Leseerfahrungen der Teilnehmenden aus. Diese tauschen Leseeindrücke aus und verständigen sich über einen gelesenen Text. Als ein Ergebnis aus einer solchen Gesprächsrunde kann z.B. eine Empfehlung hervorgehen. In den Unterrichtsvorschlägen von Lesewelten spielt das Gespräch über die Leseeindrücke eine wichtige Rolle. Schülerinnen und Schüler brauchen Gelegenheiten, sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen über ihre Lektüreeindrücke und über emotionale Reaktionen wie Begeisterung oder Befremden auszutauschen. Wenn ein Text eine fremde Welt darstellt, ist es besonders wichtig, sich über Dinge, die einem bei der ersten Lektüre sperrig und schwer nachvollziehbar vorkommen, unterhalten zu können. Durch solche Gespräche kann etwas Ungewöhnliches vertrauter werden. Falls die Lehrperson als gewöhnliche Teilnehmerin oder Teilnehmer ihre Lektüreeindrücke einbringen und keine Lenkungsrolle erhalten soll, empfiehlt es sich, dass eine Schülerin oder ein Schüler die Moderation des Gesprächs übernimmt.

Was gegen Ende der 9. Klasse an Reflexionsfähigkeit drinliegt, hat Barbara Zoppi erlebt. Sie unterrichtet am Dennigkofenschulhaus in Ostermundigen und arbeitet mit ihren Klassen im Literaturunterricht stetig daran, auf den Leseprozess zurückzublicken und Bücher differenziert zu beurteilen.

Barbara Zoppi: «Gespräche über Leseerlebnisse sind äusserst wichtig, sie fördern das Vertrauen untereinander in der Klassengemeinschaft. Die Schülerinnen und Schüler lernen, eigene und fremde Wertungen zu vergleichen. Jedes Gespräch wird vorbereitet, zum Beispiel durch Einträge ins Lesetagebuch während des Lesens und durch Fragen, die dem Gespräch die Struktur geben.»

:: Differenzierte Fragen unterstützen die Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung von differenzierten Werturteilen.:: Differenzierte Fragen unterstützen die Schülerinnen und Schüler bei der Entwicklung von differenzierten Werturteilen.

:: Die Schülerinnen und Schüler haben Dshamilja von Tschingis Aitmatov gelesen und sich laufend Notizen in ihr Lesetagebuch gemacht. Die Notizen dienen der Vorbereitung auf das Gespräch.:: Die Schülerinnen und Schüler haben Dshamilja von Tschingis Aitmatov gelesen und sich laufend Notizen in ihr Lesetagebuch gemacht. Die Notizen dienen der Vorbereitung auf das Gespräch.

Barbara Zoppi: «Im Literaturunterricht begegnen die Schülerinnen und Schüler ja auch Werken der Erwachsenenliteratur, die ihnen auf Anhieb nicht so zugänglich sind. Umso zentraler ist dann auch die Fähigkeit, nach der Beschäftigung mit einem Werk zurückzublicken und festzustellen, ob und wie sich der Zugang verändert hat.»

Was müssen Schülerinnen und Schüler können, um gemeinsam über Bücher zu sprechen?

Barbara Zoppi: «Vieles! Aber es ist alles lernbar! Sie müssen zum Beispiel den Unterschied zwischen ‹Beschreiben› und ‹Bewerten› lernen. Sie müssen begründen und argumentieren können. Sie müssen lernen, wie man kurze Statements abgibt und wie man in einem Gespräch bei einer Vorrednerin anknüpft. Sie können lernen, wie sie offen mit andern Bewertungen und Haltungen umgehen.»

Wie können sie das lernen?

Barbara Zoppi: «Indem sie möglichst viele verschiedene Reflexionsgelegenheiten erleben. Indem sie ein breites Repertoire an Formulierungen erhalten – oder eine entsprechende Wortschatzsammlung. Indem sie Werkzeuge kennen lernen wie das Lesetagebuch oder Gesprächsregeln. Indem ich ihnen Vorbild bin in der Offenheit gegenüber anderen Erfahrungen und Urteilen.»

Welches sind die ersten Schritte?

:: Durch die gemeinsame Reflexion können Schülerinnen und Schüler das eigene Wertesystem feiner wahrnehmen und auch kommunikativ vertreten.:: Durch die gemeinsame Reflexion können Schülerinnen und Schüler das eigene Wertesystem feiner wahrnehmen und auch kommunikativ vertreten.

Barbara Zoppi: «Zum Beispiel ein Gespräch in Halbklassen. Ich habe mit meiner neuen 7. Klasse den ‹Goldkäfer› von Poe gelesen und dann das erste Gespräch über persönliche Leseerfahrungen vorbereitet und durchgeführt. Zuerst waren die Kinder abwartend, sie wussten nicht: Was darf man sagen, was nicht? Erst auf meine Impulse, dass es hier nicht um richtig oder falsch gehe, kam es zu persönlichen Bewertungen der Lektüre. Ich nahm die Rolle der Moderatorin ein und ermunterte die Kinder zu versuchen, in ihren Aussagen etwas vom Vorredner aufzunehmen. Eingegriffen hätte ich nur, wenn sie nicht mehr bewertet, sondern beschrieben hätten. Bei jedem weiteren Gespräch fühlen sich die Kinder sicherer, zu ihrem Urteil zu stehen, auch wenn es von andern Urteilen abweicht.»

Therese Grossmann

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