Selbstreflexion und Selbstevaluation als Prinzip
Wie wird ein Kind im Bereich des Sprachenunterrichts autonomer? Wie können Lehrende dazu beitragen, dass die Schülerinnen und Schüler diese wichtige Kompetenz in einem fortschreitenden Autonomisierungsprozess aufbauen? Ein Vorschlag aus dem Europäischen Sprachenportfolio (ESP).
Mehrsprachigkeit und interkulturelle Dimension
Im Portfolino, dem ESP für Vorschule, Kindergarten und das 1. Schuljahr, geht es zunächst darum, dem Kind bewusst zu machen, dass es in einer mehrsprachigen Welt lebt: Die Bereiche «Sprachen aus meiner Umgebung», «Sprachen in meiner Schule», «Sprachen ausserhalb der Schule» formulieren Anregungen, die dem Kind erlauben, seine erste eigene Sprachbiografie zu formulieren.
Kontakte zu Sprachen und Kulturen: Schülerinnen und Schüler werden ermutigt, schriftlich «Kontakte zu Sprachen und Kulturen» in der Schweiz und auf der ganzen Welt zu reflektieren.
Das ESP I strebt im weiteren Verlauf eine Horizonterweiterung und eine feinere Beschreibung sprachlichen Könnens und Wissens an; es stützt sich auf entwicklungspsychologische Merkmale dieses Alters ab: Schülerinnen und Schüler sind aufgefordert, längere Texte zu lesen und zu schreiben und mehr zu abstrahieren. So können sie sich über «Sprachen und Dialekte» äussern, die sie «zuhause», «mit Freunden», «in der Freizeit», «zum Singen», «zum Lesen», «zum Schreiben» oder «zum Sprechen» brauchen und die sie in ihrem weiteren Umfeld hören: in Familie, Verwandtschaft, Nachbarschaft und Medien. Damit ist intensives Nachdenken über Sprache angelegt. Überdies werden sie ermutigt, schriftlich «Kontakte zu Sprachen und Kulturen» in der Schweiz und auf der ganzen Welt zu reflektieren (siehe Abb. 1). Neben der Kompetenz, sich über die Mehrsprachigkeit und über die Vielfalt der Kulturen in der eigenen Umgebung bewusst zu werden, geht es ausserdem darum, die eigenen sprachlichen Fähigkeiten in einer (oder mehreren) Fremdsprachen zu messen.
Selbstevaluation der sprachlichen Kompetenzen
«fünfter sein»: Ein Gedicht von Ernst Jandl als Ausgangspunkt zu einer Aktivität über Sprache.Im Portfolio dienen die 20 exemplarischen Aktivitäten, die der Lehrperson in den Handreichungen angeboten werden, als Basis für diese reflexive Arbeit. Dazu ein Beispiel: «fünfter sein», ein kleines Gedicht von Ernst Jandl, das sich im Wartesaal eines Arztes abspielt. Die Lehrperson erzählt die Geschichte ein erstes Mal mit der Hilfe von Bildern und Intonation. Während oder nach dem Erzählen versichert sie sich, dass die Geschichte verstanden worden ist, und verteilt die Rollen: Wer möchte ein Patient sein, wer der Arzt? Welche Kostüme und Schminkeffekte braucht es für welche Rolle? Nachdem die Kinder sich alle eine Figur ausgesucht und sich damit auseinandergesetzt haben, liest entweder die Lehrperson oder ein Kinderchor den Text vor und die «Patienten» und der «Arzt» interpretieren ihre Rollen.
Hier tauchen folgende Deskriptoren auf:
- Wichtige Wörter und Sätze einer Geschichte verstehen und das Verständnis anzeigen durch Mimik, Einnehmen des richtigen Platzes, Zeichnen, Zeigen usw.
- Die Bilder einer bekannten Geschichte dem richtigen Wort / Satz zuordnen.
- Aus einer Geschichte eine Figur auswählen und zu dieser Figur sprachlich etwas spielen.
Diese Deskriptoren wurden aus einem Raster ausgewählt, der in den Handreichungen für Lehrpersonen erscheint: 8 Deskriptoren für jede sprachliche Aktivität, d.h. für Hören, Lesen, Sprechen und Schreiben. Alle 24 Deskriptoren richten sich nach der «can do»-Philosophie: Wichtig ist, dass die Lernenden positive Formulierungen verwenden, indem sie beschreiben, was sie tun können – und nicht was sie sprachlich nicht tun können.
Die der Aktivität entsprechenden Deskriptoren werden dann einzeln entweder von der Lehrperson auf eine Vignette übertragen oder vom Kind – in einer vereinfachten Formulierung – nachgeschrieben. Wenn das Kind diese Aktivität ein- oder mehrmals erlebt hat, wird es zunehmend in der Lage sein, sich selbst zu evaluieren. Es kann dann schreibend oder zeichnend formulieren, ob und wie gut es das Ziel erreicht hat. In den Klassen, in denen diese Aktivität erprobt worden ist, hatten die Schülerinnen und Schüler grossen Spass und vielen ist es gelungen, nach der zweiten oder dritten Nacherzählung, nicht nur ihren eigenen Satz, sondern auch den einer anderen Figur auszusprechen.
Im ESP I haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, eine persönliche «Ich kann-Liste» für jede sprachliche Aktivität zu erstellen. In der Sprachbiografie kann z.B. die Frage «Was kannst du in verschiedenen Sprachen erzählen?» beantwortet werden. Im Sprachenpass können alle ihre Kompetenzen in den fünf sprachlichen Aktivitäten auf der GERR-Skala einstufen (GERR= Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen des Europarats). Die Selbstevaluation der sprachlichen Kompetenzen allein genügt jedoch nicht, um die angestrebte höhere Lernerautonomie erfolgreich zu fördern. Die Wirksamkeit dieses Prozesses wird zusätzlich unterstützt durch das Nachdenken über Strategien, die zum Erreichen eines Zieles geholfen haben, das Übertragen dieses neuen Bewusstseins auf weitere Aktivitäten und das Festlegen neuer Ziele.
Nachdenken über Lernstrategien
Nachdenken über Lernhilfen: In ESP I, Seite 19, werden die Schülerinnen und Schüler dazu ermuntert, nicht nur zu schreiben, was sie können, sondern auch darüber, wie sie es geschafft haben und was ihnen dabei geholfen hat.Während die Kinder im Portfolino ihre «Träume, Wünsche und Ziele» noch mit bescheidenen Mitteln in die Zukunft projizieren können, werden die Schülerinnen und Schüler im ESP I aufgemuntert, nicht nur zu schreiben, was sie können, sondern auch darüber zu schreiben, wie sie es geschafft haben und was ihnen dabei geholfen hat (siehe Abb. 3). Portfolino und ESP I sind keine Zaubermittel, und obwohl jedes Portfolio Eigentum der Lernenden ist, spielt die Lehrkraft in einer reflexiven Pädagogik eine wichtige Rolle. In den verschiedenen ESP-Erprobungen in der Schweiz und in Europa tauchen immer wieder ähnliche Fragen auf: Kann ein Kind seine sprachlichen Kompetenzen wirklich selber evaluieren? Wie kann ich ihm dabei behilflich sein? Wie, wann und wo greife ich als Lehrperson ein und wann ist es Sache des Kindes? Ist das kein Zeitverlust angesichts des vielen Lernstoffs? Wie reagieren Eltern auf diese neue Pädagogik? Die Antworten auf diese Fragen sind sehr eng mit einer Reflexion bei den Lehrenden verbunden. Die «Hinweise für die Lehrperson» unterstützen diesen Prozess.
Olivier Mack
Professeur Formateur, HEP VD
Das Europäische Sprachenportfolio
Das Europäische Sprachenportfolio (ESP) ist eines der wichtigsten Instrumente der Sprachenpolitik des Europarats. Die Richtlinien des Konzeptes können folgendermassen zusammengefasst werden: Förderung der Mehrsprachigkeit, der kulturellen Vielfalt und der Mobilität in Europa. Kurz: Wer in mehreren Sprachen auf funktionelle Weise (also ohne die völlige Beherrschung der Sprache anzustreben) kommunizieren kann, hat grössere Chancen, die Kultur der anderen zu verstehen, sowie vielfältigere berufliche und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten. Pädagogisch gesehen hängen diese Ziele mit autonomem lebenslangem Lernen und der Fähigkeit zur Selbstbeurteilung zusammen: Je besser Lernende ihre eigenen Lernprozesse bewusst führen und selber evaluieren können, desto grösser ist ihr Entwicklungspotenzial.
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