Muss gute Werbung lustig sein?
Sich mutig auf neue Fragestellungen einzulassen und selbstständig nach Antworten zu suchen – dazu werden die Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht von Evelyn Flückiger ermuntert. Eine Reportage.
Dass in der Klasse 2D mit Werbung gearbeitet wird, ist schon von weitem sichtbar. Auf den Gruppentischen im Klassenzimmer und im Gang liegen farbige Werbeseiten aus Zeitungen und Zeitschriften. Fabio hat selber einen ganzen Stapel davon mitgebracht und hält nun ein ganzseitiges Autoinserat in der Hand. «Autowerbung finde ich nicht gut», teilt er seinen Mitschülerinnen Tabea und Kim mit, legt das Inserat beiseite und nimmt die Werbung für ein Parfum vom Stapel.
Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2D im Schulhaus Riedli haben zu Beginn der Stunde eine Problemstellung zu Werbung erhalten. Es geht u. a. darum, die mitgebrachten Werbebeispiele in die Kategorien «gut» und «schlecht» aufzuteilen und dabei Beurteilungskriterien aufzustellen.
Problemstellung
I. Informiert euch im Sachbuch S. 60/61 über Informationen und Unterhaltung in der Werbung.
II. Teilt eure Werbebeispiele in zwei Kategorien auf:
a. Solche, die ihr gut findet
b. Solche, die ihr schlecht findet.
Begründet eure Zuordnung, indem ihr zu jedem Beispiel ein Post-it klebt, auf dem ihr den Grund eurer Zuordnung kurz aufschreibt. Überlegt im Anschluss:
Welches waren eure Zuordnungskriterien?
* Haltet eure persönliche Definition auf einem A5-Blatt fest: Gute Werbung ist …
III. Untersucht eure Beispiele auf folgende Fragen hin:
• Finde ich Informationen über das Produkt?
• Wie sind die Informationen verpackt?
Die Schülerinnen und Schüler wissen aus ihrer Erfahrung mit anderen Problemstellungen, dass es um eine echte Auseinandersetzung geht und die «richtigen» Antworten nicht zum Vornherein bereits irgendwo feststehen. Die Werbebeispiele pauschal in «gut» und «schlecht» aufzuteilen, fällt den Schülerinnen und Schülern nicht schwer. Wird es ihnen jedoch gelingen, differenziert über Werbung zu sprechen? Werden sie als Gruppe selbstständig Kriterien für ihre Bewertung aufstellen können? Am Tisch von Kim, Tabea und Fabio wird inzwischen rege diskutiert – auf Hochdeutsch. Tabea stellt gerade ihre Sammlung von Werbebeispielen vor. Auch sie hat ein ganzseitiges Autoinserat gefunden.
Kim, Tabea und Fabio sind konzentriert und engagiert dabei, Kriterien für gute und schlechte Werbung zu suchen. Eine anspruchsvolle Aufgabe, der sie sich mit sichtlichem Selbstbewusstsein stellen. Diese Sicherheit lässt sich einerseits auf die verständliche Aufgabenstellung zurückführen. Andererseits haben die Jugendlichen schon bei anderer Gelegenheit die Erfahrung gemacht, dass das gemeinsame laute Denken weiterhilft. Die Schülerinnen und Schüler müssen während der Arbeit nicht nur inhaltliche Fragen klären, sondern auch laufend ihr Vorgehen überprüfen. Zum Beispiel mit folgenden Fragen: «Verlangt die Problemstellung ein bestimmtes Vorgehen? Gehen wir so vor, dass wir alle unser Bestes beitragen können?»
Am Nebentisch versuchen Timo, Remo und Simon eine Werbung zu bewerten. Dass ihr Gespräch stagniert, lässt sich schon an ihrer Körperhaltung ablesen. Deshalb setzt sich ihre Deutschlehrerin Evelyn Flückiger zu ihnen an den Tisch und fordert sie mit Fragen zum Weiterdenken auf: «Versteht ihr den Witz der Darstellung? Wie passt die grafische Gestaltung zum Inhalt?» Sie rät ihnen auch, den Werbetext nochmals zu lesen, vielleicht sogar mehrmals. Evelyn Flückiger bleibt so lange in der Nähe der Knaben, bis sie selbst anfangen, mit Fragen ihr Gespräch wieder anzukurbeln.
Wir wollen von Evelyn Flückiger wissen, was sie als Deutschlehrerin zur Problemlösefähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler beitragen kann.
Sie haben sich während der Gruppenprozesse nicht in allen Gruppen eingebracht. Wann mischen Sie sich in einen Problemlöseprozess ein?
Evelyn Flückiger: Beim Problemlösen müssen die Schülerinnen und Schüler in ein Gespräch über die Sache kommen und auch dabei bleiben. Da kann ich sie unterstützen. Ich kanalisiere das Gespräch zum Beispiel so, dass die Sache, um die es wirklich geht, wieder ins Zentrum kommt. Oder ich fordere die Jugendlichen auf, noch mehr Fragen an und über die Sache zu stellen und ihr erstes Urteil zu hinterfragen. Es ist wichtig, dass sie sich nicht mit schnellen, oberflächlichen Antworten zufrieden geben, sondern weitersuchen.
Die Problemstellung zur Werbung enthält klar umrissene Aufträge. Sie schreibt sogar Material vor. Welche Bedeutung hat die Problemstellung für die Entwicklung der Problemlösefähigkeit?
Die Problemstellung ist zentral. Der Auftrag muss so klar und verständlich sein, dass sich die Schülerinnen und Schüler darauf einlassen können und wollen. Die Problemstellung muss Rahmenbedingungen vorgeben, die den Schülerinnen und Schülern Sicherheit geben. Und dadurch bekommen sie vielleicht auch Lust darauf, Neues zu entdecken. Je erfahrener die Schülerinnen und Schüler im Lösen von Problemen sind, desto weniger Vorgaben brauchen sie. Deshalb passe ich die Problemstellungen aus Sprachwelt Deutsch jeweils den Möglichkeiten und Bedürfnissen meiner Klasse an. Durch die Problemstellungen will ich die Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, sich selbstständig und differenziert mit anspruchsvollen Themen auseinanderzusetzen. So können sie ihre Kompetenzen sowohl sprachlich wie inhaltlich ausbauen.
Beim Lösen von Problemen spielen das Selbstvertrauen und die Neugier eine wesentliche Rolle. Was können Sie als Lehrperson dazu beitragen?
Ich ermutige die Schülerinnen und Schüler, sich auf etwas Neues einzulassen. Während des Prozesses versuche ich, Qualitäten festzustellen und diese auch mitzuteilen. Das hat nichts mit pauschaler Lobhudelei zu tun. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden. Das macht Mut, Neuland zu betreten. Es geht also um eine Wertschätzung erkannter Fähigkeiten. Damit verbinde ich aber auch immer die Forderung, sich etwas zuzumuten.
Dass Lehrpersonen bei der Entwicklung der Problemlösefähigkeit eine Vorbildfunktion haben, ist unbestritten. Inwiefern nehmen Sie diese Rolle wahr?
Ich war echt neugierig, welche Beurteilungskriterien für «gute Werbung» die Schülerinnen und Schüler aufstellen würden. Diese Neugier habe ich gezeigt. Die Klasse soll sehen, dass ich wirklich gespannt darauf bin, was sie herausfindet. Was ich auch immer wieder ausdrücke, ist mein Interesse an einer vertieften Auseinandersetzung mit einem Problem. Ich moderiere zum Beispiel Gespräche so, dass es viel Raum fürs Nachfragen und fürs Hinterfragen gibt. Ich gebe auch zu erkennen, dass es nicht in erster Linie um das Erledigen der Aufgabe und um Schnelligkeit geht. Gerade Schülerinnen und Schüler mit wenig Erfahrung im Problemlösen sind oft begierig auf vorschnelle Antworten und einfache Lösungen. Deshalb nehme ich jede Gelegenheit wahr aufzuzeigen, dass Antworten oft schon wieder neue Fragestellungen enthalten, die zur Entdeckung weiterer inhaltlicher Aspekte führen können.
Therese Grossmann
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