Problemlösen - ein blinder Fleck in M + U und NMM?
Problemlösekompetenz spielt in naturwissenschaftlichen Fächern eine zentrale Rolle. Wie aber steht es um diese Schlüsselkompetenz in den so genannt «weichen Disziplinen», namentlich im Bereich NMM? Ein Interview mit Marco Adamina, einem der «Väter» zahlreicher NMM-Lehrwerke.
Marco Adamina hat im Kanton Bern am Lehrplan 95 und an der Konzeption von zahlreichen Lehrwerken zum Fachbereich Natur – Mensch – Mitwelt (NMM oder auch Mensch und Umwelt genannt) mitgewirkt. Er war Seminarlehrer und ist heute an der PH Bern in der Ausbildung von Primarschul-Lehrkräften tätig. Ausserdem wirkt er im Rahmen des EDK-Projekts HarmoS an der Formulierung von Bildungsstandards für den Bereich Naturwissenschaften mit.
«profi-L»: Marco Adamina, das Fach NMM deckt von der Geographie und Geschichte über die Biologie, Physik und Chemie bis hin zur ethischen, sozialen und hauswirtschaftlichen Bildung eine Vielzahl von Disziplinen ab. Während allgemein bekannt ist, dass die Problemlösekompetenz in den Naturwissenschaften eine zentrale Rolle spielt, setzt man das für die «weichen Disziplinen» sozialwissenschaftlicher Prägung weniger voraus. Sehen Sie das auch so? Und wenn, woran könnte das liegen?
Marco Adamina: Nein, ich sehe das nicht so. Natürlich kommt es ganz darauf an, welche Teilaspekte und -kompetenzen man dem Problemlösen zuweist. Viele kulturelle und gesellschaftliche Fragen und Situationen erfordern das Lösen von Problemen. In der Auseinandersetzung mit sich selber und mit Gemeinschaften, mit Fragen des Seins und Habens, des Alltagkonsums, des Unterwegs-Seins, der Gestaltung von Umwelt, der Mitwirkung in der Schule, im Quartier u. a. geht es um Problemlösen.
Probleme im Zusammenhang mit Unterricht sind Situationen und Aufgaben, die den Schülerinnen und Schülern unterbreitet werden, Probleme, die sie zu einer aktiven, konstruktiven Auseinandersetzung mit Fragen, Begebenheiten, Sachen führen, wo sie nach Lösungswegen suchen. Dies sind wesentliche Ausgangspunkte für Lernsituationen im M+U- und NMM-Unterricht oder müssten es zumindest sein.
Wenn wir die Lehrpläne oder Lehrmittel im M+U/NMM-Bereich anschauen, springt uns der Begriff Problemlösen nicht ins Auge. Das ist bei der Mathematik ganz anders, wo Problemlösen als eine der zentralen Kompetenzen separat ausgewiesen wird. Verwendet man im M+U-/NMM einfach andere Begriffe oder wurde diese Kompetenz bisher als nicht so zentral eingestuft?
Die M+U- und NMM-Lehrpläne sind stark angereichert mit Zielen zu Fähigkeiten und Fertigkeiten, die zur Problemlösekompetenz gehören. Es trifft zu, dass der Begriff Problemlösen nicht explizit genannt wird, wie dies zum Beispiel im Lehrplan Mathematik des Kantons Bern der Fall ist. Ein Blick auf die Beschreibung dieses Richtziels im Mathematiklehrplan gibt allerdings schon einige Hinweise: Da wird von mathematischen und fächerübergreifenden Problemstellungen gesprochen. Es geht darum, Situationen zu beurteilen, Fragen und Vermutungen anzustellen, Annahmen zu treffen, Experimente und Simulationen durchzuführen, Lösungswege zu planen, zu realisieren, zu vergleichen. Dies sind alles Teilaspekte, die in dieser Ausrichtung auch in den NMM- und M+U-Lehrplänen auftreten.
Und wie können wir uns das vorstellen?
Heute wird Problemlösekompetenz ja oft in zwei Ausrichtungen gesehen:
* Als analytisches Problemlösen: Hier geht es darum, Wahrnehmungen beziehungsweise Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, zu bedenken, Überlegungen dazu anzustellen, Folgerungen und Einschätzungen vorzunehmen u. a. Dazu gehören Kompetenzen, Informationen zu erfassen, sie zu ordnen, Gesichtspunkte für das Verorten, Gewichten und Einschätzen zu kennen und sie anzuwenden.
* Als dynamisches Problemlösen: Dabei geht es um das Handeln in authentischen Situationen. Beispiele: Wie verhältst du dich in diesem Gruppenprozess? Wie planst du mit deinen Kameradinnen und Kameraden den Einkauf für das Schulznüni für eure Klasse und was bedenkt ihr dabei? Wie bereitet ihr euch auf das Gespräch mit euren Grosseltern zum Leben in früheren Zeiten vor und was ist euch dabei vor allem wichtig? Was wollt ihr erfahren und wie wollt ihr vorgehen? Dazu gesellen sich Kompetenzen wie Kreativ-Denken, Sachen- und Situationen-Erproben, Experimentieren und Simulieren.
In welcher Form ist diese umfassend verstandene Konzeption von Problemlösen nun in den neuen NMM/M+U-Lehrwerken umgesetzt?
Wir haben versucht, in den Lehrmitteln der Reihe Lernwelten NMM die Förderung spezifischer Fähigkeiten und Fertigkeiten direkt in entsprechenden thematischen Situationen anzulegen. Zudem werden in den Vorschlägen zum Begutachten und Beurteilen wesentliche Aspekte der Problemlösekompetenz an konkreten Beispielen aufgezeigt, und es wird erläutert, woran die Entwicklung entsprechender Teilkompetenzen erkannt werden kann. Wichtig scheint mir in diesem Zusammenhang, dass zur Kompetenz des Problemlösens auch das sachbezogene Vorwissen gehört; dies wird in Diskussionen zum Lehren und Lernen in den Schulfächern meines Erachtens zu wenig bewusst aufgenommen. Damit meine ich nicht träges Faktenwissen, sondern anwendungsbezogenes Wissen. In den Ergebnissen verschiedener Forschungsprojekte der letzten Jahre zeigt sich, dass insbesondere bereichsspezifisches Wissen und bereichsspezifische Strategien entscheidend zum Gelingen eines Problemlöseprozesses gehören.
Was heisst das konkret in Bezug auf die Umsetzung im Unterricht?
Problemorientierung ist in einem kognitiv-konstruierenden Lehr- und Lernverständnis eines der zentralen Merkmale bei der Gestaltung von Lernarrangements im Unterricht. Dies wird im Grundlagenband Lernwelten NMM aufgezeigt und in der Lehrmittelreihe konkret umgesetzt. Darum würde ich in didaktischen Kommentaren künftig das Anliegen der Gestaltung problemorientierter Lernumgebungen im M+U-/NMM-Unterricht verstärken. Fragen, Situationen und Probleme sollen in den Mittelpunkt des Unterrichts gestellt werden. Probleme, die zur aktiven Auseinandersetzung anregen, die auch die Selbststeuerung von Lernwegen zulassen, den Dialog und das gemeinsame Konstruieren ermöglichen, das Nachdenken über das eigene Lernen und Verstehen der Dinge und Situationen fördern. Im Vordergrund stehen dabei möglichst lebensweltbezogene, für die Schülerinnen und Schüler bedeutungsvolle Situationen, die neugierig machen. Dazu gibt es ermutigende Ergebnisse aus Evaluationsprojekten, in denen sich gezeigt hat, dass die Auseinandersetzung mit komplexen und alltagsnahen Problemen den Erwerb von Problemlösekompetenzen fördert, wobei natürlich der Grad der Komplexität stufenbezogen passen muss und nicht zur Überforderung führen darf. Unter anderem hat sich auch gezeigt, dass dies nicht einfach mit möglichst offenen Lernformen möglich wird, sondern dass die Strukturierung und die gezielte Begleitung im Unterricht ganz wichtig sind.
Interview: Peter Uhr
Lehrwerke NMM
Eine Übersicht über die Lehrwerke NMM finden Sie im Internet:
www.nmm.ch
www.schulverlag.ch
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