«Aber ich habe nicht angefangen …»
Streiten muss gelernt sein. In der Primarschule Aarberg üben Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse den Umgang mit Konflikten. Als Streitschlichter unterstützen sie anschliessend die jüngeren Schülerinnen und Schüler beim Lösen von Konflikten.
In ihrer Ausbildung zur Mediatorin hat Marianne Fankhauser verschiedene Modelle kennen gelernt, wie Schülerinnen und Schüler andere Kinder beim Lösen von Konflikten unterstützen und begleiten können. Als Heilpädagogin arbeitete sie immer wieder mit ganzen Klassen und unterstützte die Kinder in konkreten Klassensituationen bei der Suche nach Konfliktlösungen. Aus dieser Arbeit entstand das auf die Schule Aarberg angepasste Modell der «Streitschlichter». Nicht etwa, weil an ihrer Schule die dringende Notwendigkeit dazu bestanden hätte. Die Kinder stiegen so gut auf die Übungen ein, dass der Schritt zur Ausbildung zu «Streitschlichtern» nicht mehr gross war.
Im ersten Teil der Ausbildung lernen die Schülerinnen und Schüler, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken, zu erkennen und zu benennen.
Immer wieder wird gewaltfreie Kommunikation an konkreten Situationen aus dem Klassenalltag, aber auch in fiktiven Situationen geübt. Was für Gefühle haben alle Beteiligten? Welche Grundbedürfnisse werden nicht erfüllt? Was verraten Gesichtsausdruck und Sitzhaltung über die Gefühle der beteiligten Personen? Ein bestimmter, strukturierter Ablauf gibt den Kindern Halt und Sicherheit. Immer wieder werden die vier Schritte der Konfliktlösung in verschiedenen Situationen angewendet und geübt:
- Das Problem darstellen,
- Gefühle formulieren,
- Bedürfnisse formulieren,
- Lösungen vereinbaren.
Dann gilt es ernst.
«Sie versteckt immer meine Mütze.»
«Ich darf nie mitspielen.»
«Er braucht immer den ganzen Platz in der Garderobe.»
«Sie schaut mich immer so blöd an.»
«Er … immer …!»
Schülerinnen und Schüler wenden sich in solchen Situationen an die Klassenlehrperson. Diese unterstützt die Kinder in der Organisation eines Schlichtungsgespräches mit zwei ausgebildeten Kindern. Das eigentliche Gespräch findet jedoch ohne Erwachsene statt. Die beratenden Kinder führen jedes Mal ein Protokoll (siehe Download-Bereich). Alle Beteiligten unterschreiben die Aufzeichnungen und vereinbaren einen Kontrolltermin. Hat sich die Situation noch nicht verändert, suchen die Streitenden zusammen mit den Streitschlichtern in einem weiteren Gespräch nach neuen Lösungen.
Das Protokoll gibt dem Gespräch einerseits zusätzliches Gewicht und betont die Ernsthaftigkeit, andererseits kann Marianne Fankhauser anhand der Aufzeichnungen auch erkennen, wo ihre Unterstützung nötig ist. Mobbingsituationen und Streitigkeiten, von denen ganzen Klassen betroffen sind, fallen nicht in den Aufgabenbereich der Streitschlichterinnen und Streitschlichter.
Die Erfahrungen aus den Schlichtungsgesprächen der Kinder werden jeweils von den Klassenlehrpersonen aufgenommen und reflektiert.
Die Interventionen der jugendlichen Streitschlichterinnen und -schlichter zeigen oft mehr Wirkung und sind nachhaltiger als diejenigen der Erwachsenen. Am meisten profitieren jedoch die ausgebildeten Schülerinnen und Schüler selbst. Die erlernten und geübten Lösungsstrategien tragen viel dazu bei, dass sie mit eigenen Konflikten besser umgehen können, was sich spürbar auf das Klassenklima auswirkt.
So viel aus der Erwachsenenperspektive. Die Aussagen der Jugendlichen finden Sie in der Download-Version des Artikels – gleich einen Absatz weiter unten.
Hans-Peter Wyssen
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