Bleib beim Thema!
Gesprächsregeln schon in der 1. Klasse
Kinder der 1. Klasse lernen Gesprächsregeln anzuwenden, bei jeder Gelegenheit. Sie lernen auch, einander Rückmeldungen zu geben. Ein Besuch bei Barbara Künzli im Schulhaus Gyrisberg in Jegenstorf.
«Die Wörter fliegen aus meinem Kopf in dein Ohr», beginnt Barbara Künzli das Zuhörspiel. Aufmerksam sitzen die Kinder im Kreis, keines möchte das Wort verpassen, das nun von Ohr zu Ohr fliegt. «Krokodil», sagt Livia laut in die Runde, und schon ist das nächste Wort unterwegs. Um die Konzentration der Schülerinnen und Schüler aufrechtzuerhalten, schickt die Lehrerin nun gleich zwei Wörter auf die Reise. Simon entdeckt, dass alle geflüsterten Wörter auf Kärtchen in der Mitte des Sitzkreises am Boden liegen. Jetzt werden die Wörter sortiert: Es gibt lange Wörter und kurze, Wörter mit demselben Anfangsbuchstaben, zusammengesetzte Wörter wie «Bratwurst» und «Hirsebrei».
Nun dürfen alle Schülerinnen und Schüler ein Wortkärtchen vom Boden aufheben. Die Lehrerin liest das Gedicht «Ich wünsche dir» vor, und jedes Mal, wenn ein Kind «sein» Wort hört, legt es das Wort in den Kreis. Eine spannende Zuhörübung, die die Kinder ohne Mühe bewältigen.
Die kleine Wolke «Hör gut zu»
Die Lehrerin will wissen, wo überall nun das Gedicht zu sehen sei. «Es reimt sich», meint Luana. «Achtung, Luana, denk an die kleine Wolke ‹Hör gut zu›.» «Oder an die kleine Wolke ‹Bleib beim Thema›», ergänzt Anna-Lea.
Therese GrossmannRituale sind für Barbara Künzli ein wichtiger Bestandteil ihrer Unterrichtsgestaltung. Rituale unterstützen die Kinder zum Beispiel darin, sich mit neuer Aufmerksamkeit auf die nächste Aufgabe einzulassen. Und neue Aufgaben bedeuten auf dieser Stufe sehr oft genaues Zuhören.
Barbara Künzli wiederholt die Frage und Luana kann die vier Orte zeigen, wo sie das Gedicht sehen kann: am Boden, im Buch der Lehrerin, an der Tafel mit dem Wochenplan und auf der Beige neben der Lehrerin. Dann erhält jedes Kind das Gedicht «Ich wünsche dir»; das Lesen fällt nun nicht mehr schwer. Viele Wörter sind ja vorher schon weitergeflüstert worden. Am Boden liegen acht Wolken, auf der Rückseite sind Gesprächsregeln erkennbar. Den Kindern macht es Spass, spiegelverkehrt zu lesen und so die Regeln nach und nach aufzudecken. Barbara Künzli arbeitet mit den Gesprächsregeln aus den Lehrmitteln «Konfetti» und «Sprachfenster». Für die Übungsspiele zu den Gesprächsregeln braucht sie die Vorschläge aus den Klassenmaterialien zu «Konfetti» (siehe Download-Bereich). Es ist ihr wichtig, dass der Aufbau der Regeln und die Spracharbeit einander ergänzen.
Frage, bis du verstanden hast
Ein Uno-Spiel: Als Gesprächsanlass – und damit als Training der Gesprächsregeln.Nach der Pause liegen die Wolken mit den Gesprächsregeln am Boden bereit, auch als kleine Wolken in mehrfacher Ausführung. «Hast du das Wölklein gefunden, das zu dir passt, wenn du Uno spielen willst?», fragt Barbara Künzli. Yannick bejaht, er hat sich «Frage nach, bis du alles verstanden hast» ausgewählt. Er wird mit vier andern Kindern Uno spielen. Sascha ist auch in dieser Gruppe, er hat die Aufgabe, als «Lehrer» von Yannick darauf zu achten, ob dieser von der Regel Gebrauch macht.
Spielen und gleichzeitig beobachten ist eine anspruchsvolle Aufgabe, aber es klappt gut. Überall wird eifrig gespielt. Auch in der Gruppe draussen im Gang; dort ist Levin der «Lehrer» von Bilal. Mitten im Spiel hält Levin die Wolke «Rede laut und deutlich» hoch. Deutlich wiederholt Bilal sein Anliegen, das Spiel kann weitergehen. Einige Zeit später ertönt aus dem Klassenzimmer ein Lied. «Das Hexenlied!», ruft Fatlinda und fängt an mitzusingen. Offenbar ist es ein Aufbruchssignal, denn summend und singend packen die Kinder die Karten zusammen und kehren ins Klassenzimmer zurück. Rituale sind für Barbara Künzli ein wichtiger Bestandteil ihrer Unterrichtsgestaltung. Rituale unterstützen die Kinder zum Beispiel darin, sich mit neuer Aufmerksamkeit auf die nächste Aufgabe einzulassen. Und neue Aufgaben bedeuten auf dieser Stufe sehr oft genaues Zuhören.
Nun geht es ums Rückmelden und Besprechen der Beobachtungen aus dem Uno-Spiel. Dazu setzt sich jedes Kind mit seiner «Lehrerin», seinem «Lehrer» zusammen.
«Du hast etwa fünfmal nachgefragt», sagt der «Lehrer» Sascha zu Yannick, «dafür war es dir dann klar.»
Und weiter geht’s zum nächsten Lernziel
Feedback: Die Schülerinnen und Schüler geben sich gegenseitig Rückmeldung über ihr Gesprächsverhalten und beschliessen eigenständig neue Lernziele.Und die «Lehrerin» Milena meint zu Valérie: «Du hast es gut gemacht! Du hast das Wölklein ‹Rede laut und deutlich› nicht mehr nötig. Du kannst nun eine neue Regel nehmen.» Da werden nicht nur Beobachtungen weitergegeben, da wird auch schon das nächste Lernziel angepeilt. Von Kindern, die seit einem halben Jahr zur Schule gehen! Beeindruckt verabschieden wir uns. Unterricht kann vieles bewirken: Die Schülerinnen und Schüler dieser 1. Klasse kennen wichtige Gesprächsregeln, sie können feststellen und mitteilen, ob andere sie anwenden. Das wünschten wir hie und da auch Erwachsenen, zum Beispiel im Umgang mit: Bleib beim Thema!
Therese Grossmann
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