Kinder müssen spüren, dass sie gehört werden!
Kinder müssen spüren, dass sie gehört werden!
Die Förderung und der Aufbau von kommunikativen Fähigkeiten beginnt bereits bei vier- bis acht-jährigen Kindern. Ein Gespräch mit Christine Binggeli, Lehrerin an der Basisstufe des Campus Muristalden in Bern, zeigt überraschende Einsichten.
Was muss man sich unter elementaren Kommunikationsfähigkeiten vorstellen?
In der Basisstufe fördern wir mit vielfältigen Spiel- und Lernformen die elementaren Kommunikationsfähigkeiten. Die Kinder lernen zuhören, Fragen stellen, die eigenen Gefühle wahrnehmen, sich in ein Gegenüber einfühlen und Antworten geben. Auch nachgeben oder sich durchsetzen gehören dazu. Einander etwas erzählen, etwas vorstellen oder vortragen und dabei bei einer Sache bleiben sind weitere kommunikative Fähigkeiten, die im Spiel geübt werden. Sollen Spiele gelingen, müssen vorgängig klare Vereinbarungen getroffen werden. Der Aufbau dieser Fähigkeiten ist anspruchsvoll und braucht Zeit. So gelingt es einigen Kindern nicht unbedingt auf Anhieb, die eigenen Gefühle so wahrzunehmen, dass sie diese mit dem entsprechenden Wortschatz mitteilen können.
Der Aufbau dieser Fähigkeiten braucht sicher auch Regeln. Wie werden diese gelernt?
Dank der altersgemischten Gruppe von 20 Kindern erlernen die jüngsten Kinder die Regeln innerhalb der Gruppe schnell. Sie wollen möglichst rasch zur Gruppe gehören und orientieren sich stark an Abmachungen in der Gruppe. Im Modell Basisstufe kennt die Mehrheit der Gruppe die Regeln bereits und garantiert damit die Übertragung auf die Jüngsten in der Gruppe; gerade für Kommunikationsregeln eine sehr hilfreiche Organisationsform!
Du hast das «Vortragen» als eine Fähigkeit erwähnt. Es überrascht zu hören, dass bereits vier- bis acht-jährige Kinder dazu angeleitet werden. Den Aufbau dieser Kompetenz würde man eher auf einer späteren Schulstufe vermuten.
Die Fähigkeit, andern etwas vorzustellen, z.B. ein Spielzeug, ein Werkzeug, einen Gegenstand aus einem Schwerpunktthema, eine Zeichnung oder ein Buch, ist im Zusammenhang mit dem Aufbau von kommunikativen Kompetenzen eine zentrale Tätigkeit. Auch das Vortragen eines Verses oder eines Liedes ist ein wichtiges Übungsfeld für die Kinder. Die Kinder, die im letzten Basisstufenjahr sind, haben gegenwärtig den Auftrag, einen Vortrag über ein Waldtier vorzubereiten, den sie nächste Woche den Eltern darbieten werden. Vortragen kann aber auch aus Vorlesen bestehen. Dabei exponiert sich ein Kind ganz ähnlich wie beim Vortragen. Wenn Kinder in der altersgemischten Gruppe bereits lesen können, macht es Sinn, ihnen Gelegenheiten zum Vorlesen zu geben. Zur Kultur der Basisstufe gehört, dass die Kinder eine Rückmeldung zum Gehörten geben. Beim Vorzeigen und Vortragen erfahren die Kinder, dass sie wahr- und ernst genommen werden. Dies scheinen mir wichtige Motive für eine gute Kommunikation zu sein. Kinder müssen zuerst spüren, dass ihr Tun, ihre Gedanken gehört werden, erst dann kann mit Hilfe der Lehrperson die Empathie weiterentwickelt werden. Mit dem Vortragen merken die Kinder, dass ihnen etwas zugetraut wird und dass sie in der Gemeinschaft etwas bewirken können und gebraucht werden.
Können Basisstufen-Kinder bereits differenzierte Rückmeldungen geben?
Die Rückmeldung «Das hast du gut gemacht!» genügt auch in der Basisstufe nicht. Grundsätzlich werden zwei Ebenen von Rückmeldungen unterschieden. Einerseits kann sich die Rückmeldung auf den Inhalt beziehen und andererseits auf die Art der Präsentation. Rückmeldungen wie «Das war jetzt aber eine sehr kurze Geschichte» können für den Lernprozess eines Kindes hilfreich sein. Gerade wenn ein solches Feedback von der besten Freundin kommt, beginnen Kinder länger und differenzierter zu sprechen. Entwicklungen sind auch möglich, wenn die Lehrperson kritische Rückmeldungen gibt, da Kinder miteinander gerne zu «freundlich» sind. Hier braucht es die Unterstützung durch die Lehrperson, die neue Kriterien bewusst macht und die Palette von Rückmeldungen erweitert, damit die Kinder ein Repertoire an Rückmeldekriterien aufbauen können.
Welche Bedeutung hat die Fähigkeit «eine Vereinbarung treffen» für den Aufbau einer Kommunikationskultur auf der Basisstufe?
Im Basisstufen-Alltag müssen die Kinder häufig Vereinbarungen treffen. Wenn beispielsweise zwei Kinder einen Dachs und einen Fuchs spielen wollen, müssen sie vielleicht klären, ob ihr Spiel draussen stattfinden soll, ob es Tag oder Nacht ist, ob sie zusammen unterwegs sind. Fast jedes selbst gestaltete Spiel erfordert, dass die Kinder Abmachungen treffen. Oft bleibt ein Spiel nur lebendig, wenn laufend neue Abmachungen ausgehandelt werden. Gerade beim Rollenspiel kann die Zeit für Abmachungen länger sein als das eigentliche Spiel. Läuft der Prozess der Abmachungen und Vereinbarungen, kommunizieren die Kinder jeweils sehr intensiv miteinander. Im Rollenspiel geht es immer um Abläufe, die miteinander ausgehandelt werden müssen, und das hat mit Kooperation zu tun.
An einer Magnetwand im Klassenzimmer hängen unterhalb von Smileys kleine Zettel. Welche Bedeutung hat diese Wand? Wird damit auch kommuniziert?
Es handelt sich dabei um das Feedback zum Klassenrat. Dieser findet jeweils am Montagmorgen statt. Die Kinder können Sachen, die sie sehr gut gefunden haben oder die sie geärgert haben, auf Zettel zeichnen oder schreiben und zum entsprechenden Smiley hängen. Der Ablauf einer Klassenratsitzung ist immer gleich. Eines der Kinder moderiert die Versammlung und übernimmt die Verantwortung für den Verlauf. Alle Zettel werden vorgelesen, und wer etwas dazu sagen will, meldet sich durch Handzeichen – auch die Lehrperson. Die ganze Gruppe beteiligt sich bei Problemen an der Lösungsfindung. Gilt eine Sache als erledigt, wird der Zettel demonstrativ zerknüllt und im mitten im Kreis stehenden Papierkorb entsorgt.
Gibt es weitere Rituale, die die Kommunikationsfähigkeit besonders fördern?
Wenn die Kinder am Morgen das Zimmer betreten, werden sie alle einzeln per Händedruck von der Lehrerin oder dem Lehrer begrüsst. Dabei schaut man sich gegenseitig in die Augen. Eigentlich ein uraltes Ritual, das sich sehr bewährt. Genügt doch oft ein kurzer Blick in die Kinderaugen, um die Verfassung des Kindes zu erkennen. Jede Kultur, so auch die Kommunikationskultur, ist in einer Gruppe nicht einfach vorhanden, sie muss jeden Tag neu gelebt, geübt und gepflegt werden.
Daniel Friederich
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