Keine Angst vor abstrakten Regeln!
Der Spezialist für den frühen Spracherwerb, Dr. Zvi Penner, widerspricht der These, dass so genannte unregelmässige Wortschreibungen nur durch das Auswendiglernen dieser Worte eingeprägt werden können.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass die deutsche Rechtschreibung bedeutend mehr Regeln folgt, als bisher angenommen wurde. Der Autor und Privatdozent Zvi Penner hat dazu ein Sachbuch an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis verfasst, das das verblüffende Konzept der «Wortfabriken» reich illustriert erläutert.
Nicht nur für Eltern und Lehrpersonen, sondern auch für Sprachforschende sind Fragen nach dem Erlernen der Schriftsprache und insbesondere der Orthographie von grossem Interesse. Der Erwerb der Schriftsprache von den Buchstaben bis zur Orthographie ist ein faszinierender Lernprozess. Wie lernen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise, dass man «Mehl» mit einem fremden (h) schreibt und gleichzeitig, dass dieser Buchstabe in derselben langen Silbe in «Kamel» nicht verwendet werden darf? Ab wann realisieren die Schülerinnen und Schüler, dass man das «m» nach einem kurzen «a» in «Lamm», «Flamme» und «Hammer» verdoppeln muss, wobei diese Regel in «Kamel» wiederum nicht greift?
Die neuen Erkenntnisse der Spracherwerbsforschung – in erster Linie aus dem Sprachrhythmus und der Wortbildung – ermöglichen es, das Verständnis des Regelsystems hinter der Orthographie zu revolutionieren. Der deutschen Orthographie liegt ein Regelsystem zugrunde, das erlernt werden kann. Die Rechtschreibung ist kein Sammelsurium von wortspezifischen Besonderheiten, die sich die Schülerinnen und Schüler nur mit Bauernregeln und viel Auswendiglernen aneignen können.
Am Ende der vierten Schulklasse haben verhältnismässig viele Schülerinnen und Schüler die Kompetenz richtig zu schreiben, noch nicht erworben. Dabei handelt es sich um Regelschülerinnen und -schüler und nicht um Kinder, die Sondermassnahmen wie Legasthenietherapie etc. erhalten. Eine systematische Unterstützung ist hier angebracht und notwendig.
Zvi Penner und sein Team teilen den Erwerb der Schriftsprache in vier Erwerbsphasen ein, ähnlich einer Fabrik: Satzfabrik, Satzgliederfabrik, Wortfabrik und Silbenfabrik.
Im vorliegenden Buch werden die Funktionen der Wort- und Silbenfabrik näher erläutert. So wie in der Musik ist auch im Wortrhythmus die Dauer eines Lauts ein wichtiger Faktor. Jedes Wort wird in drei Zeiteinheiten eingeteilt, in so genannte Moras. Verblüffend ist, dass die Kinder bereits im ersten Lebensjahr die Reimmuster mit dem dreimoraischen Prinzip entdecken. Wie dieses Prinzip für den Rechtschreibunterricht verfügbar gemacht werden kann, zeigt Sandra Lenz im Arbeitsbuch (Didaktische Umsetzung und Lehrerkommentare) auf, wo sie die praktische Umsetzung dieses Programms zur Vermittlung von Rechtschreibregeln vorstellt. Rechtschreibung ist regelgeleitet lernbar!
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