Wenn dürfen müssen heisst
Kommunikation verstehen lernen
Kommunikation verstehen lernen kann eine ernsthafte und witzige Sache zugleich sein. Wie Cartoons und Spielszenen Reflexionen über Kommunikation auslösen, zeigt der Besuch im Deutschunterricht einer 9. Klasse im Schulhaus Moos.
Vom Dürfen und vom Müssen
«Ich finde es komisch, dass da am Schluss nicht steht: ‹Du kannst mich mal!› Was soll das?», fragt Selina. «Die Kindergärtnerin hat dem Jakob immer ‹Du darfst› gesagt», antwortet Lara, «gemeint hat sie aber ‹Du musst›. Also benützt Jakob auch den Begriff ‹dürfen›.»
In der Klasse 9a wird intensiv diskutiert, es wird aber auch gelacht und geschmunzelt über den eigenartigen Sprachgebrauch von Jakobs Kindergärtnerin. Den meisten Schülerinnen und Schülern ist dieser Sprachgebrauch bekannt, gerade auch aus Erziehungssituationen. «Ich kenne diese nett verpackten Befehle, es braucht dann eine Art Übersetzung von meiner Seite», bemerkt Lisa, «ich selbst verwende keine ‹Dürfen› anstelle von ‹Müssen!›.»
Varianten von Sokrates
Seit einer Woche beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht mit Kommunikationsprozessen. Im Sachbuch von «Sprachwelt Deutsch» haben sie die Szene «Sokrates im Café» gelesen und genau untersucht, wo Kommunikationsprobleme zwischen Sokrates und dem Kellner auftraten. Nach der Diskussion in der Klasse haben sie die Szene nachgespielt und dabei Varianten im Kommunikationsverhalten von Sokrates und dem Kellner dargestellt
Für Jakobs «Du darfst mich mal!» im letzten Bild des Cartoons haben die Schülerinnen und Schüler Verständnis. Sie erwarten von der Kindergärtnerin, dass sie das, was sie meint, beim Namen nennt. «Klare Sprache» ist denn auch eine der erst genannten Voraussetzungen für gelungene Kommunikation. Im Klassengespräch entsteht eine Liste mit Voraussetzungen, die jeweils mit Beispielen veranschaulicht werden. Die Liste mit den Voraussetzungen für gelungene Kommunikationsprozesse ist Ausgangslage für die Erfindung von kurzen Szenen. Jede Szene soll eine der (erfüllten oder nicht erfüllten) Voraussetzungen darstellen.
Enkel: Schönes Wetter heute.
Opa: Kann sein.
Enkel: Willst du noch etwas Butter?
Opa: Was ist mit deiner Mutter?
Sohn: Er fragt, ob du Butter willst!
Opa: Das nehme ich immer.
Enkel: Hast du für heute irgendwelche Pläne?
Opa: Was, ich habe keine Migräne.
Sohn: Er will wissen, ob du für heute schon Pläne hast.
Opa: Ach, sag das doch von Anfang an, damit ich es verstehe!
In der Auswertung stellt die Klasse fest, dass Hörfähigkeit eine wichtige Voraussetzung für gute Gespräche ist. Sofort taucht die Frage auf, was der Enkel zu einer verbesserten Verständigung beitragen könnte. «Er sollte nicht nur lauter sprechen, sondern auch langsamer.» «Und deutlich den Mund bewegen.» «Oder dem Opa direkt ins Ohr sprechen.»
Ergiebige Gespräche
Jede noch so kurze Szene löst ergiebige Gespräche aus, insbesondere über Optimierungsmöglichkeiten. Wie soll der Kontrolleur in einem Zug reagieren, wenn eine Frau die Aufforderung nicht versteht, das Billett vorzuweisen? Sollen sich die Reisenden im Abteil einmischen?
Andern beim Kommunizieren zuschauen – sei es Jakob im Kindergarten oder Sokrates im Café oder dem Opa im Altersheim – hilft, Kommunikation zu verstehen. Und vielleicht auch, das eigene Kommunikationsverhalten zu verändern.
Therese Grossmann
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| Sokrates im Café (aus «Sprachwelt Deutsch») | 768.94 KB |



