Wer zuhören kann, gehört dazu
Die musikalische Grundschule leistet mehr, als der Name vermuten lässt: Hier findet das Basistraining zu einer Funktion statt, auf die jeglicher Unterricht angewiesen ist: das Zuhören.
Telefönerln: Worte und Rhythmen machen die Runde.Hörerziehung hat einen festen Platz im Musik-Lehrplan. Dabei geht es nicht nur um die Ausbildung einer musikalischen Grundfertigkeit, sondern auch um das «Zuhören-Lernen» im weitesten Sinn. Und welches Schulfach würde nicht davon profitieren?
Wer «kommunizieren» sagt, denkt wohl zuerst an die Person, die redet, schreibt, ins Mikrophon spricht – an den «Sender» eben. Dabei wissen wir alle: Die Botschaft wird beim Empfänger gemacht. Ohne fähige Hörerinnen und Hörer gibt es keine Kommunikation. Von daher sollte es eigentlich nicht erstaunen, dass viele Wörter, die mit dem Zusammenleben zu tun haben, den Verben «hören» und «horchen» verwandt sind.
«Zuhören, bitte!»
Wie oft am Tag hören die Schülerinnen und Schüler: «Zuhören, bitte!» – Aber hören sie zu? Wo lernt man das: zuhören? Nach Lehrplan zum Beispiel im Musikunterricht. Im Kanton Bern findet eine der beiden wöchentlichen Musiklektionen im 1. und 2. Schuljahr als musikalische Grundschule (MGS) in Gruppen statt. Beim Besuch einer MGS-Lektion stellt man bald fest, dass es hier tatsächlich um viel mehr geht als um Grundlagen zum Musikunterricht. Hier findet doch das Basistraining zu einer Funktion statt, auf die jeglicher Unterricht angewiesen ist, das Zuhören.
Werner JundtZuhören will gelernt sein. Sind sich die Lehrpersonen auf der Oberstufe bewusst, was in den ersten Schuljahren in diesem Bereich tagtäglich geleistet wird? Nicht nur, aber besonders auch in der musikalischen Grundschule.
Die Kinder der 2. Klasse von Beatrice Bieri sitzen als Halbklasse zum Stundenbeginn im Kreis am Boden und schlagen sich rhythmisch auf die Knie. «Tumba, tumba», singen sie dazu, «tumba, tumba – jetzt geht’s los.» Was losgeht, ist ein Potpourri von Aktivitäten, die alle irgendwie mit Zuhören zu tun haben. Am Anfang wird im Kreis «telefönerlet». Zuerst wird ein Wort im Kreis reihum weitergeflüstert, von Mund zu Ohr. Dann machen Rhythmen die Runde. «Was von beidem war schwieriger?», fragt Beatrice Bieri. Nicht für alle Kinder das Gleiche.
Als Nächstes ist die Geschichte von Josa dran: Josa mit der Zauberfiedel. Sulamith erzählt den andern, was es mit der Fiedel auf sich hat: Wenn Josa eine Melodie vorwärtsspielt, werden alle, die ihm zuhören, grösser. Wenn er sie rückwärtsspielt, schrumpfen alle, die ihm zuhören. Das soll in der Klasse nachgestellt werden. Und weil eine Melodie rückwärtsspielen zu schwierig wäre, wird einfach lauter und leiser gespielt. Anais darf auf dem Saitentamburin spielen. Vorher müssen aber noch die Augenbinden aufgesetzt werden, damit die Bewegungen nur vom persönlichen Höreindruck geleitet sind. Das Aufsetzen der Augenbinden geschieht in der quirligen Schar nicht reibungslos. Hier ist eine Kapuze im Weg; dort holt ein Mädchen ungeschickt aus und trifft die Nachbarin ins Gesicht; und auch zwei Knaben müssen noch schnell «etwas Privates» erledigen.
Schliesslich sitzen die Augenbinden. Anais spielt. Zuerst ganz sanfte Akkorde. Die Kinder beugen sich zum Boden. Wenn die Musik anhebt, richten sie sich auf, nicht simultan und nicht mit der gleichen Bewegung, jedes so, wie es die Musik hört. Als Anais die Saiten dröhnen lässt, stehen alle mit ausgestreckten Armen, so gross wie es geht. Und mit dem Abschwellen der Musik sinken auch die Körper wieder in sich zusammen. Als Zweiter spielt Nicolas. Nachher ist Aisha dran. Dann geht die Geschichte von Josa weiter. «Was wisst ihr noch vom letzten Mal?»
Josa hat mit seiner Musik eine Ameise vergrössert; damit sie aber nicht allzu gross wird, hat er ihr Moos ins Ohr gestopft. Auch eine Kuh hörte zu, wuchs und gab mehr Milch. Die Kinder berichten. Aber nicht alle sind bei der Sache. «Jetzt könnt ihr nicht miteinander spielen. – Wenn du etwas sagen willst, Alissea, musst du die Hand hochhalten», mahnt Beatrice Bieri. Sie sorgt für Aufmerksamkeit und achtet darauf, dass die Kinder einander zuhören. Dann erzählt sie die Geschichte weiter. Josa fragt den Taglöhner nach dem Weg zum Mond. Und zum Dank für die Auskunft vergrössert er dem Taglöhner die Gans.
Im Kern geht es um das Aufeinander-Hören
Nachher wird an einem Lied weitergearbeitet. Zuerst geht es um den Takt. Die Kinder bewegen sich im Raum: «Stah – Stah – Schritt – Schritt – Schritt – Schritt – Stah – Stah…» Sie gehen im gleichen Takt im Kreis. Dann noch einmal der gleiche Takt auf dem Bassxylophon. «Grosse Uhren gehen tic-tac», lautet der Text dazu. «Kleine Uhren gehen tic-tac-tic-tac», geht er weiter. Dafür kommen die kleinen Xylophone zum Einsatz. Gar nicht so einfach, dieses Zusammenspiel: richtig einsetzen, den Takt halten, miteinander aufhören. Im Kern geht es bei alledem um das Aufeinander-Hören.
Werner Jundt
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