Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Die Neugier der Lehrerinnen und Lehrer wecken

Marco Adamina und Hans Müller, die Autoren von «Lernwelten Na­tur – Mensch – Mitwelt», äussern sich in einem Gespräch zu Fragen des Lernens und zur Überarbeitung des Grundlagenbandes zur Lehrmittelreihe NMM.

Ihr beschäftigt euch schon lange mit Aspekten des Lernens, so auch mit der Frage, was Lernprozesse in Gang setzt. Was löst denn eigentlich Lernen aus?

Marco Adamina: Eine ähnliche Frage haben wir auch Kindern gestellt: «Wann habt ihr den Eindruck, dass ihr lernt?» Die Antworten zeigen, was man eigentlich längst weiss: Wenn Interesse da ist, wenn die Situation packt, wenn man mehr über etwas wissen will. Neugier ist einer der wichtigsten Lernauslöser. Aber was auf der «Lernseite» klar ist, führt auf der «Lehrseite» zu einer kniffligen Frage: Wie kann situativ ausgelöste Neugier übergeführt werden in persönliches Interesse? Da wird die Bedeutung der Lehrperson rasch sichtbar, auch ihr Rollenverständnis. Solche Überlegungen führten dazu, dass wir bei der Überarbeitung des Grundlagenbandes «Lernwelten» den Fokus mehr auf das Lehren als das Lernen richten. Im Zentrum steht die Lehrperson, mit ihrer Vorstellung von Unterricht und mit ihrem Fachverständnis. Davon hängt ab, ob das anvisierte Lernverständnis auch umgesetzt wird. Wir müssen das Lehren ansprechen, um das Lernen zu verbessern.

Wenn Neugier ein so wichtiger Lernauslöser ist, müsstet ihr mit dem neuen Grundlagenband die Neugier der Lehrpersonen wecken können. Mit welchen Mitteln macht ihr das?

Hans Müller: Wir arbeiten neu mit so genannten «Unterrichtseinblicken». Das sind Berichte über durchgeführte Unterrichtseinheiten, dokumentiert von den betreffenden Lehrkräften. Es sind keine Musterlektionen, sondern Porträts von Lehrpersonen und ihrem Umfeld. Sie geben Einblick, wie eine Lehrperson mit ihrer Klasse arbeitet. Ein anderer Ansatz, der neugierig machen und zur Weiterentwicklung des Lehrverständnisses beitragen könnte, sind die «Experimente mit dem eigenen Lehren und Lernen». Es sind dies Aufgabenstellungen, die zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Lehrverständnis anleiten. Sich zum Beispiel unter dem Stichwort «mein NMM-Profil» mit der Frage beschäftigen: «Mit welchem NMM- bzw. M&U-Unterricht bin ich gross geworden?» Und dann die Auswirkung der eigenen Fach-Biografie auf den eigenen Unterricht reflektieren.

Marco Adamina: Beim «thematisch strukturierten Zugang» erhält die Lehrperson mehr Überlegungen zur Pla­nung, zum Aufgabenarrangement und zum Beurteilen. Das sind für die Unterrichtsgestaltung wesentliche Aspek­te und dürften auch deshalb die Neugier der Lehrpersonen wecken.

Ihr habt Interesse, Betroffenheit und Neugier als Lernauslöser genannt. Lösen auch Widersprüche Lernen aus oder sollte immer möglichst am Bekannten angeknüpft werden?

Marco Adamina: Es sind beides gangbare Wege. Da ist einerseits die Strategie, von Vertrautem auszugehen, auf Wiedererkennung zu setzen, um Inhalte zu verorten und von da aus weiterentwickeln zu können. Andererseits gibt es die Strategie, einen Lernprozess über einen kognitiven Konflikt auszulösen. Dabei muss die Passung stimmen, die Irritation darf nicht zu gross sein, damit man überhaupt an die Sache herankommt. Eine dritte Strategie wäre, ausgehend von vorhandenen Erfahrungen bewusst Neues und Unvertrautes anzugehen.

Der Grundlagenband «Lernwelten» wird nach nicht allzu langer Zeit bereits überarbeitet. Hat sich denn bezüglich «Lernen auslösen» aus theoretischer Sicht seit der ersten Ausgabe etwas grundsätzlich geändert?

Hans Müller: Grundsätzlich nicht; aber in den letzten zehn Jahren konnten wir die zentralen Fragen bezüglich Lernen noch differenzierter klären und unsere Erkenntnisse bündeln. Entscheidend bleibt das Wissen darum, dass wir den Lernenden nichts in die Köpfe transportieren können. Jeder Mensch lernt selbst. Was wir können, ist, gute Bedingungen dafür schaffen, dass Lernen ausgelöst wird.

Wirken HarmoS und der kommende Deutschschweizer Lehrplan schon auf die Überarbeitung ein?

Marco Adamina: Ein Jahr nach dem Erscheinen des Grundlagenbandes wurden die Ergebnisse von PISA veröffentlicht. Die grosse Debatte, die PISA im deutschsprachigen Raum ausgelöst hat, lässt sich um die Frage zentrieren: «Über welche Kompetenzen sollen Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt verfügen?» Das passt sehr gut zur «Feldstecheroptik» in den NMM-Grundlagen, zu dieser Doppelperspektive von inhaltlicher Orientierung einerseits und Fähigkeiten / Fertigkeiten andererseits. Der Kompetenzbegriff hat zu einer differenzierteren Diskussion geführt. Wenn wir sagen sollen, was Kompetenz ausmacht, müssen wir über Wissen und Verstehen reden, aber auch über Fähigkeiten, Einstellungen und über «weichere» Faktoren wie Motivation und Interesse. Darum erhält der Kompetenzbegriff, der ja bei HarmoS zentral ist, auch im neuen Grundlagenband einen Akzent. In diesem Zusammenhang stellen wir auch die Frage nach Unterrichtssituationen, die es erlauben, bestimmte Kompetenzen zu fördern. Hier muss ebenfalls die Rolle der Lehrkraft beleuchtet werden: Wie lernt man entsprechende Situationen arrangieren und umsetzen?

Hans Müller: Damit verbunden ist natürlich die Frage der Aufgabenkultur. Gute Aufgaben müssen in eine Situation hineinführen, Problemstellungen bieten, für die Schülerin­nen und Schüler zugänglich sein, verschiedene Lernwege ermöglichen, gezielt auf bestimmte Fähigkeiten / Fertigkeiten ausgerichtet sein. Wir müssen fest­stellen, dass die aktuelle Aufgabenkultur in vielen Schul­stuben vorwiegend auf Wissensreproduktion hin ausgelegt ist, was zum Beispiel der Aufgabenkultur von PISA, aber auch dem künftigen Lehrplan widerspricht. Darum hat auch in der Überarbeitung von «Lernwelten» die Frage der kontextbezogenen, aufbauenden und anwendungsorientierten Aufgabenstellungen an Gewicht gewonnen.

Marco Adamina: In diesem Zusammenhang gibt es eine wichtige Aussage von PISA 2006 zu den Naturwissenschaften. Was Schülerinnen und Schüler mit guten Ergebnissen auszeichnet, sind insbesondere zwei Dinge: zum einen ein Lernen, das von Themen ausgeht, die sie betreffen. Zum anderen das Moment der Selbstwirksamkeit, das Gefühl, etwas zu lernen, zu dem sie auch fähig sind. Lehrpersonen, die hier einwirken können, fördern Lernen nachhaltig.

Hans Müller: Gerade diese Aspekte haben die Lehrkräfte, die bei den «Einblicken» mitgemacht haben, auf vielfältige Art umgesetzt. Den meisten ist es zum Beispiel selbstverständlich geworden, mit den Lernenden zu klären, «was konnte ich vorher und was kann ich jetzt mehr». Und zwar nicht einfach im Sinne eines Wissenstests, sondern als Feststellung eines Kompetenzzuwachses – und damit einer Steigerung der Selbstwirksamkeit. Das ist im herkömmlichen, traditionellen NMM-Unterricht noch wenig verbreitet.

Mit dem neuen Grundlagenband rückt ihr die Lehrpersonen stärker ins Zentrum. Nach Gerhard Roth sind Motiviertheit und Glaubwürdigkeit der Lehrperson für das Lernen eminent wichtig. Was kann der neue Grundlagenband hier bewirken?

Marco Adamina: Die Wirksamkeit der Lehrperson hängt stark ab von deren inhaltlicher und didaktischer Verankerung im Fach; es gibt eine Reihe von Studien, die das belegen. Lehrkräfte, die nach einem moderat konstruktivistischem Unterrichtsverständnis operieren, über ein flexibles Fachwissen verfügen, das ihnen erlaubt, auf die Beiträge der Schülerinnen und Schüler substanziell einzugehen und diagnostisch wirksam zu werden, erzielen bessere Lernergebnisse. Das ist ein ermutigender Befund und bestärkt uns in der Idee, bei der Überarbeitung von «Lernwelten» die Lehrerinnen-/Lehrer-Rolle zu akzentuieren. Aber man muss akzeptieren, dass der Schulalltag träge ist. Zwar weist die Lernforschung klare Ergebnisse auf, und HarmoS zeichnet die Ausrichtung des neuen Deutschschweizer Lehrplans vor, der Weg wäre somit klar. Aber wenn Lehrmittel zu hohe Ansprüche stellen, wenn der Innovationsschritt zu gross ist, kann das viele Lehrkräfte davon abhalten, damit zu arbeiten. Auch hier spielt eben die Selbstwirksamkeit eine zentrale Rolle. Fragen wie «Kann ich das?», «Traue ich mir das zu?», «Erachte ich das für mich als fruchtbar?» stehen für Hürden. Erst Lehrerinnen und Lehrer, die diese Fragen positiv beantworten, entwickeln ihren Unterricht weiter. Sich etwas zu­zu­trauen und zuzumuten sind zentrale Aspekte beim Lernen-Auslösen. Dort möchte der Grundlagenband unterstützend wirken.

Hans Müller: Dies bestätigt auch die Erfahrung bei der Entwicklung der «Unterrichtseinblicke». Bei den Lehrkräften, die in diesem Projekt mitgemacht haben, ist einiges in Bewegung geraten. Es hat sich – einmal mehr – gezeigt, dass die Beteiligung an Entwicklungsprojekten eine wirksame Form der Weiterbildung ist und Lehrpersonen hilft, als Fachleute für Lehren und Lernen weiterzukommen. Wir hoffen, dass es uns gelingt, mit den «Unterrichtseinblicken» Lehrpersonen neugierig zu machen. Unsere Schule braucht neugierige Lehrerinnen und Lehrer.

Interview und Bericht: Therese Grossmann, Werner Jundt

AnhangGröße
Artikel als PDF downloaden637.81 KB
Themengebiete / Rubrik:
schulverlag blmv AG