Frère Jacques ist überall
Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse navigieren auf französischen Internetseiten. Sie holen sich das Französische in die Schule – und viele andere Sprachen. Ein Besuch bei Isabelle Lusser im Berner Brunnmattschulhaus.
Sprachen finden statt
Schülerinnen und Schüler einer 6. Klasse navigieren auf französischen Internetseiten. Sie holen sich das Französische in die Schule – und viele andere Sprachen. Ein Besuch bei Isabelle Lusser im Berner Brunnmattschulhaus.
Die Schülerinnen und Schüler kennen das Lied «Frère Jacques» von früher. Sie haben es auf Deutsch und Französisch singen gelernt. Deutsch ist für die meisten Kinder der Klasse eine Fremdsprache; Muttersprachen sind zum Beispiel Portugiesisch, Chinesisch, Albanisch, Suaheli. Eine faszinierende Sprachenvielfalt, die gerade im Bereich «Eveil aux langues» Chancen bietet. Im Französischunterricht soll das Lied zuerst auf Französisch, dann in möglichst verschiedenen Sprachen in die Schule geholt werden.
Die Schülerinnen und Schüler erhalten den Auftrag, selbstständig auf der Internetseite www.lirecreer.org zu navigieren, um die Melodie und den Text von «Frère Jacques» zu suchen. Dass sie dazu die französischen Anweisungen verstehen müssen, gehört wie selbstverständlich zu diesem Auftrag. Wenn die Kinder Hilfe von ihrer Lehrerin Isabelle Lusser benötigen, ist es wegen der üblichen Tücken des Computers: eine blockierte Startseite, Probleme mit dem Kopfhörer usw. Inhaltlich können die Schülerinnen und Schüler völlig selbstständig arbeiten, sprachliche Schwierigkeiten gibt es keine. Offensichtlich ist die Motivation, surfen zu können, so gross, dass die Kinder das Französische im Augenblick nicht als fremde Sprache erleben.
Rahel hat erfolgreich gesucht, sie hört sich die Melodie an und singt das Lied leise mit. Immer wieder, bis sie den französischen Text auf ihr Blatt abgeschrieben hat. Der ganze Körper wippt mit.
Auf einer weiteren Internetseite zu «Frère Jacques» erscheinen Fotos von Menschen – vorwiegend Kindern – aus aller Welt. Wenn nun das Bild angeklickt wird, singt das Kind auf dem Foto «Frère Jacques» in seiner Sprache – und der entsprechende Liedtext erscheint.
«Es ist schön, dass ich mir wünschen kann, wer mir das Lied singt», kommentiert Sajana, «jetzt habe ich mir gerade Chinesisch angehört, da sind auch die Zeichen im Text lustig. Vorher habe ich mir das Lied in meiner Muttersprache, Tamilisch, vorsingen lassen, ich kannte «Frère Jacques» vorher nicht.»
Am Gruppentisch sitzen Samantha, Rahel und Jesslyn und versuchen, «Frère Jacques» auf Kreolisch zu singen. Die Mädchen hatten die Aufgabe, aus einer Sammlung von über 20 Liedtexten eine Sprache auszuwählen.
«Das macht so Spass!», lacht Jesslyn, «wir verstehen das Kreolische ja eigentlich nicht richtig und trotzdem können wir es singen.»
Zum Auftrag gehört auch, die ausgewählte Sprache mit einer andern zu vergleichen. Tevin ist aufgefallen, dass der «Bruder Jakob» im deutschen Text geduzt wird.
Am Ende der Doppellektion stimmt Isabelle Lusser «Frère Jacques» an. Jede Schülerin und jeder Schüler darf das Lied in einer selbst gewählten Sprache singen. So lässt sich «Frère Jacques» sogar Ende der 6. Klasse singen – ganz offensichtlich mit Vergnügen.
Die Schülerinnen und Schüler haben in dieser Französischlektion ohne Lehrmittel viel gelernt, davon sind sie auch selbst überzeugt.
«Ich kann nun die einzelnen Wörter von Frère Jacques verstehen und lesen.»
«Ich bin stolz, dass ich das Französisch auf einer Internetseite verstehe.»
«Ich weiss jetzt, dass Jakob nicht in allen Sprachen als ‹Bruder› angesprochen wird.»
Isabelle Lusser ist überzeugt vom Einbezug von authentischem Material im Sprachunterricht: «Die Arbeit mit authentischem Material fordert von den Kindern eine intensive Auseinandersetzung. Die Kinder erfahren dabei, dass sie in ihrem Können ernst genommen werden. Das setzt gute Lernprozesse in Gang. Und die Kinder erleben, dass Sprachen stattfinden, in der Schule und überall auf der Welt.»
Dieser Ansatz soll im kommenden Französischlehrmittel «Mille feuilles» genutzt werden. Als Mitglied des Autorinnenteams wird Isabelle Lusser ihre praktischen Erfahrungen einbringen können.
Therese Grossmann
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