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«Ich muss mir das neu denken»

Wenn Vorstellungen gestört werden

Die Beschäftigung mit grotesken Geschichten von Franz Hohler im Literaturunterricht provoziert Fragen nach dem Normalen. Dass Irritationen Lernprozesse auslösen, zeigt ein Besuch in einer 8. Klasse in Gümligen.

«Das ist witzig, weil es absurd ist und unlogisch», lacht Titsiana. «Ich mag das auch», fügt Christoph hinzu, «das Groteske stellt irgendwie den Alltag auf den Kopf.» Offensichtlich ist es für die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse ein Vergnügen, anhand der Karikatur von K. F. Wächter zu fragen, was denn eigentlich «grotesk» bedeute. Ihre Deutschlehrerin Béa­trice Zbinden fordert die Jugendlichen auf, möglichst viele Umschreibungen für «grotesk» zu brauchen.

Sie gestaltet den Literaturunterricht mit den Vorschlägen aus dem Lehrmittel «Lesewelten». Das Themenpaket 4 «Literatur und Fantasie» enthält ein Modul zu «Die Karawane am Boden des Milchkrugs», einer Sammlung grotesker Geschichten von Franz Hohler.

In der vorangehenden Lektion konnten die Schülerinnen und Schüler in der Textsammlung «Die Karawane am Boden des Milchkrugs» frei schmökern. Anschliessend wählten sie eine Geschichte zur vertieften Bearbeitung aus. Ein Leseauftrag half dabei, sich differenziert mit der Wirkung der Geschichte auseinanderzusetzen:

  • An welchen Stellen löst die Geschichte etwas in dir aus?
  • Was löst sie aus?
  • Wie wirkt sie?
  • Warum ist sie keine «normale» Geschichte?
  • Wie wäre sie, wenn sie normal wäre?
  • Welche Adjektive würdest du der Geschichte zuordnen?
  • Kannst du der Geschichte einen neuen Titel geben?

Nun geht es darum, einander das Groteske in den Geschichten zu zeigen und die eigene Reaktion darauf zu beschreiben. Dank dem Gespräch über die Karikatur fällt es leichter, Wörter zu finden, um über die Wirkungen des Grotesken zu sprechen.

Anna hat «Die Göttin» gelesen. «Dass Gott einer Göttin begegnet, die gerade an der Schöpfung arbeitet, hat mich zum Lachen gebracht. Es ist ja unlogisch, weil ja er der Schöpfer ist, aber das stört mich nicht. Seltsam ist auch, dass Gott durch das Nichts streift. Dieses ‹Nichts› ist irritierend, weil es doch wie ‹etwas› ist. Es ist irgendwie absurd, es geht mit meinen Vorstellungen nicht auf. Also muss ich mir das neu erfinden. Das macht Spass. Wenn Neues dazukommt.»

Im Gespräch über das Groteske in den Geschichten fragen sich die Schülerinnen und Schüler, wie sie mit Irritationen umgehen.

Melanie: «Ich lasse mich meistens gerne irritieren. Es bringt mich zum Studieren, warum das so ist. Es bringt mich oft auch zum Lachen, das ist irgendwie befreiend.»

Alexandra: «Ich mag Irritationen. Das bedeutet immer auch, dass ich ein Problem lösen muss.»

Den Schülerinnen und Schülern wird klar, dass Irritationen mit Abweichungen vom Normalen zu tun haben. Doch was heisst «normal»?

Henrik: «Normal ist für mich das, was ich bis jetzt weiss. Nicht normale Sachen sind gut! Man lernt vieles von neu auf.»

Loic: «Normal ist für mich ein gewohnter Tagesablauf mit Aufstehen, Duschen usw. Nicht normal wäre, wenn etwas Neues dazukäme, das ich noch nie gemacht habe. Sobald ich es integriere, ist es wieder normal. Um lebendig zu bleiben, brauche ich die Irritation durch das Neue.»

Literaturunterricht hilft, sich mit den eigenen Vorstellungen zu beschäftigen. Insbesondere, wenn er Irritationen auslöst und Gelegenheit bietet, diese zu reflektieren. In Irritationen steckt das Potenzial, etwas neu zu denken.

Therese Grossmann

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