Lernen, das häufigste Hobby

Lernen, das häufigste Hobby

Junge Menschen sind voller Lernenergie. Und sie lernen viel. Dort, wo Lernen Freude macht. Stellvertretend für viele «aufgestellte» Jugendliche hat Werner Jundt vier Schülerinnen und Schüler der Realschule Sigriswil befragt: Corina, Basil, Christine und Kevin.

Basil

«Den eigenen Lernerfolg sieht man daran, wie der Hund Fortschritte macht. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sich darauf verlassen kann, dass er einem in der Öffentlichkeit gehorcht», sagt Basil. Jeden Donnerstagabend geht er mit seinem Hund Malec in die Hundeschule. Malec, ein eineinhalbjähriger Mischling, ist seit seinem vierten Lebensmonat bei Basil. Vorher lebte er in schlechter Umgebung und wurde auch geschlagen. Malec ist darum kein einfacher Hund. «Das Wichtigste bei der Hundeerziehung», das erwähnt Basil mehrmals, «ist Konsequenz. Ein Hund merkt, wenn man ihn nicht klar führt.» Bei Basil lernt Malec, auf bestimmte Wörter und Gesten zu reagieren. Und Basil lernt, wie er vorgehen muss, damit sich beim Hund der gewünschte Lerneffekt einstellt. Dazu reicht natürlich ein wöchentliches Training nicht. Basil ist mehrmals am Tag mit Malec draussen, schon am Morgen vor der Schule eine halbe Stunde. Da wird nicht einfach spaziert. Ein Hund will gefordert sein. Später möchte Basil mit Malec auch Prüfungen ablegen.

Corina

Corina hat den zweiten blauen Gürtel im Karate. Um einen Gürtel zu erlangen, muss man ein bestimmtes Kata beherrschen, bei höheren Gürteln mehrere. Katas sind streng definierte Bewegungsabläufe, die immer genau gleich ausgeführt werden müssen, bis sie sitzen. Da genügen die zwei wöchentlichen Lektionen nicht. Ohne zusätzliche Übungen zuhause kommt niemand weit.

Die Katas werden ohne Partner eingeübt, auch wenn sie später einmal der Selbstverteidigung dienen sollen. Das Hauptziel ist Körperbeherrschung. «Angreifen darf man ausserhalb des Trainings niemanden», betont Corina. «Aber es ist gut zu wissen, dass ich mich, wenn nötig, wehren könnte.» Einmal ist Corina im Dojo Thun dem Japaner Abe Sensei begegnet. «Das ist einer der ganz Grossen.» Diese Begegnung wird ihr in Erinnerung bleiben.

Christine

Christine hat kürzlich das Nothelferinnen-Brevet gemacht. Sie ist stolz darauf zu wissen, wie bei einem Unfall vorgegangen werden muss. «Zum Beispiel darf man keine Beteiligten weglassen!» Das hat sie im Test falsch gemacht und es ist ihr geblieben. «Auch wenn einer sagt, es gehe ihm gut, könnte er unter Schock stehen und dann etwas Unüberlegtes tun.» Christine hat auch sonst vieles gelernt: Lagerungen, Griffe, Beatmung, ja sogar Herzmassage. «Damit das gut gelernt werden kann, gibt die Übungspuppe im Training einen Zettel aus, der anzeigt, ob man es richtig gemacht hat.» Toll an einem Nothelferkurs findet Christine, dass alles so realistisch ist. Da gibt es nicht nur Theorie, sondern es werden sehr wirklichkeitsnahe Situationen durchgespielt, zum Beispiel ein Kletterunfall oder ein Herzinfarkt.

Kevin

Kevin – gut möglich, dass man dereinst von ihm sprechen wird, als Schwingerkönig am Eidgenössischen 2013 in Thun. Jedenfalls ist das sein Ziel. Und dafür arbeitet er hart. Drei- bis viermal die Woche trainiert er in Thun. Das macht gut und gern zehn Stunden. Aber das Gesellige kommt auch nicht zu kurz. Eben hat er den «Brienzer» gelernt. Mit diesem Schwung hat er auch gegen stärkere Gegner Chancen. «Ganz wichtig ist auch das mentale Training. Man darf einfach nicht Angst haben», erklärt der Jungschwinger. «Wenn ich mir sage ‹den mag ich›, gelingt es mir manchmal, sogar einen besseren Schwinger zu schlagen. Auf dem Ballenberg ist’s in diesem Jahr allerdings nicht so gut gelaufen. Das hat schon bei der Zuteilung begonnen. Aber Verlieren gehört auch dazu.» «Schön wäre es», meint Kevin, «wenn die Schule noch grosszügiger wäre mit der Dispens für Schwinganlässe.»

Und in der Schule?

Die Lehrerinnen und Lehrer wissen natürlich um die Freizeitbeschäftigungen der vier Schülerinnen und Schüler. Und es gibt durchaus Gelegenheiten, wo das Hobby auch schulisch etwas abwirft. In der 9. Klasse machen die Realschülerinnen und -schüler in Sigriswil eine grosse Abschlussarbeit. Stolz zeigen sie die dicken Ordner: viele Seiten, sauber geschrieben und gedruckt, mit vielen Bildern und zum Teil Grafiken. Bei Kevin wird das Thema Schwingen umfassend – zum Beispiel auch historisch – dargestellt. Und Basils Ordner handelt von Malec und anderen Hunden. Auch eine Zeichnung über der Schulzimmertüre zeigt Basils Zögling. So kommt die grosse Energie, die in den Freizeitaktivitäten steckt, auch dem schulischen Lernen zugute.

Aber Lernen in der Schule und ausserhalb, das sind schon zwei Paar Schuhe, da sind sich die vier einig. Selbst hartes Training und strenge Übungen werden bei den Freizeitaktivitäten als lockerer empfunden, abwechslungsreicher, geselliger. Wie wird die kommende Berufslehre sein, eher wie Schule oder eher wie das ausserschulische Lernen? In vielem wie Schule, das scheint ihnen klar. Und darum ist das Lernen im Unterricht auch eine wichtige Vorbereitung. Wir hätten andere Jugendliche in einem anderen Dorf oder in einer Stadt besuchen können. Das Bild wäre das gleiche: Überall investieren junge Menschen einen grossen Teil ihrer Freizeit in Ausbildungen, lernen ein Instrument, trainieren eine Sportart, üben auf eine Auszeichnung hin. Junge Menschen wollen lernen. Wenn das Lernen Sinn macht. Wenn auch die soziale Situation stimmt. Und wenn ein Erfolg sichtbar wird.

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