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Talente am Start – wo bleiben die andern?

Mit dem Projekt «Talent Eye» sollen im Kanton Bern sechs- bis achtjährige Sporttalente möglichst breit gefächerte Bewegungserfahrungen sammeln und verschiedene Sportarten kennen lernen.

Zielsetzung

Oft entscheiden sich die Kinder schon früh für eine bestimmte Sportart. Dadurch werden ihre Bewegungserfahrungen zu früh eingeschränkt. Dies haben diverse Untersuchungen gezeigt. Mit Talent Eye möchte das Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär des Kantons Bern ausgewählte Kinder durch ein vielseitiges, sportartübergreifendes Bewegungstraining fördern.

Die grosse Schulanlage im Bieler Lindenquartier wirkt an diesem Samstagmorgen leer und verlassen. Wäre da nicht eine Handvoll Kinder in Trainingsanzügen, die sich vor einem Nebeneingang treffen und rege diskutieren, käme man sich einsam vor. Im Hintergrund stehen einige Eltern, beladen mit grossen Sporttaschen und teilweise auch in Sportbekleidung. Gleich nach der Türöffnung um 9 Uhr verschwinden die sechs- bis achtjährigen Kinder in der Garderobe, nur noch einzelne begleitet von ihren Eltern.

Trainingsstützpunkte

Im Kanton Bern wurden sechs Trainingsstützpunkte festgelegt: Biel, Interlaken, Ittigen, Rüegsau, Thun und Tramelan. Der erste Kurs richtet sich an 1. Klässlerinnen und 1. Klässler und hat im Februar 2008 begonnen. Er wird insgesamt vier Semester dauern. Die Trainings finden jeweils am Mittwochnachmittag und Samstagvormittag statt.

Sabine Gabi und Jonas Odermatt, zwei junge Sportlehrpersonen, begrüssen die jungen Talente beim Eintritt in die Grosssporthalle einzeln und sammeln gleich von jedem der 17 anwesenden Kinder ein Büchlein ein. Darin werden die erfüllten Leistungstests notiert.

Ohne Aufforderung beginnen die Kinder von einer Hallenhälfte in die andere zu rennen, während sich die Trennwand langsam von der Decke senkt. Das Gekreische wird immer lauter, je näher die Trennwand dem Boden kommt. Zuerst gebückt, dann kriechend versuchen die Kinder, noch unter der Wand durchzuschlüpfen. Mit entsprechender Kraftanstrengung gelingt es einigen, sich auch nach geschlossener Trennwand noch durchzuzwängen – völlig gefahrlos, wie mir Jonas Odermatt versichert.

Wer kann bei Talent Eye mitmachen?

Mädchen und Knaben der ersten Primarschulklasse konnten sich im Jahr 2007 für einen sportmotorischen Fähigkeitstest anmelden. Die speziell begabten Kinder wurden nach einem bestandenen Test ins Programm aufgenommen (20 Kinder pro Trainingsstützpunkt, gesamthaft 120 Kinder). Einmal in den Kurs aufgenommen, verpflichten sich die Kinder, während vier Semestern alle Mittwoch- und Samstagtrainings zu besuchen. Jeweils zehn Mädchen und zehn Knaben bilden eine Trainingsgruppe.

Nach Aufwärmübungen mit Kettenfangis und anderen Spielformen folgt der erste Übungsblock zum Thema «Werfen und Fangen». Über eine Distanz von 8 m werfen die Kinder zu zweit einen Ball zuerst 10 x hin und her, dann 9 x plus fangen mit der «besseren» Hand (einhändig), dann 8 x und nach jedem Wurf folgt eine 360-Grad-Drehung usw.

Die Distanz von 8 m ist für Erstklässler sehr gross. Nur den ganz geschickten Kindern gelingt die Übung. Viele Zweiergruppen müssen die Distanz verkürzen, um das Ziel einigermassen zu treffen. Tipps, auf welche Weise z.B. der Ball mit nur einer Hand aufgefangen werden kann, gibt es nicht. Durch wiederholtes Üben und Ausprobieren würden die jungen Sporttalente selber merken, wie sie es machen müssten, wird mir erklärt.

Trainingsschwerpunkt

Der Trainingsschwerpunkt liegt in der Schulung der koordinativen und sportmotorischen Fähigkeiten. Die Trainings sind nach den motorischen Grundbedürfnissen von Kindern im Primarschulalter aufgebaut.

Betreut werden die Kinder von speziell dafür ausgebildeten Turn- und Sportlehrpersonen mit Erfahrungen im Leistungssport.

Der Hauptteil dieses Samstagtrainings besteht im «Mattenrutschis». In vier Gruppen eingeteilt haben die Kinder die Aufgabe, eine verkehrt am Boden liegende Matte durch Daraufspringen ins Rutschen und in Vorwärtsbewegung zu bringen. Auf diese Weise soll jede Gruppe ihre Matte möglichst rasch ans andere Hallenende befördern. Die Kinder werden angehalten, zuerst nur im Langsitz auf die Matte und dabei nicht darüber hinaus zu springen.

Voller Elan sind die Kinder bei diesem Wettbewerb bei der Sache. Einige merken sehr schnell, dass sie in möglichst flachem Winkel auf die Matte hechten müssen, um diese pro Sprung weit nach vorne schieben zu können. Andere fliegen in einem zu steilen Anflugwinkel, so dass sich die Matte kaum bewegt. Es folgt keine Analyse durch die beiden Sportlehrpersonen. Auch hier sollen die Kinder selber merken, was effizienter ist.

Verschiedene Sportarten kennen lernen

Die Kinder lernen verschiedene Sportarten kennen. Einmal pro Monat besuchen sie ein Probe- oder Schnuppertraining von ausgewählten Sportvereinen, die ihre Sportart vorstellen. Auf diese Weise lernen sie im Verlaufe des Kurses verschiedene Mannschafts- und Einzelsportarten kennen (Handball, Leichtathletik, Schwingen, Schwimmen usw.).

Bei der individuellen Wahl einer geeigneten Sportart werden die Kinder und ihre Eltern fachkundig von Talent Eye beraten. Die im persönlichen Büchlein festgehaltenen Trainingsergebnisse geben dabei Hinweise auf Stärken der Kinder.

Alle Kinder machen mit sehr grossem Einsatz mit. Die Unterstützung der Eltern sei spürbar, versichern mir die beiden Sportlehrpersonen. Die Arbeit mit den motivierten Kindern sei sehr angenehm und bereichernd. Was früher auf der Strasse gespielt wurde, fände jetzt hier statt. Vielseitige, spielerische-sportliche Tätigkeiten ohne konkrete Spezialisierung auf eine Sportart hin. Damit würden die sportmotorischen und koordinativen Fähigkeiten besser geschult.

Rahmenbedingungen

Das Projekt Talent Eye wird primär durch den Kanton Bern finanziert. Die Erziehungsberechtigten beteiligen sich nur mit einem Unkostenbeitrag. Weitere Informationen gibt es unter http://www.be.ch/sport.

Dieses Programm kommt den speziell begabten 1. Kläss­lerinnen und 1. Klässlern zugute. Für eine allfällige sportliche Karriere sollen damit optimale Voraussetzungen geschaffen werden. Es ist zu begrüssen, dass begabte Jungtalente von staatlichen Förderprogrammen profitieren können. Es bleiben offene Fragen, wie z.B.: Welche staatlichen Angebote gibt es für bewegungsarme, übergewichtige, vernachlässigte Kinder, die auf keine elterliche Unterstützung zählen können? Wäre ein Programm «Talent all» nicht auch eine notwendige und vielleicht sogar nützlichere Weiterentwicklung dieses interessanten Ansatzes? Wünschenswert wären breitgefächerte, polysportive Bewegungsangebote für alle Kinder!

Daniel H. Friederich

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