«Wann haben wir Mathematik?»
In Mammern im Kanton Thurgau lernen vier- bis achtjährige Kinder gemeinsam in der Basisstufe. Im Fach Mathematik benutzen sie dazu häufig das Lehrmittel «Mathematik bauen und begreifen mit DUPLO®».
Dienstagmorgen in der idyllisch gelegenen Gemeinde Mammern am Bodensee. Die 24 Kinder des Schulversuchs Basisstufe tröpfeln ins «Schulhaus», ein umgebautes Wohnhaus. An der Haustüre begrüsst Ida Riegelnig die Sprösslinge. Im Dachgeschoss werden sie von Kathrin Wagen in Empfang genommen. Einige Kinder packen ihre Hausaufgaben aus, andere sitzen in einem grossen Kreis auf Stühlen, schauen Bücher an oder lesen darin. Es ist «Auffangzeit».
Etwas später setzen sich alle Kinder und auch die Lehrpersonen in den Kreis. Der Unterricht beginnt gemeinsam. Heute geht es um Aufgaben zur Symmetrie. Anhand eines Papierschmetterlings zeigt Kathrin Wagen, was Symmetrie ist und wo sich die Symmetrieachse befindet. Die Kinder schauen aufmerksam zu, dann zeichnen sie selbst einen Schmetterling und schneiden ihn aus. Einige lösen die Aufgabe selbstständig, andere brauchen die Hilfe der Lehrpersonen oder ihrer Klassenkameraden. Danach legen die Kinder farbige Knöpfe, Stäbe und Ringe auf die eine Hälfte des Schmetterlings, spiegeln mit Taschenspiegeln an der Spiegelachse und legen auf die andere Seite dasselbe Material. Für die meisten Kinder ist diese Aufgabe problemlos zu bewältigen, wenige sind auf die Hilfe der Lehrpersonen angewiesen. Es entstehen überall bunt verzierte Schmetterlinge.
Nun arbeitet die Klasse in drei verschiedenen Gruppen weiter. Die erste Gruppe beginnt mit den Duplosteinen aus dem Lehrmittel «Mathematik bauen und begreifen». Die Lehrperson schickt jedes Kind zu einem Platz, auf dem eine graue Duploplatte mit eingezeichneter Spiegelachse und eine Kiste mit verschiedenfarbigen Duplosteinen liegen. An einer Schnur hängen Karten mit unterschiedlichen Mustern. Die Muster müssen nachgebaut und gespiegelt werden. «Ihr dürft selber bestimmen, mit welchem Muster ihr beginnen wollt, je höher die Zahl auf der Karte desto schwieriger ist das Muster zu spiegeln», erklärt Kathrin Wagen.
Die Kinder holen Karten und probieren aus. Aktiv und konzentriert arbeiten sie an den Aufgaben. Sie suchen nach den passenden Steinen, probieren aus, spiegeln ihre Lösung, nehmen die Duplosteine wieder weg und setzen neue Steine. Es entstehen farbige Muster auf den grauen Platten. Ein Knabe sagt: «Es macht Spass, mit den Duplosteinen zu arbeiten, weil es coole Muster gibt.» Sein Tischnachbar meint: «Mit den Duplosteinen kann ich lässige Sachen bauen und es ist einfach. Ich rechne auch mit ihnen.» Alle Schülerinnen und Schüler der Gruppe kennen die Duplosteine von zu Hause. Sie bauen damit Türme, Burgen und Häuser.
Die zwei Lehrpersonen der Basisstufe setzen das Lehrmittel regelmässig im Unterricht ein. «Vor allem in der ersten Hälfte eines Schuljahres zur Erweiterung des Zahlenraums sowie bei der Addition und Subtraktion und in der räumlichen Geometrie», sagt Kathrin Wagen. «Die Schülerinnen und Schüler arbeiten gerne mit den Duplos, vor allem die Lernspiele sprechen sie sehr an. Durch das Zusammenstecken der farbigen Duplos wird die Anzahl besser sichtbar. Auch Türme bauen oder abbrechen, Höhen vergleichen sind ganz wichtige Erfahrungen für die Kinder.»
Ein Junge ist besonders fleissig und löst auch die schwierigeren Muster: «Für mich ist Spiegeln bubig.» Als Zusatzarbeit malt er ein Muster auf ein Papier. Ein anderes Kind soll es dann spiegeln und fertig malen. Das Mädchen neben ihm arbeitet langsamer. Es sagt: «Ich arbeite nicht so gerne mit den Duplos, da schmerzt mir die Hand vom Reindrücken.» Am anderen Tisch drückt ein Knabe die Steine fest auf die Platte, dann wühlt er wieder in der Kiste und sucht den passenden Stein. «Es ist cool, mit den Duplos Muster zu machen, da muss man so fest reindrücken», sagt er.
«Das Lehrmittel spricht die Kinder an, weil sie über die taktile und visuelle Wahrnehmung mathematische Erfahrungen und Entdeckungen machen können», darüber sind sich die Lehrerinnen einig. «Es ist auch ansprechend, da die Kinder spielend lernen und es viele Differenzierungsmöglichkeiten gibt», meint Kathrin Wagen. «Wir glauben, dass die Kinder durch handelndes Tun mit den Duplos die mathematischen Erfahrungen auf die abstrakte Ebene umsetzen können. Das Lehrmittel ist vor allem bei den vier- bis siebenjährigen Kindern einsetzbar. Für die Basisstufe 4 setzen wir es nur noch für die Aufgaben im geometrischen Bereich ein.» Nachteile an der Arbeit mit den Duplos sieht Kathrin Wagen darin, dass der Lärmpegel hoch sei und dass sehr viele Duplosteine angeschafft werden müssen.
«Frau Wagen, Frau Wagen», ruft ein Kind. Die Lehrerin soll kommen und das Muster kontrollieren. Alle Kinder der Gruppe zeigen die Muster, sobald sie fertig sind. Sie suchen die Bestätigung und das Lob der Lehrperson. Kathrin Wagen bestätigt und lobt die Arbeiten der einzelnen Kinder. Sie unterstützt und gibt Ratschläge, wenn ein Muster nicht stimmt. «Ich habe schon das schwierigste Muster, die Aufgabe 10, gemacht», erzählt ein Knabe stolz. Sein Nachbar schaut das Muster an: «Das kann ich auch» und holt sich ebenfalls die Nummer 10. Der Wettbewerb spornt diese Knaben zum Lernen an.
Kurz vor der grossen Pause trifft sich die Gruppe mit ihren Duploplatten im Kreis. «Wo gab es Schwierigkeiten?», fragt Kathrin Wagen. Ein Schüler meint: «Ich hatte etwas falsch gemacht, aber dann nahm ich den Spiegel und es ging besser.» Ein Mädchen sagt: «Ich habe alles umgedreht und bin von der Spiegelachse weggekommen.» Ein Knabe: «Ich habe mit der Aufgabe 7 begonnen und die war für den Anfang zu schwierig.» Ein Schüler bemerkt, dass auf dem Tagesplan Mathematik steht. «Wann haben wir Mathematik?», fragt er. «Das war jetzt Mathematik. Spiegeln hat mit Mathematik zu tun», antwortet Kathrin Wagen und schickt die Kinder in die Pause.
Das mathematische Spielen und Arbeiten mit den für die Kinder bekannten Duplosteinen und die Auswahl an unterschiedlich schwierigen Aufgaben löst bei den Schülerinnen und Schülern in Mammern Lernen aus.
Rahel Campagnola
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