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Formen der Kommunikation und ihre Kompetenzen

Das gemeinsame Humane ist ein viel weiteres Feld als das menschlich Trennende: Das können Schülerinnen und Schüler in der Schule erfahren. Vermögen Sie daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen und nach diesen zu handeln, haben sie die Schlüsselkompetenz des globalen Zeitalters erworben.

Hans SahnerHans SahnerKommunikation als blosse Vermittlung von Botschaften beruht auf einem einfachen Modell: Der Sender A übermittelt an den Empfänger B eine Botschaft C, sei es mündlich oder schriftlich oder unter Zuhilfenahme von technischen Geräten. Monologisch ist diese Vermittlung so lange, als in ihr der Empfänger nur als Ohr und Auge und der Sender allein als Sprecher vorgesehen ist. Es gibt viele Konkretionen dieses Modells, zum Beispiel die Information, die Unterrichtung, den Befehl, die Verkündigung, die Predigt, die Erzählung, den Vortrag und die Vorlesung. Nicht in jedem Fall schweigt der Empfänger, weil er schweigen muss. Es könnte auch aus Neugierde, Interesse, Anteilnahme, Andacht usw. geschehen. In einigen Konkretionen aber ist das Schweigen strukturell erzwungen und insofern Anzeichen der Unterdrückung. Die Ruhe und Stille ist dann nicht ein Nachweis der Kompetenz des Senders, sondern ein Nachweis der strukturellen Gewalt aus Inkompetenz.

Die Ruhe ist Sein bei der Sache

Alle, die einmal unterrichtet haben, wissen, dass der «Sender» – in diesem Fall der Lehrer oder die Lehrerin – auf jene Ruhe angewiesen ist, die die Konzentration einer Klasse erst ermöglicht. Aber alle wissen auch, dass sie nicht erzwungen werden sollte, sondern dass sie sich gleichsam ergeben müsste aus einem Interesse an der Sache. Die Kompetenz eines Lehrers zeigt sich darin, dass er dieses Interesse zu erwecken vermag, indem die Ruhe «dicht» wird. «Dicht» heisst dann «sachhaltig». Die Ruhe ist ein Sein «bei der Sache», das auch bei ihr bliebe, wenn die Vermittlung monologisch werden sollte. Aber dieses Letztere wäre nicht erwünscht. Im Sein bei der Sache liegt ein Antrieb, der über das monologische Modell hinaus will in das Gespräch.

Denn alles, was Sache ist, ist fraglicher, als die Ruhe der Sachlichkeit vorgibt. Die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler zeigt sich darin, dass sie die Fraglichkeit spontaner empfinden als ihre Vermittler. Und diese Fraglichkeit alles Seienden treibt sie zum Fragen und damit in das Gespräch. Deshalb ist das ihnen angemessene Modell des Lernens dialogisch. In ihm sind der Sender und die Empfänger zyklisch bald das eine, bald das andere. Das heisst für den Lehrer, dass er auch Lernender wird. Wird damit der Schüler auch Lehrender? Nur indirekt für den Lehrer. Für sich selbst bleibt er Schüler: einer, der zwar bei den Sachen bleibt, aber nicht weiss, wie sie sind, und sie deshalb schier endlos befragt. Es gehört somit zur Kompetenz des Lehrers, dass er wissentlich, wenn auch indirekt, der Schüler des Schülers zu sein vermag, aber nicht zur Kompetenz des Schülers, dass er wissentlich der Lehrer des Lehrers ist. Er hat nicht diese Art der Überlegenheit, sondern eine andere, die es ihm ermöglicht, Fragender und Unwissender in der Welt zu sein – oder, so könnte man auch sagen, elementarer zu spüren, dass er nicht mehr weiss, als der Lehrer dies darf. Denn er, der Lehrer, ist die unglückliche Existenz, die von Berufes wegen und deshalb auch in der Erwartung seiner Schüler immerzu wissen müsste. Er ist insofern immer auch überfordert. Wenn sich aber die Erwartung der Schüler in seinen eigenen Anspruch verwandelt, ist die Katastrophe unabwendbar. Nun ist er der Vermittler, der weiss, und zwar in jedem Fall. Er versteht sich fortan ausschliesslich als Sender und erwartet vom Schüler nur noch die Bestätigung seiner Botschaften. Daraus werden keine Gespräche, sondern bestenfalls Indoktrinations- und Abfrage-Rituale.

Wenn das Modell der Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler aber dialogisch bleibt, so ist die wichtigste Kompetenz beider die Fähigkeit zum Gespräch. Was bedeutet das? Wir können sowohl sagen: «Wir sprechen» als auch: «Wir sind ein Gespräch» (Hölderlin). Aber wir können nicht in gleicher Weise sagen: «Wir reden» und: «Wir sind eine Rede». Was also trennt das Sprechen vom Reden und was die Rede vom Gespräch?

Im «Sprechen» liegt immer schon ein Miteinander. Es wird durch eine Vielzahl von Vorsilben differenziert: «be-sprechen», «ver-sprechen», «vor-sprechen», «zu-sprechen», «nach-sprechen» usw. Das Substantiv «Ge-spräch» hebt das Miteinander durch die Vorsilbe «Ge-» noch einmal hervor. So wie das «Ge-büsch» die zur Einheit gewordene Vielheit der Büsche ist, so ist das «Ge-spräch» die zur Einheit gewordene Vielzahl der Akte des Miteinander-Sprechens.

Das Gespräch mit einem Dritten ist auch das Gespräch mit dem Zweiten – mit mir selbst

Wenn wir dagegen mit «Reden» ein Miteinander meinen, müssen wir das eigens hinzufügen, so etwa in der Ermahnung: «Man muss halt reden miteinander.» Eine «Rede» ist nicht ein dialogischer, sondern ein monologischer Diskurs, der sich an bestimmte Adressaten bei bestimmten Gelegenheiten wendet und keine «Gegenrede» erwartet. Mehrere Reden nacheinander kann man fast nur ertragen, wenn sie kurz sind und miteinander nichts zu tun haben. Wer sie zu einer Einheit in der Vielheit bringen möchte, würde durch die Sprache selber eines Besseren belehrt. Denn aus dem oder den vielen Reden würde das «Ge-rede»: der Zwilling des «Ge-schwätzes». Die Rede ist im Verhältnis zum Gespräch ein zu äusserlicher Akt, um lange erträglich und zugleich eindringlich zu sein. Das ist der Grund, weshalb alles Belehren durch ein «Reden halten» – eine seltsame Wendung! – jedenfalls bei Kindern wenig erspriesslich ist.

«Denn der Mensch ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält (Kierkegaard). Er ist zu zweit oder wie dem Hannah Arendt sagte: Zwei-in-Einem. Gemeint ist die Zweiheit aus wirklichem Ich und möglichem Selbst.»

Hans Saner

Es gibt noch einen tieferen Grund für die Unterscheidung von Rede und Gespräch. Dem Gespräch, das wir mit einem Dritten – es kann auch eine Gruppe sein – führen, liegt immer verborgen ein Gespräch mit einem Zweiten zu Grunde, der ich selber bin. Indem ich mit anderen spreche, spreche ich zugleich mit mir selbst. Denn der Mensch ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält (Kierkegaard). Er ist zu zweit oder, wie dem Hannah Arendt sagte: Zwei-in-Einem. Gemeint ist die Zweiheit aus wirklichem Ich und möglichem Selbst. In ihr befragt das Ich das Selbst und das Selbst das Ich. Und beide führen miteinander ein Gespräch, in dem das Selbst vom Ich Rechenschaft fordert – auch in Bezug auf das Gespräch, das das wirkliche Ich mit einem anderen wirklichen Ich führt. Das innerliche Zweitgespräch ist das eigentlich erzieherische Gespräch, das nur in der Selbsterfahrung erlernt werden kann. Die Vorschule der Sittlichkeit aber ist eher das Vorbild als die moralische Ermahnung, jedenfalls so lange diese bloss auf den Gehorsam setzt. Im so viel äusserlicheren, blossen Reden verstummt das innere Zwiegespräch. Was dann noch bleibt, ist nicht ein Gespräch, sondern ein Gerede.

Das Fremde entfremden

Die Kommunikationsfähigkeit erschöpft sich indes nicht in Worten. Es gibt auch nonverbale Kommunikation. Ihre Zeichensprachen sind vielfältig: Gesten, Blicke, kleine Freundlichkeiten, gemeinsames Essen und Spielen, Musik, Malerei und Filme, Handreichungen, Hilfsangebote, Solidarität im Grossen in Notlagen, Integrationswilligkeit – kurz: Was immer zu wechselseitiger Anerkennung und Respekt führt, gesellschaftliche und nationale Schranken überwindet, den Ausschliesslichkeitsanspruch der Offenbarungsreligionen aufhebt, die Fremden «ent-fremdet» und zum wechselseitigen Verstehen führt, ist kommunikativ. Kommunikation ist alles, was uns verbindet. Sie ist als universale Kommunikation notwendig, wenn das Zeitalter der Globalisierung die Welt nicht in Katastrophen treiben soll, die schlimmer sein könnten als die der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts.

Die Schule hat in dieser Weltlage eine grosse Chance. Sie ist die Lehrzeit, in der Kinder und Jugendliche erfahren, dass man mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Ländern und Kontinenten gut zusammenleben und befreundet sein kann. Das gemeinsame Humane ist ein viel weiteres Feld als das menschlich Trennende. Wer daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen vermag und nach ihnen handelt, hat die Schlüsselkompetenz des globalen Zeitalters erworben.

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