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Eine Geschichte zur Fehlerkultur im Gestaltungsunterricht

Auch im Gestalten: Ein Fehler ist kein Fehler

Es war einmal ein Fehlerteufel, der war jung, unternehmungslustig und zu allem Unfug bereit. Da sprach der Oberfehlerteufel zu ihm: «Im Fach Bildnerisches Gestalten kannst du zeigen, was du kannst.» Das Teufelchen machte sich sofort an die Arbeit.

Franziska Weber: www.farbenkiste.chFranziska Weber: www.farbenkiste.ch

An einer Schulhauswand waren ihm Schriftzüge aufgefallen, gross und farbig. «Da ändere ich nur etwas», sagte es sich und ersetzte einen Buchstaben. «Da kann keine Lehrperson vorbeigehen, ohne sich zu ärgern», amüsierte es sich. Eine Lehrerin blieb stehen und stutzte. «Endlich mal ein Graffiti mit einem fantasievollen, frechen Fehler», murmelte sie und ging lächelnd weiter. Der Fehlerteufel sagte sich: «Fantasievolle und freche Fehler sind im Gestalten erwünscht, das merk ich mir.»

Unternehmungslustiger Fehlerteufel: Beim Gestalten ist fantasievolles Experimentieren ohne Angst vor Fehlern durchaus erwünscht.Unternehmungslustiger Fehlerteufel: Beim Gestalten ist fantasievolles Experimentieren ohne Angst vor Fehlern durchaus erwünscht.Im ersten Schulzimmer zeichneten junge Menschen an einer Burg mit Fluchtpunktperspektive. «Da gibt es klare Regeln, somit auch klare Fehler», sagte sich das Teufelchen und bog hier eine Linie um und zog dort eine Gerade neu. Doch am Ende der Stunde munterte der Lehrer die Kinder auf: «Ihr habt bei dieser Arbeit nicht alles richtig gezeichnet. Diese Technik üben wir noch weiter. Ich werde euch dabei helfen.» «Im Zeichnen darf man üben und Hilfe verlangen», staunte der Fehlerteufel, «das merk ich mir.»

Im nächsten Schulzimmer waren jüngere Kinder daran, grosse Elefanten auf ein weisses Papier zu malen. Ein Mädchen sass mutlos vor seinem leeren Blatt und murmelte: «Ich kann das nicht.» «Ich kann dir schon helfen», schmunzelte das Fehlerteufelchen und flüsterte: «Schau bei deiner Nachbarin ab, mal das gleiche Bild!» Es lachte sich ins Fäustchen und dachte bei sich: «Abzeichnen ist falsch, das weiss ich genau.» Die Lehrerin kam durch die Reihen, schaute sich die Bilder an und lobte die Kinder. Bei den zwei Mädchen bemerkte sie: «Aha, du hast dir zu helfen gewusst und deine Nachbarin war dir ein Vorbild.» Und zur Klasse gewandt: «Wisst ihr noch, wir haben zusammen den Gruppenpool gegründet und vereinbart, dass bei uns Abzeichnen, einander Vorzeigen und Erklären erlaubt sind.» «Im Gruppenpool ist abzeichnen erlaubt», wunderte sich das Fehlerteufelchen, «das merk ich mir.»

«Wenn ich eine Farbe wähle, richte ich mich nicht nach einer wissenschaftlichen Theorie. Sie kommt durch Beobachtung, vom Gefühl, vom innersten Wesen der vorliegenden Erfahrung.»  

Henri Matisse

«Grün und Blau sind wie Kasper und seine Frau», sagte des Teufels Grossmutter und meinte damit, dieses Farbenpaar sei laut, grell und werde bei den Menschen vermieden. Das Fehlerteufelchen ging mit diesem Merksatz ins Schulzimmer der jungen Erwachsenen. Dort hingen grelle Musterentwürfe an der Wand: Grün neben Blau und Pink neben Orange. «So viele Fehler und Regelverstösse, das gibt eine schlechte Bewertung», triumphierte das Fehlerteufelchen. Da bemerkte es einen Zettel zwischen den Entwürfen.

Das Teufelchen zählte auf: «Farben soll man beobachten, fühlen und erfahren. Das merk ich mir.»

Voller Erwartung stellte es sich an den Zeichnungstisch im Kindergarten. Da wurde gekritzelt und gezeichnet, dass es eine Freude war: Männchen mit und ohne Bauch, mit drei Fingern an jeder Hand, wenn es überhaupt Hände an den Armen gab. «Wenn das keine Fehler sind!», frohlockte das Teufelchen. Doch es hörte die Kindergärtnerin murmeln: «Toll, jetzt haben schon einige den nächs­ten Entwicklungsschritt gemacht und den Kopffüssler überwunden. Mit dem neuen Fingervers werden sie bald auch die richtige Anzahl Finger zeichnen können.» «Aha, Entwicklungsschritte sind keine Fehler», erkannte Fehlerteufelchen, «das merk ich mir.»

So kam es, dass es immer mehr Interesse an fantasievollen Kindern und aufmüpfigen Jugendlichen zeigte und Gefallen daran fand, mit kreativen Pädagogen zusammenzuarbeiten. Bei seiner täglichen Arbeit kleckste es hier eine gewagte Farbfläche hin, bog dort eine gerade Linie um oder ergänzte eine langweilige Form und flüsterte allen, die es hören wollten, fantasievolle Ideen ein. Heimlich nannte es sich Pic Asso und hoffte, dass der Oberfehlerteufel es nicht versetzen würde.

Entwicklungsschritte sind keine Fehler

Kinder in der Schuleingangsstufe zeichnen nicht, was sie sehen, sondern was sie wissen, was ihnen jetzt gerade wichtig ist und was sie für darstellungswürdig halten. Sie suchen nach Bildzeichen, um sich auszudrücken, zu erzählen, zu erfinden, Zusammenhänge zu begreifen, Vergangenes zu erinnern und Zukünftiges durchzuspielen. Zeichnen kann für Kinder eine wichtige Form der Erlebnisverarbeitung sein.

«Ein Fehler ist kein Fehler, sondern eine in diesem Zusammenhang nicht brauchbare Lösung.»

Tailor

In diesem Alter können wir «Fehler» nicht mit Erklären, Vorzeigen oder Vorlagen zum Verschwinden bringen. Wir müssen den Kindern die Welt näherbringen, sie entdecken und wahrnehmen lassen. Damit die Hand fünf Finger bekommt, müssen diese mit Fingerversen, mit kraftvollem Einsatz beim Kneten oder mit feinem Griff beim Schneiden mit der Schere erlebt werden. Am besten unterstützen wir die Kinder mit einem grossen Materialangebot, damit sie jederzeit üben, experimentieren und damit die Welt gestalterisch erfinden können.

Phantasievolle und freche Fehler erwünscht

Kinder in der Mittelstufe wollen «realistisch» zeichnen und Zusammenhänge darstellen: Formzusammenhänge, Raumzusammenhänge, Proportionen, Bewegung, Überschneidungen. Dabei erkennen sie oft ihre Unzulänglichkeit und «Fehler» im genauen Abbilden.

Mit dem Weiterverarbeiten von selbst gemachten Fotos werden wir diesem Bedürfnis nach genauen Abbildern gerecht. Die Bilder können kopiert, vergrössert und verfremdet werden. Auch ungewöhnliche Aufgaben helfen, Hemmungen und Blockaden überwinden: Ein Koffer mit seinem vielfältigen Inhalt als Röntgenbild gezeichnet ergibt kein reales Abbild, aber eine starke Bildaussage. Mit neuen Techniken und fantasievollem Material helfen wir den jungen Künstlern, den Schritt vom genauen Abzeichnen zur eigenen Bildsprache zu wagen.

Im Zeichnen darf man üben und Hilfe verlangen

Ein Kind, das soeben ein neues Bildzeichen oder eine neue Technik erworben hat, will durch wiederholendes Üben sicher werden. Übungsreihen sind wichtige Teile im Gestaltungsunterricht. Auch schnell hingeworfene Skizzenblätter sind erwünscht und wertvoll; solche Papiere gehören nicht in den Papierkorb, sondern in eine schöne Mappe.

Im Gruppenpool ist Abzeichnen erlaubt

Der Gruppenpool nach Somazzi ist eine Lernform, in der sich Schülerinnen und Schüler gegenseitig Gegenstands-, Abbildungs- und Ausführungswissen im Bildnerischen Gestalten zu einer bestimmten Aufgabenstellung vorstellen bzw. zur Verfügung stellen. Durch den Gruppenpool werden sie angeregt, sich in ihrer Lerngruppe bewusster mit der altersentsprechenden Zeichnungskultur auseinanderzusetzen. Auch andere Formen von Gruppenarbeiten sind wichtige Mittel im Gestaltungsunterricht (siehe auch diesen Beitrag ).

Farben soll man beobachten, fühlen und erfahren

Die Wahrnehmung von Farben ist subjektiv. Es gibt keine «schönen» oder «falschen» Farbklänge! Momentane Stimmungen, subjektive Assoziationen zu bestimmten Motiven, Farbbedeutungen, Farbbevorzugungen, Erinnerungen, aber auch kulturbezogene Wertungen beeinflussen die ästhetische Reaktion.

Um Farben körperlich zu erleben, erscheinen alle Kinder am roten Tag in roten Kleidern in einem rot beleuchteten Zimmer und mischen sich rote Farbtöne. Um die Farbwahrnehmung zu differenzieren, legen wir Farbsammlungen in Setzkasten oder in Sammeltaschen von Rahmdeckeli an. Das Experimentieren mit Farbmischungen und das Einfärben von Papieren wecken bei den Kindern die Lust an weiteren Farbaufgaben. Bei Jugendlichen werden Modefarben und Lieblingsfarben heftig diskutiert. Diese Streitgespräche können als Motivation zu Gestaltungsaufgaben aufgegriffen werden.

Franziska Weber
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