Was Schülerinnen und Schüler über Fehler denken
Aus Fehlern lernen braucht Zeit
Auf dem runden Tisch steht ein Mikrophon. Darum versammelt sind vier Mädchen aus einer 9. Klasse in Münsingen. Im Gruppengespräch geht es um einen sinnvollen Umgang mit Fehlern, insbesondere um die Frage, ob und wie man aus Fehlern lernen kann. Gibt es in diesem Punkt Unterschiede zwischen dem Schulunterricht und anderen Erfahrungsbereichen?
Dranbleiben
ShelleyAnstatt alle Fehler einfach zu «verbessern», macht es Sinn, wenige ausgewählte Fehler zu analysieren. Das heisst zu reflektieren, warum sie passiert sind, und sie inhaltlich einzuordnen.
Aline, die Handball spielt, denkt, dass im Training Fehler ernster genommen werden als in der Schule. Carla sieht das auch so, sie vergleicht mit dem Ballett. Da wird gefeilt, bis ein Bewegungsablauf sitzt. Und Shelley bestätigt es aus ihren Erfahrungen im Volleyball. Wenn es darum geht, dass man einen Fehler wirklich überwinden soll, muss man dranbleiben. Erst eine gründliche Auseinandersetzung mit einem Fehler hilft, dass man ihn los wird. Das braucht Zeit. In der Schule macht man halt rasch «Verbesserungen» und dann geht es weiter.
Sich Zeit nehmen
Auf die Zeit, die fehlt, kommen die Mädchen immer wieder zu sprechen. Fehler in einem Test werden häufig korrigiert, ohne dass man sie genau anschaut. «Es braucht Zeit, einen Fehler zu ‹realisieren›, sonst bringt das Verbessern nichts», sagt Shelley und meint damit: Es ist wichtig zu merken, warum man diesen Fehler gemacht hat. Die Mädchen denken, dass das zu erfüllende Pensum einem sorgfältigeren Umgang mit Fehlern oft im Weg steht. Aline würde eine tägliche «Aufgabenstunde» begrüssen, die der Klärung von Unverstandenem dienen könnte. Man sollte auch Gelegenheit haben, Fehler mit Klassenkameradinnen zu besprechen, zu vernehmen, wie andere «es» machen. Das bringe oft mehr als eine weitere Erklärung der Lehrperson – aber das braucht auch wieder Zeit.
Fehlerprotokoll von Shelley
Sich getrauen
Fehler gemeinsam besprechen bringt viel, da sind sich die Mädchen einig. Nur sei es nicht für alle gleich leicht, einen Fehler vor anderen auszubreiten. Vielen falle es schon schwer, bei Unklarheiten nachzufragen. Aber wer einen Fehler ernsthaft vorstelle, werde nicht ausgelacht. Denn oft sei ja ein Fehler auch für andere brauchbar. «Und man kann ja über eigene Fehler auch lachen», sagt Saskia.
Strategien nutzen
Saskia litt früher unter einer auditiven Wahrnehmungsstörung, weshalb sie oft Buchstaben verwechselte oder nicht schrieb. Ein besonderes Trainingsprogramm half ihr, dieses Hindernis zu überwinden. Als wichtiger Bestandteil der damaligen Förderung erachtet sie zusätzliche Regeln, die nicht nur sagten, wie etwas ist, sondern auch warum – Erklärungen eben. Saskia weiss: «Zusammenhänge verstehen hilft, Fehler vermeiden.» – Eine ganz andere Art Regeln sind Eselsbrücken. «Etwas, das man noch nicht kann, irgendwo anhängen, wo man sicher ist», sagt Carla und ergänzt: «Die besten Eselsbrücken sind die, die man sich selber macht.» Sie nennt ein Beispiel: «Ich habe ‹valoira› geschrieben, weil ich dieses Verb nicht kannte. Aber jetzt weiss ich, dass es ‹vaudra› heisst. Ich nehme das Verb ‹falloir›, dort weiss ich, wie das Futur geht.» – Aline kennt eine weitere Hilfe, um Fehler, die einmal passiert sind, nicht zu wiederholen: «Sich an die Situation erinnern, in der ein Fehler passiert ist.»
Fehler in «harten» Fächern
Im Gespräch fällt auf, dass die vier Schülerinnen vor allem Beispiele aus dem Französisch- und dem Mathematikunterricht einbringen. Sie halten das für naheliegend, da es in diesen Fächern am meisten Regeln gäbe. In gewissen Fächern könne man ja eigentlich gar keine Fehler machen. Im Gestalten zum Beispiel sei doch alles irgendwie richtig. Und im Singen sei man ja nicht gezwungen, Fehler zu machen.
In der Wahrnehmung der vier Mädchen ist das Thema «Fehler» stark mit den «harten» Fächern verbunden. Macht die Bedeutung von Fehlern und der nicht immer optimale Umgang mit ihnen die Härte eines Faches aus? Könnten aber nicht gerade darum solche Fächer auch besonders geeignet sein, einen sinnvollen Umgang mit Fehlern zu lernen?
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