Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Rechtschreibeentwicklung begleiten

Fehler machen heisst, gemeinsam auf dem Weg sein

«Wer hat die Rechtschreibung gemacht?», eröffnet Ursula Tschannen das Kreisgespräch. Eine Frage, die bei den Schülerinnen und Schülern der 2. Klasse sofort Interesse weckt und zu vielfältigen Vermutungen führt. «Ich glaube, der Gott.» «Vielleicht ein Schuldirektor.» «Das haben sich Leute ausgedacht, die etwas erfinden.»

Zuhause mit der Rechtschreibekartei arbeiten

Offenbar wissen die Kinder schon, dass Rechtschreiberegeln von jemandem gemacht wurden und nicht in der Sprache drinstecken; da wirken frühere Unterrichtsgespräche über die Rechtschreibung nach. Die Kinder kennen auch schon einige Regeln, zum Beispiel die Regel des Satzanfangs oder der Wortlücken. Zum Abschluss des heutigen Gesprächs berichten die Kinder, wie sie zuhause mit der Rechtschreibekartei arbeiten konnten.

Arbeit mit dem Wortkasten: Die Erfahrungen werden in der Klasse besprochenArbeit mit dem Wortkasten: Die Erfahrungen werden in der Klasse besprochen

Ursula Tschannen: «Im Rechtschreibekasten hat jedes Kind eine eigene Wortauswahl aus einer kollektiven Liste. Letzte Woche standen zum Beispiel 20 Wörter zum Thema ‹Wald› an der Tafel. Jedes Kind konnte dann die Wörter wählen, die es mithilfe der Kartei lernen wollte. Oft entstehen die Sammlungen aus NMM/M&U-Themen, manchmal bestimmt aber auch ein grammatikalisches Phänomen die Sammlung.

Individuell ist nicht nur die Auswahl der Wörter, sondern auch die Menge, die ein Kind aus einer Sammlung lernen kann. Die Identifikation mit dem eigenen Wortschatz ist wesentlich. Die Forschung hat ja gezeigt, dass wir besser und lieber lernen, wenn wir mitbestimmen können. Es ist erwiesen, dass die Rechtschreibeentwicklung von Knaben besser verläuft, wenn sie die Lernwörter aus den Sammlungen selbst bestimmen können.

Da die Kinder die Wörter zuhause lernen, haben die Eltern Einblick in einen Teil der Rechtschreibearbeit und können so ihr Vertrauen in die Rechtschreibedidaktik der Schule stärken. Das Wissen um die Entwicklung der Rechtschreibefähigkeit hat sich seit der Schulzeit der Eltern sehr verändert. Deshalb brauchen die Eltern Informationen über heutige Rechtschreibekonzepte – zum Beispiel auch über den Umgang mit Fehlern – und Einblicke in die konkrete Arbeit damit.»

Von Katzen und Hunden, von Nomen und Verben

Nun geht es an das Erfinden einer neuen Geschichte. Letzte Woche war es eine Katzengeschichte, heute soll es eine Hundegeschichte werden. Während die Hundegeschichte entsteht, können Einzelgespräche über die Katzengeschichten stattfinden. Die Besprechungspunkte hat Ursula Tschannen mit feinen Bleistiftzeichen markiert.

«Die Arbeit an der Rechtschreibung läuft einerseits kollektiv über die Wortsammlungen, mit denen wir dann auch in der Klasse arbeiten, und über die in der Klasse eingeführten Regeln. Andererseits läuft sie individuell über die persönliche Wörterkartei und über die Einzelgespräche beim Schreiben von Texten.»

Mia hat in ihrer Geschichte «Die Junge Katze Jagt» geschrieben. Ursula Tschannen zeigt auf das von ihr gesetzte Bleistiftzeichen: «Was könnte hier nicht ganz richtig sein? Was hast du dir dabei überlegt?» Mia kann ihre Überlegung einbringen: «Aber man sagt doch das Jagen?» Ursula Tschannen erklärt Mia, dass die Katze in ihrem Text etwas tut, dass sie eben jagt. Ein Gespräch über «Jagen» als Nomen und «jagen» als Verb entsteht. Sichtlich zufrieden kehrt Mia an ihren Platz zurück.

«In den Gesprächen über ihre Texte lernen die Kinder verschiedene Prüfsysteme kennen, zum Beispiel das der Nomenbestimmung. Sie bauen damit nicht nur ihr Strategiewissen aus, sondern auch ihr grammatikalisches Wissen. Das setzt natürlich ein fundiertes grammatikalisches Wissen der Lehrperson voraus. Daran wird heute sowohl in der Grundausbildung wie in der Weiterbildung von Lehrpersonen gearbeitet.»

Wenn ein Buchstabe vergessen geht …

Individuelle Besprechung: Steht im Zentrum des Rechtschreibunterrichts. Aber auch Klassengespräche gehören dazu.Individuelle Besprechung: Steht im Zentrum des Rechtschreibunterrichts. Aber auch Klassengespräche gehören dazu.

Marco hat eine lange Katzengeschichte geschrieben. Mithilfe von Ursula Tschannen führt er in seinem Text einige Verben- und Nomenproben durch, obschon das in der Klasse noch nicht besprochen wurde. Mit der Aufforderung «Das merkst du selber!» mutet ihm Ursula Tschannen schon viele eigene Überlegungen zu. Dann zeigt die Lehrerin auf eine Stelle im Text, und beide beginnen zu lachen. «Dem sagt man Flüchtigkeitsfehler», erklärt Ursula Tschannen, und die beiden setzen schmunzelnd die Besprechung fort.

«Flüchtigkeitsfehler sind eine besondere Sorte von Fehlern. Wenn ich im Text ‹Kate› lese, weiss ich, dass das kein Überlegungsfehler war, da hat der Schüler einfach einen Buchstaben nicht geschrieben. Ich gebe dem Schüler zu verstehen, dass er das selber in Ordnung bringen kann und muss. Der Schüler weiss, dass wir gar nicht darauf eingehen. Anders wäre es gewesen, wenn er ‹Kaze› geschrieben hätte, das hätte ein Gespräch über die tz-Regel ausgelöst.»

Adriana hat in ihrer Geschichte «Die Katze häisst» geschrieben. Ursula Tschannen erklärt ihr, dass es diese Schreibweise im Deutsch gar nicht gibt. Sie fordert Adriana auf, das Tier im Klassenzimmer zu suchen, das den gleichen Laut enthält. Rasch findet Adriana das Eichhörnchen. Als Merkhilfe kriegt Adriana ein Post-it, auf dem das «äi» durchgestrichen ist und darunter ein «ei» steht.

«Dass die Verschriftlichung des einen Lautes nie ‹äi› ist, können die Kinder als Regel verwenden. Es ist wichtig, dass die Kinder Regeln kennen, auf die sie sich verlassen können. Zurzeit setze ich nur dort meine Bleistiftzeichen, wo diese Regeln nicht angewandt wurden. Wir nennen das ‹qualitatives Korrigieren›. So sind zum Beispiel Fehler in ‹ie-Wörtern› nicht markiert, denn für die Verschriftlichung von Dehnungen gibt es ja im Deutschen mehrere Möglichkeiten, also keine zuverlässige Regel. Lehrpersonen müssen wissen, ob ein Fehler in einem Wort anhand einer Regel geklärt werden kann oder ob das Kind das Wort als so genanntes Lernwort lernen muss. Auch hier wird wieder deutlich, welche Kenntnisse über die Sprache eine Lehrperson haben muss, damit sie eine Fehleranalyse machen kann.»

Eine individuelle Besprechung bedeutet auch einen individuellen Umgang mit Fehlern

Lars hat im zweiten Teil seines Textes kaum Wortlücken gemacht. Ursula Tschannen macht ihn darauf aufmerksam: «Weisst du was, es hat da wieder keine Wortlücken. Oder siehst du die Lücken zwischen den Wörtern? An den Wortlücken sind wir ganz streng dran.» Ursula Tschannen liest Lars seinen Text nochmals vor. Lars bestätigt, dass er die einzelnen Wörter gut hören kann. Er geht an den Platz und markiert in seiner Katzengeschichte die Wortlücken mit einem Strich.

«Eine individuelle Besprechung bedeutet auch einen individuellen Umgang mit Fehlern. Beim einen Kind nehme ich den Fehler als Anlass, um eine an sich bekannte Regel noch einmal zu erklären. Beim andern Kind bedeutet der Fehler eine Forderung, die Regel in Zukunft anzuwenden. Und bei noch einem anderen Kind kann ich anhand des Fehlers eine neue Regel einführen, die die Klasse noch nicht kennt.

Fehler sind immer auch Fenster zur Entwicklung. Mit einem Kind an einem Fehler zu arbeiten, gibt ihm die Chance, auf dem Weg zur Rechtschreibefähigkeit einen Schritt weiterzukommen.»

Therese Grossmann
AnhangGröße
Artikel als PDF herunterladen186.57 KB
Themengebiete / Rubrik:
schulverlag blmv AG