Fehler im Englisch-Anfängerunterricht
«My brother is zwei years old»
Die 2.-Klässlerinnen und 2.-Klässler im Schulhaus Lindenhof in Bülach lernen seit letztem Sommer Englisch.
Die meisten Kinder starten mit viel Begeisterung, doch ohne Vorwissen. Die Grundhaltung gegenüber Fehlern im Englisch-Anfängerunterricht ist tolerant. Dennoch korrigiert Doris Gerber, die Englischlehrperson, ausgesprochene Wörter und Sätze der Schülerinnen und Schüler oft.
«How do you say Schwester?»
Freitagmorgen, 8.20 Uhr. 25 2.-Klässlerinnen und 2.-Klässler stürmen in das Schulzimmer von Doris Gerber. Sie begrüsst die Kinder mit «good morning» und stimmt den «good morning song» an. Kräftig singen die Schülerinnen und Schüler mit. Dann stellen sich die Schülerinnen und Schüler vor. Sie brauchen dazu englische Sätze, die sie seit dem Sommer auf verschiedene Arten geübt haben: «My name’s Sandra, I’m 8 years old, I have brown hair, I have a sister, I’m a boy…» Viele der Kinder melden sich: Sie wollen zeigen, was sie schon gelernt haben, was sie können. Ein Schüler sagt: «My brother is zwei years old.» Doris Gerber korrigiert ihn, indem sie einen Finger hochhält und sagt: «One, …» Sofort sagt der Schüler: «two» und wiederholt seinen Satz nochmals korrekt. Oder eine Schülerin meint: «My Schwester is three years old.» Auch hier interveniert die Lehrerin und fragt das Mädchen: «How do you say Schwester in Englisch?» Sofort weiss das Mädchen die Antwort.
Doris Gerber: «Der Englischunterricht am Anfang der 2. Klasse besteht hauptsächlich aus Fehlern. Erfolgreich bin ich dann, wenn die Schülerinnen und Schüler etwas ausprobieren, sich trauen, etwas zu sagen, auch wenn es falsch ist. Etwas fehlerfrei aussprechen können die Kinder am Anfang selten. Sie hören einen Satz korrekt von der Lehrperson und sprechen nach, wiederholen ihn mehrmals, und irgendwann sitzt er fehlerfrei. Dann sind sie begeistert und stolz, etwas Neues gelernt zu haben.
Auf Fehler der einzelnen Schülerinnen und Schüler gehe ich ganz unterschiedlich ein. Bei Kindern, die sprachliche oder andere schulische Schwierigkeiten haben, lasse ich viel mehr Fehler stehen. Wenn zum Beispiel ein schwacher Schüler sagt: ‹He is long hair›, dann lasse ich das auch mal durch. Bei Kindern mit einer grösseren Begabung korrigiere ich viel schneller. Die Korrektur besteht darin, dass ich die Formulierung richtig vorspreche und das Kind wiederholt die Aussage. Ich bin überzeugt, dass die Schülerinnen und Schüler Sätze oder einzelne Wörter etliche Mal hören müssen, um sie richtig wiedergeben zu können.
Falls wir etwas im Unterricht mehrmals besprochen und geübt haben, wie zum Beispiel die Farben, dann verlange ich Korrektheit. Da müssen die Schülerinnen und Schüler nochmals überlegen, wenn sie eine Farbe falsch aussprechen oder das Wort nicht mehr wissen.
Oder bei der Frage: ‹How are you?› bestehe ich darauf, dass die Antwort nicht ‹yes› lautet, sondern beispielsweise ‹fine, thanks›. Das wurde schon so viele Male geübt, dass ich eine richtige Antwort erwarte.»
Bekannte Bilder, fremde Worte
Die Englischstunde geht mit einem neuen Thema weiter. Doris Gerber schreibt gross «christmas» an die Wandtafel. Die Frage lautet: Wie feiern Menschen in England oder Nordamerika Weihnachten? Anhand von Bildern müssen die 2.-Klässlerinnen und 2.-Klässler Unterschiede zur Weihnachtstradition in der Schweiz herausfinden. Die Kinder dürfen ihre Antworten auf Deutsch geben. Jemand sieht einen Kamin. Die Lehrerin hängt ein Bild von einem Kamin an die Tafel und das englische Wort «chimney» dazu. Dann spricht sie das Wort einige Male vor, die Kinder sprechen mit. Weitere englische Weihnachtswörter werden eingeführt: «reindeer, sleigh, present, stocking…» Doris Gerber erklärt auf Englisch, wie Weihnachten in England oder Nordamerika gefeiert wird, sie unterstützt ihre Aussagen und Wörter mit Gebärden. Die Kinder raten, was es auf Deutsch heissen könnte. Sachen, die nicht verstanden werden, erklärt die Lehrerin dann auf Deutsch.
Fehler beim Schreiben
«Die 2.-Klässler schreiben noch kaum englische Wörter oder Sätze. Wenn, dann schreiben sie etwas ab. Da verlange ich Korrektheit. Bei den 4.-Klässlern ist dies anders. Sie schreiben eher etwas mit vorgegebener Satzstruktur oder probieren spontan aus. Ich versuche dann, das Wort vom Lautbild her zu lesen und zu verstehen. Als Korrektur schreibe ich auf dem Blatt unten einige Wörter oder kleine Sätze als Merkhilfe hin. Ich leite die 4.-Klässler auch dazu an, das Wort im Lehrmittel nachzuschlagen und richtig abzuschreiben. Wenn hingegen etwas gezielt geübt wird, zum Beispiel ein grammatikalisches Thema (‹there is – there are›), erwarte ich die korrekte Schreibweise. Das wird in der 4. Klasse auch geprüft.
Das Thema Fehler wurde in der Ausbildung zur Englischlehrperson nicht direkt angesprochen. Doch die Grundhaltung, tolerant gegenüber Fehlern zu sein, hat sich klar herauskristallisiert. Die Lehrmittel sind spiralförmig aufgebaut. Die Themen wiederholen sich in den verschiedenen Klassen, so dass die Kinder jedes Schuljahr sattelfester und korrekter werden. Zum Beispiel kommt ‹über sich selber sprechen› auf jeder Stufe immer wieder vor.
Es soll ja nicht schweizerdeutsch tönen …
Die Fehlertoleranz im Englischanfängerunterricht ist sehr hoch. Doch auf einiges lege ich viel Wert. Zum Beispiel das ‹th› sollen die Schülerinnen und Schüler von Anfang an richtig aussprechen können. Das lernen die Kinder bei mir spielerisch mit verschiedenen Übungen, die ihnen Spass machen. Auch wird an der Satzmelodie gefeilt. Es soll ja nicht Schweizerdeutsch tönen. Deshalb üben die Kinder die Satzmelodien mit kleinen Theatern. Einige haben das Ohr dafür, bei anderen ist es eher harzig, und es gibt solche, die es vielleicht nie schaffen werden.»
Die Englischstunde neigt sich dem Ende zu. Die 2.-Klässler packen ihre Farbschachtel und das Mäppli zusammen, verabschieden sich von ihrer Lehrperson mit «goodbye» und rennen aus dem Zimmer.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Artikel als PDF herunterladen | 196.73 KB |



