O Schose Lise

Werner Jundt
Das Dokument erhielt ich vor längerer Zeit von einem Kollegen. Die ursprüngliche Herkunft des Textes entzieht sich mir. Mag sein, dass eine 1.-Klässlerin eine Strophe ihres Lieblingsliedes aufgeschrieben und dabei Fehler gemacht hat. – Wirklich? Sind das Fehler? Aber vielleicht stammt der Text ja von einem Kleinklassenschüler im 8. Schuljahr. Wie viele Fehler wären es dann? Und wenn das eine Gymnasiastin geschrieben hätte? Möglich wäre auch, dass ein Grossvater seiner Enkelin das Chanson so aufgeschrieben hat, damit sie es ohne Französischkenntnisse richtig aussprechen kann. Sind Fehler situations- oder gar personenabhängig?
Fehler sind Normverstösse. Wer setzt die Norm – und für wen gilt sie? Dass Normen situationsabhängig sind, zeigt sich zum Beispiel in der Natur. Ein immenser Vorrat an «Fehlern» wird in Form von rezessiven Genen von Generation zu Generation weitergegeben. Sie kommen selten zum Ausdruck, und wenn, dann wirken sie sich eher negativ aus. Aber die Bedingungen auf diesem Planeten können sich ändern. Und schnell ist der Fehler von heute die Rettung von morgen.
Die Natur ist enorm fehlerfreundlich. Pausenlos experimentiert sie mit Mutationen. In isolierten Nischen sorgt sie dafür, dass Fehler eine Chance erhalten, sich bewähren können. Die ganze Entwicklung vom Einzeller bis zum Menschen basiert auf Fehlern, auf Abweichungen von der jeweiligen Norm.
Nicht alle Fehler sind fruchtbar. Aber welche fruchtbar sind, weiss man erst im Nachhinein. Sicher ist: Ohne Abweichungen findet keine Entwicklung statt. Ein schönes Beispiel eines fruchtbaren Fehlers im kulturellen Bereich passierte 1928 im Londoner St. Mary’s Hospital. In mangelhaft gereinigten Laborgeräten gelang es einem Schimmelpilz, Penicillium notatum, die Kulturen des Bakteriologen Alexander Fleming anzugreifen. Anstatt die verdorbenen Proben wegzuwerfen, zog Fleming aus der Panne den produktiven Schluss, der Pilz entwickle einen antiseptischen Wirkstoff, dem er den Namen Penicillin gab.
Die Schule ist nicht fehlerfreundlich. Aus schulischer Sicht sind Fehler für gewöhnlich unfruchtbar. Noch sind wir weit entfernt von einer produktiven Fehlerkultur. Was müssten wir lernen? – Zum Beispiel, dass man aus Fehlern wirklich lernen kann. Wenn sie ernst genommen werden. Keine Schülerin und kein Schüler macht absichtlich Fehler. Fehler sind Signale, Fenster zum Denken der Lernenden. Darum gehört Fehleranalyse zum Lernprozess. Wer Fehler vertuscht, vergibt Lernchancen. Wer Fehler fürchtet und darum lieber nichts tut als etwas Falsches, stagniert. Damit Kinder und Jugendliche zu einer guten Fehlerkultur finden, muss die Schule sich wandeln, von einer «Verwalterin von Richtig und Falsch» zu einer «Hüterin des Möglichen». Wir hoffen, Sie finden in diesem Heft die eine oder andere Wegzehrung für den langen Marsch hin zu einer fehlerfreundlicheren Schule.
Beim Fehler setzt das Denken ein. Oder, wie die Genfer Bildungsforscherin Ninon Guignard 1990 auf dem EDK-Forum zum Thema «Fehler» sagte: «L’erreur est le ferment du progrès.»
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