Vorbildliche Fehler

Von Fehlern im zwischenmenschlichen Bereich

Vorbildliche Fehler

«Wie kann ich wissen, was recht und unrecht ist?» Das ist eine der grossen philosophischen Grundfragen, die die Menschheit seit jeher beschäftigen. Darin ist auch die Frage nach Fehlern enthalten. Mit der Grundfrage nach Recht und Unrecht setzen sich auch die Religionen intensiv auseinander. Zum Beispiel: Wie können Fehler wieder gutgemacht werden?

Susanne GattikerSusanne Gattiker

Menschen handeln nicht immer richtig. Die einen denken zu wenig an ihre Mit- und Umwelt, die andern zu wenig an sich selbst. Die daraus resultierenden Fehler richten manchmal beträchtlichen Schaden an, können aber, nach entsprechender Reflexion, auch die Grundlage für besseres Verhalten in einer zukünftigen Situation sein. Oder in Anlehnung an F. Oser: Sie helfen beim Aufbau von «negativem Wissen» (s. Artikel Seite 4, «Aus Fehlern lernen»).

Fehler sind Quellen

In vielen Geschichten aus den Religionen ist dieser Ansatz enthalten. Die Erzählungen machen menschliches Fehlverhalten deutlich und zeigen auf, wodurch sich «rechtes Handeln» auszeichnet. Grundlage dafür ist in allen Religionen die sogenannte «Goldene Regel»: Was du willst, dass man dir tut, das tue auch den anderen.

Was aber haben diese alten Geschichten mit der Lebenswelt heutiger Menschen zu tun? Haben sie überhaupt noch eine Bedeutung, eine Berechtigung? In Anlehnung an die Ausführungen von Professor Oser im Artikel «Aus Fehlern lernen» lässt sich sagen, dass Fehler «Quellen sind, aus denen wir lernen können, vor allem wenn sie uns emotional berühren». Das Lehrmittel «HimmelsZeichen» (Erscheinungstermin Mai 2009) fokussiert das Interreligiöse Lernen und richtet sich an Kinder der Stufen Kindergarten bis 3. Klasse (siehe auch S. 4 und 5 im Teil Neuerscheinungen).

Grosse Bilder liefern Impulse

Himmelszeichen bietet Materialien an, die die Arbeit in die besagte Richtung unterstützen. Im Mittelpunkt stehen Geschichten aus den fünf Weltreligionen (Christentum, Judentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus), die von der Lehrperson erzählt oder vorgelesen werden. Grossformatige Bilder unterstützen die Erzählung und geben Impulse, über den Inhalt der Geschichten nachzudenken.

Dazu ein Beispiel (Inhaltsangabe):

Eine Geschichte aus dem Judentum: Josef

Josef: Grossformatige Bilder unterstützen die Erzählung und geben Impulse, über den Inhalt der Geschichten nachzudenken.

Josef ist der Lieblingssohn seines Vaters. Seine Brüder – alle ausser Benjamin, dem Jüngsten – sind eifersüchtig und werfen Josef in einen Brunnen. Dort soll er sterben. Doch Josef wird von Händlern gerettet und nach Ägypten verkauft. Josef erklärt als Traumdeuter einen Traum des Pharaos und sagt sieben fette und sieben magere Jahre voraus. Der Pharao ernennt ihn zu seinem obersten Verwalter.

Als die Hungerjahre kommen, schickt Josefs Vater seine Söhne, mit Ausnahme von Benjamin, nach Ägypten, damit sie Korn kaufen. Sie treffen Josef, erkennen ihn aber nicht. Josef aber merkt sofort, wen er vor sich hat. Er verlangt, dass die Brüder ihm seinen geliebten Bruder Benjamin bringen. Sie tun es, obwohl der Vater lange Wider­stand leistet. Josef fällt es schwer, seinen Brüdern zu verzeihen. Doch als sie ihm gestehen, was für ein grosses Unrecht sie damals getan haben, erzählt er ihnen, wer er ist, und verzeiht ihnen.

Nachdem die Schülerinnen und Schüler den letzten Abschnitt der Geschichte gehört haben, werden mit Unterstützung des Bildes folgende Fragen thematisiert:

  • Was sagen die Gesichtsausdrücke und die Körperhaltung der dargestellten Personen aus?
  • Woran erinnert die Verbeugung respektive der Kniefall einiger Brüder?

Im Anschluss an die Bildbesprechung werden die Schülerinnen und Schüler mit Hilfe der dazu passenden Klassenmaterialien (KM 6.1) aufgefordert, den Bezug zur eigenen Lebenswelt zu schaffen und damit das Thema zu vertiefen.

Indem sie sich eigene «Verzeih-Geschichten» ins Gedächtnis rufen, können sie Josefs Situation in der Geschichte nachvollziehen. Sie formulieren die widerstreitenden Gefühle, die solche Situationen auslösen. Das Klassenmaterial lässt bewusst offen, ob die Kinder eine Situation aus der Täter- oder der Opferoptik beschreiben.

Perspektivenwechsel üben

Beim Besprechen der von den Kindern gezeichneten Erlebnisse kann sich noch deutlicher zeigen, dass der Prozess des Verzeihens oft nicht einfach ist. Schülerinnen und Schüler lernen, dass fehlerhaftes Verhalten reflektiert werden kann, und üben den Perspektivenwechsel. Sowohl erlebtes Unrecht zu ertragen wie auch ein Unrecht einzugestehen erfordert Mut, Stärke und nicht selten viel Zeit, was im Verzeih-Prozess in der Josef-Geschichte beispielhaft zum Ausdruck kommt. Mit der Idee der Verzeih-Kärtchen (siehe Download KM 6.2, Josef) lernen sie eine Handlungsmöglichkeit für ähnlich schwierige Situationen kennen.

Die Schülerinnen und Schüler werden im Zusammenhang mit andern Geschichten auch aufgefordert, sich mit dem Thema der Wiedergutmachung zu beschäftigen. Diese Thematik wird in der Geschichte von Ganesha (Hinduismus, siehe Download) aufgenommen. Mithilfe der Klassenmaterialien denken Schülerinnen und Schüler darüber nach, welche «Fehler» wieder gutgemacht werden können und welche nicht.

Beispiele aus der eigenen Lebenswelt finden

Über die dargestellten Beispiele aus ihrer Lebenswelt finden sie Parallelen zu eigenen Situationen und erkennen dabei, dass die Überwindung und Anstrengung, die eine Wiedergutmachung erfordert, oft der Schlüssel zum Verzeihen und zur Versöhnung sind. Dies jedoch nur, wenn das «Opfer» dazu bereit ist und die Wiedergutmachung als solche erkennt und annimmt. Auch hier müssen alle Beteiligten an einer Lösung mitarbeiten.

Auch im zwischenmenschlichen Bereich sind Fehleranalysen wichtig, damit Fehlverhalten verstanden und in Zukunft vermieden werden kann. Fehler können hier jedoch nicht ungeschehen gemacht werden. Umso wichtiger ist deshalb, dass Schülerinnen und Schüler sich mit Wiedergutmachung und Versöhnung auseinandersetzen und ein Repertoire an Handlungsmöglichkeiten aufbauen. Siehe auch Buchbesprechung im Neuerscheinungsteil auf den Seiten 4 und 5 und die schulimpuls-Veranstaltungen in der Heftmitte.

Susanne Gattiker
AnhangGröße
Artikel als PDF herunterladen939.84 KB
HimmelsZeichen: KM 4.1 – Ganesha1.5 MB
HimmelsZeichen: KM 4.2 – Ganesha1.77 MB
HimmelsZeichen: KM 5.1 – Verloren – Wiedergefunden1.32 MB
HimmelsZeichen: KM 5.2 – Verloren – Wiedergefunden801.68 KB
HimmelsZeichen: KM 6.1 – Josef740.8 KB
HimmelsZeichen: KM 6.2 – Josef948.16 KB