Krisenintervention
Krisen lösen Angst aus – auch in der Schule
Einzelne Lehrpersonen wie auch die Schule als Ganzes erleben vielfältige Krisen und Bedrohungen. Was lösen diese aus, wie können sich Lehrpersonen und Schulen auf die verschiedenen Bedrohungssituationen vorbereiten? Der Redaktor des «KrisenKompass», Christian Randegger von edyoucare, nimmt Stellung.
Immer wieder sorgen Amokdrohungen, Unfälle und persönliche Krisen im schulischen Umfeld für Schlagzeilen. Wie kann sich eine Schule vorbereiten und vor Bedrohungen schützen?
Christian Randegger: Alle Mitarbeitenden können sich zumindest emotional und mental darauf vorbereiten, indem sie sich Gedanken dazu erlauben, die dabei entstehenden Gefühle wahrnehmen und benennen und indem sie sich im Rahmen einer Arbeitsgruppe oder eines pädagogischen Tages auf das Handeln bei Krisensituationen konkret vorbereiten. Dazu gehören das Aneignen von spezifischem Wissen, die Vernetzung mit Rettungs- oder Kriseninterventionsteams und das Durchspielen der verschiedenen Szenarien mittels Simulationen.
Krisensituationen: Richtig eingreifen muss gelernt sein.
In Ihren Kursen werden die individuellen Ängste der Lehrpersonen thematisiert. Welches sind die Hauptsorgen?
Die Angst, nicht zu genügen, oder die Angst vor Diffamierung oder Bedrohung durch aggressive Schülerinnen und Schüler oder deren Eltern, die Angst, sich unsachgemäss zu verhalten, dadurch mitschuldig und in der Folge strafbar zu werden. Deshalb ist es hilfreich, sich Kompetenzen im Umgang mit Krisen anzueignen und ein Instrumentarium kennen zu lernen, wie in so schwierigen Situationen adäquat reagiert werden kann.
Welche Emotionen treffen Sie bei den verschiedenen Akteuren in der Schule im konkreten Bedrohungsfall an?
Angst, Hilflosigkeit, Ohnmachtgefühle, Schuldgefühle, Retraumatisierung usw.
Als Beispiel nenne ich hier die Situation nach einem «erweiterten Suizid». Die Mutter erschiesst am Vorabend des Muttertags sich und ihren einzigen Jungen (sieben Jahre). Die 1.-Klässler, deren Eltern, die Lehrerin, die Schulbehörde – alle sind schockiert, wundern sich über diese Tat, suchen fieberhaft nach Erklärungen, wollen Details über den Tathergang wissen. Die Schülerinnen und Schüler äussern zudem diffuse Ängste, ob ihre eigene Mutter allenfalls auch zu so einer Tat fähig wäre. Die Lehrperson wird bereits über das Wochenende vom Notfallseelsorger kontaktiert, um sie auf die Überbringung der Todesnachricht am Montagmorgen an der Klasse vorzubereiten. Dadurch wird sie zu einem gewissen Teil entlastet. Sie wird auch im Laufe der folgenden Tage in der ersten Abschiedsphase begleitet, um die am Freitag stattfindende Bestattung vorzubereiten.
Macht nicht bereits die präventive Auseinandersetzung mit Krisen und Bedrohungen allen Beteiligten Angst?
Das ist möglich, je nachdem, was dabei überwiegt: Sind es Erinnerungen an vergangene Bedrohungslagen, ist es die Angst zu versagen, ist es die Unsicherheit, mit falschem Verhalten eine Verschlimmerung zu provozieren? Das Wichtige dabei ist, sich den eigenen Bezug zum Thema zu vergegenwärtigen. Sich dabei zu fragen, welche Bilder und Gefühle durch die Auseinandersetzung mit einem Thema entstehen und wie sich diese auf das alltägliche Denken und Fühlen auswirken.
Muss eine Schule z. B. die Evakuation üben? Was lösen solche Übungen bei den Kindern, den Lehrpersonen und dem Team aus?
Eine Evakuation setzt eine entsprechende Bedrohungslage voraus. Das könnte zum Beispiel Feuerausbruch, Hochwasser, Entweichen von Gas sein. Oder die Schule definiert eine Bomben- oder Amokdrohung resp. einen Amoklauf als Auslöser der Evakuationsübung. Je nachdem löst der Gedanke an ein mögliches traumatisches Ereignis bei den Beteiligten Ängste aus. Dabei geht es um eine Abwägung der Güter. Es muss möglich sein, einen sorgfältig erarbeiteten Evakuierungsplan in mehreren Phasen durchzuspielen, zuerst mit den Verantwortungsträgern, dann mit allen Lehrpersonen, mit dem Hauswart, dem Reinigungspersonal, den Teilzeitangestellten usw. Wenn diese Simulationen schon genügen, erübrigt sich eine Übung mit den Schülerinnen und Schülern. Wenn sich trotzdem eine Evakuationsübung aufdrängt, ist sie sorgfältig einzuführen, in der Ausführung zu erklären und nachher aufzuarbeiten. Als auslösenden Grund muss dabei ja nicht das schlimmste Szenario herangezogen werden.
Gibt es Situationen, in denen eine offene Information z.B. bei einer Evakuation nicht angebracht ist?
Grundsätzlich sollte eine Soforträumung der ganzen Schule vermieden werden, weil diese zu Panikreaktionen führen könnte und meistens zu einem grossen, unkontrollierten Medienecho führt. Genau dies ist in vielen Fällen die Absicht der Täterschaft. Trotzdem ist auch für diesen Fall ein Notfallszenario auszuarbeiten. Damit keine Panik ausbricht, soll das Standardvorgehen auf einer gesteuerten Räumung basieren. Bei diesem Verfahren sorgt die Schulleitung dafür, dass die Schule klassenweise evakuiert wird. Damit keine Angst bei den Schülerinnen und Schülern aufgebaut wird, sind mit dem Team der Lehrerinnen und Lehrer vorgängig das genaue Verfahren und die Begründung festzulegen, die den Schülerinnen und Schülern von den Lehrpersonen mitgeteilt werden. Zudem ist für den Notfall einer gesteuerten Räumung zwischen der Schulleitung und den Lehrpersonen bereits vorgängig ein Code-Wort zu definieren. Nach Beendigung der Bedrohungslage werden die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich in geeigneter Weise über die wahren Hintergründe informiert.
Im «KrisenKompass» geht es nicht nur um Situationen, die die gesamte Schule betreffen. Häufiger noch sind Lehrpersonen mit den individuellen Sorgen und Krisen ihrer Schülerinnen und Schüler konfrontiert. Dabei ist es für sie oft nicht einfach, die wahren Hintergründe zu erkennen und entsprechend zu handeln. Die Gratwanderung zwischen Ignorieren und Sich-Einmischen ist für die Lehrperson oft schmal. Wie soll sie beispielsweise beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch eines Kindes reagieren?
Hinsehen, verschiedene Anzeichen wahrnehmen, notieren, sich mit anderen Lehrpersonen austauschen und mit einer Fachstelle Kontakt aufnehmen. Die aus einem sexuellen Missbrauch resultierenden Belastungen zeigen sich mehrfach und oft parallel in körperlichen wie seelischen Symptomen. Wenn ein Missbrauch in der Schule bekannt wird, sollte mit den am Rande betroffenen Kindern eine geschützte Aufarbeitung des Vorfalls (ohne Anwesenheit von Opfer und Täter) vorgenommen werden. Es ist empfehlenswert, dafür eine psychologisch oder heilpädagogisch geschulte Fachperson beizuziehen. Die strafrechtliche Aufarbeitung des Missbrauchs ist sowohl für den Täter wie auch für das Opfer von grosser Wichtigkeit. Die Härte der Strafe spielt dabei eine kleinere Rolle als ein inhaltlich klares Urteil, das in aller Deutlichkeit die Tat verurteilt. Opfer haben das Recht, sich bei Befragungen schützen und begleiten zu lassen. Davon sollten sie von Beginn einer Untersuchung an Gebrauch machen.
Ein weiteres wichtiges Feld für Lehrpersonen ist die Präventionsarbeit. Zur Prävention von sexueller Gewalt existieren sehr viele Konzepte. In der Regel stellen diese die Stärkung des Opfers ins Zentrum. Man beabsichtigt dabei, die Widerstandskräfte der Schülerinnen und Schüler durch Stärkung ihrer Persönlichkeit zu optimieren. Die Kinder sollen lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, Nein zu sagen, wenn ihnen etwas aufgezwungen wird, und eigenes Unbehagen gegenüber vertrauten Personen mitzuteilen.
Wie soll sich die Schule bei einem konkreten Missbrauchsvorfall gegenüber den Medien verhalten?
Medienorientierungen sollten äusserst zurückhaltend gewährt werden. Keinesfalls sollten Details über den konkreten Vorfall weitergegeben werden. Sinnvoll wären allenfalls Informationen über psychologisches Hintergrundwissen und über Möglichkeiten zur Prävention sexuellen Missbrauchs.
Bei einem öffentlich bekannt gewordenen Missbrauch sollte die Schule die Eltern der betroffenen Klasse in geschütztem Rahmen informieren. Zu diesem Informationsanlass sollte eine psychologisch kompetente Fachperson beigezogen werden.
Verschiedene Vorfälle der letzten Zeit zeigen, wie wichtig es für eine Schule ist, sich auf mögliche Krisen vorzubereiten, die Verantwortlichkeiten zu klären und Notfallszenarien zu erarbeiten.
Der «KrisenKompass» sowie die begleitenden Kursangebote unterstützen die Schulen dabei.
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