Raus aus dem Schneckenhaus!
Rahel Campagnola-Knellwolf
Der erste Schultag mit meiner neuen 1. Klasse. Aufgeregt und etwas schüchtern betreten die Kinder das Klassenzimmer und suchen ihren Platz. Die Eltern stellen sich hinter ihre Sprösslinge. Ein Mädchen versteckt sich hinter seiner Mutter. Es will sich nicht setzen. Je mehr ich mich um das Mädchen kümmere, desto verschlossener reagiert es. Vor der grossen Pause verabschiede ich die Eltern. Die Kinder sollen nach der Pause alleine wieder in den Unterricht kommen. Das Mädchen klammert sich an seine Mutter, lässt sie nicht gehen und weint. Wieder versuche ich, ihm gut zuzureden, ohne Erfolg. Es zieht sich sofort in sein Schneckenhaus zurück. So geht das einige Tage weiter. Die Mutter sitzt im Gang vor dem Schulzimmer. Nur so bleibt das Mädchen im Unterricht. Es kontrolliert immer wieder, ob die Mutter noch da ist.
Nach etwa einer Woche muss die Mutter nicht mehr vor der Schulzimmertüre warten. Sie begleitet das Mädchen noch bis ins Schulzimmer und kann dann wieder gehen. Wenn die Mutter aber nicht pünktlich zum Schulschluss vor der Türe wartet, gerät das Mädchen in Panik. So geht das einige Wochen weiter. Dann begleitet die Mutter ihr Kind nur noch bis zum Schulhaus und holt es auch wieder dort ab. Irgendwann macht sich das Mädchen mit seinen Schulkameradinnen, aber ohne die Mutter, auf den Weg und geht auch ohne Begleitung von Erwachsenen wieder nach Hause. Nun ist die Angst überwunden, das Vertrauen in kleinen Schritten aufgebaut. Das Mädchen ist langsam aus dem Schneckenhaus rausgekrochen.
Diese Situation hat sich zum Guten gewendet. Doch nicht immer lassen sich Ängste so leicht überwinden. Einige Kinder leiden so stark, dass die Angst nicht von selbst verschwindet. Sie haben Bauch- oder Kopfschmerzen, lassen sich viele Dinge einfallen, weshalb sie heute nicht in die Schule gehen können. Laut einer, bisher unveröffentlichten, Studie des ehemaligen Präsidenten der Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Patrick Haemmerle, leiden zehn Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Schweiz an Ängsten. Der grösste Teil davon sind schulbezogene Ängste. Angst vor Misserfolgen und Versagen, aber auch vor den sozialen Herausforderungen der Schule. Angst, sich von der Mutter zu trennen, oder Angst vor Neuerungen. Diese Ängste sind lernhemmend und wirken sich negativ auf die Schulleistungen der Schülerinnen und Schüler aus.
Wie kann Unterricht angst-ärmer oder vertrauensbildender werden? Wie kann die Schule fordern, ohne Angst zu erzeugen? Wie lernen Schülerinnen und Schüler, der Angst produktiv zu begegnen? Hier sind die Lehrpersonen gefordert. Aus meiner Sicht ist es eine Gratwanderung zwischen Abwarten und indirektem oder direktem Handeln. In gewissen Situationen sollten Lehrpersonen den Ängsten ihrer Schülerinnen und Schüler Zeit lassen und Vertrauen in den Prozess haben. Als Lehrperson ist es wichtig, Geduld zu zeigen, Rituale zu pflegen, die Gemeinschaft zu fördern und in eine angstfreie Atmosphäre im Klassenzimmer zu investieren. Dazu gehört auch, die einzelnen Kinder positiv zu stärken und Schwächen zuzulassen. Wichtig ist sicher der Kontakt zu den Eltern, um gemeinsam Lösungen zu suchen. Das Kind kann besser Vertrauen aufbauen, wenn es spürt, dass Eltern und Lehrpersonen am gleichen Strick ziehen. In anderen Situationen ist es angebracht, die Schülerin oder den Schüler mit den Ängsten zu konfrontieren und eventuell Hilfe von Fachpersonen anzufordern.
In dieser Ausgabe betrachten wir aus verschiedenen Perspektiven, wie das Thema «Angst abbauen – Vertrauen aufbauen» in der Schule angegangen wird. Bestimmt regt Sie der eine oder andere Beitrag zum Nachdenken an.
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