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Gemeinsam stark

Daniel H. FriedrichDaniel H. Friedrich

So richtig einsam gefühlt habe ich mich vor Jahren bei folgendem Ereignis:

Das Hotel und Restaurant aus dem Familienbesitz meiner Frau hätte liquidiert, geräumt und geputzt werden müssen. Der langjährige Pächter hatte sein Geld wegen seiner Spielsucht verloren und ging mit dem Gasthof Konkurs. Zum Aufräumen und Putzen hatte er kein Geld und keine Lust mehr. Die Situation war sehr schwierig.

Die angefragten Putzinstitute offerierten ihre Räum- und Putzdienste für fünfstellige Beträge, und dafür war definitiv kein Geld vorhanden. Was machen? Per E-Mail und Telefon wandte ich mich in meiner Verzweiflung an einem Donnerstagabend an meine Freunde, Bekannten und Verwandten mit der Bitte, mir mitzuteilen, ob sie ihre Arbeitskraft in der nächsten Woche eine oder mehrere Stunden zum Räumen und Putzen zur Verfügung stellen könnten. Ich konnte kurzfristig eine Woche Ferien nehmen und begann mit der Planung der Krisenintervention.

Die Putzaktion startete am Montag darauf um acht Uhr. Die erste Person, die zum Putzeimer griff, war meine Mutter, und von da an riss der Strom der Hilfeleistungen nicht mehr ab. Über 150 Personen meldeten sich für kleine und grosse, kurze und lange und teilweise gar für mehrmalige Einsätze. Ich durfte koordinieren, Reinigungsgeräte und Putzmittel beschaffen und den Abtransport des riesigen Unrats organisieren. Ganze Wagenladungen Müll transportierte uns ein benachbarter Bauer mit seinem Traktor und dem Ladewagen jeden Tag gratis zur Abfalldeponie.

Meine Verwandten, Bekannten und Freunde überboten sich mit Unterstützungsideen. Eine in der Nähe wohnende Freundin durfte ich jeweils morgens um zehn Uhr anrufen und ihr mitteilen, wie viele Personen zum Mittagessen kommen würden. Dem Angebot folgten viele, und so hatten wir jeden Mittag ein kleines Happening. Das Gefühl der Gemeinsamkeit wurde durch die Tat­sache noch gestärkt, dass man konkret jemandem helfen konnte. Gemeinsam spürten wir, dass die Aufgabe lösbar wurde. Dieses Gefühl beflügelte die Hilfeleistungen.

Mein grösstes Problem bestand darin, all die Hilfeleistungen annehmen zu können. Viele spürten mein Dilemma und stellten deshalb vor Arbeitsbeginn die Bedingung, dass der Arbeitseinsatz nicht entschädigt, sondern einfach angenommen würde.

Gemeinsam gelang die Putzaktion und der Gasthof konnte termingerecht einem neuen Pächter übergeben werden.

Vielleicht, liebe Leserin, lieber Leser, fragen Sie sich nun, was die oben geschilderte Begebenheit mit Lehren und Lernen zu tun hat? Sehr viel, meine ich.

In vorliegendem Heft beschäftigen wir uns mit Fragen, wie den folgenden:

Wie lehrt und lernt man «Hilfe suchen», «Hilfe leisten», «Hilfe annehmen», «zusammen arbeiten» – aber auch «selbstständig sein»?

Daniel Friedrich
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