Kinder unterstützen Kinder
Kleine Helfer in der Basisstufe
Im Dissertationsprojekt KuK (Kinder unterstützen Kinder) wurden 430 lernbezogene Hilfestellungen von 80 Kindern aus Basisstufenklassen des Kantons Bern protokolliert und ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass Situationen, in denen sich Kinder gegenseitig in ihrem Lernen unterstützen, keine singulären Ereignisse sind.
Sabine Campana Schleusener: Dozentin Pädagogik der Eingangsstufe und stufenspezische Schulentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Institut Vorschul-/Unterstufe, Brugg
Die beobachteten Kinder der Basisstufenklassen waren durchschnittlich jeweils an über fünf Hilfe-Interaktionen pro Unterrichtsmorgen beteiligt. Es kann also davon ausgegangen werden, dass in einer Basisstufenklasse an einem Unterrichtsmorgen über 50-mal Hilfe geleistet wird. Solche lernbezogenen Interaktionen sind für das soziale als auch für das kognitive Lernen der Kinder zentral. Studien haben gezeigt, dass beim Miteinander-Lernen sowohl das helfende als auch das Hilfe empfangende Kind von einer Hilfe-Interaktion profitieren können.1
Aus entwicklungspsychologischer Sicht entwickeln sich im Alter rund um den Schuleintritt wichtige Kompetenzen, die effiziente Hilfestellungen erst möglich machen.2 Bei der Förderung dieser Kompetenzen und der Begleitung hin zu qualitativ guten Hilfestellungen spielt die Lehrperson eine entscheidende Rolle. Wenn Kinder voneinander lernen, wird diese nämlich nicht überflüssig, sondern besetzt im Gegenteil eine äusserst wichtige Position. Sie kann einerseits Einfluss nehmen über die didaktische Gestaltung und die Begleitung der aktuellen Situation und andererseits kann sie die Ausgestaltung einer Helferkultur nachhaltig beeinflussen. Folgende Punkte sind Vorschläge, wie die Lehrperson Hilfe-Interaktionen in der Situation kompetent initiieren und begleiten kann:
- Das helfende Kind profitiert vor allem dann von einer Hilfe-Interaktion, wenn seine Erklärungen eine Reflexion des eigenen Lernprozesses beinhalten und metakognitive Prozesse verbalisiert werden.3 Gerade für Schulanfänger ist es noch sehr schwer, über das eigene Lernen zu reflektieren und dies zu verbalisieren.4 Die Förderung dieser Kompetenzen ist zentral, weil sie über den zukünftigen Schulerfolg mitbestimmen5. Die Kinder können unterstützt werden, indem die Lehrperson rückfragt, welche Schritte zur Lösung geführt haben. Gemeinsam über Lernprozesse nachdenken, Vokabular aufbauen, seine Leistung selbst einschätzen lernen sind Elemente, die immer wieder in den Unterrichtsalltag integriert werden können.
- Hilfe geben und nehmen muss geübt werden. Dafür eignen sich besonders offene Unterrichtsformen und offene Aufgabestellungen, die je nach Leistungsniveau bearbeitet werden können. In heterogen zusammengesetzten Lern- und Arbeitsgruppen können die Kinder ihre individuellen Stärken einbringen. Müssen die Kinder zudem gemeinsam ein Produkt herstellen oder an einem gemeinsamen Inhalt arbeiten, verbindet das geteilte Ziel die individuellen Beiträge und regt zu Interaktionen an6.
- Regeln zur Partner- oder Gruppenarbeit (z.B. «Ich lasse die andern überlegen, bevor ich helfe» oder «Ich frage zuerst die andern, was sie denken») können helfen, ein Verhalten zu entwickeln, welches das eigene und das fremde Lernen nachhaltig fördert. Solche Regeln können zunächst mit Hilfe von Merkkarten, als geschriebene Sätze oder Piktogramme, im Schulzimmer sichtbar gemacht und so besser erinnert werden. Beobachtet die Lehrperson während des Unterrichts eine Hilfe-Interaktion, kann diese gleich im Anschluss mit den Betroffenen oder am Ende des Unterrichtsmorgens mit allen Kindern besprochen werden und es können allenfalls Handlungsalternativen gesucht werden. Zudem lassen sich gute Hilfestellungen im Rollenspiel üben. Daneben unterstützt die Lehrperson die Kinder, wenn sie alleine nicht weiterkommen, und sie verantwortet die sachliche Korrektheit der Problemlösung. Nicht zu unterschätzen ist ihre Rolle als Verhaltensmodell. Sie ist bei der Gestaltung von Hilfe ein wichtiges Vorbild für die Kinder.
Aber nicht nur die Gestaltung der konkreten Unterrichtssituation und die situative Begleitung durch die Lehrperson sind wichtig. Im Projekt KuK wurde deutlich, dass der Etablierung einer Unterrichtskultur, in der das Helfen einen selbstverständlichen Platz einnimmt, eine hohe Bedeutung zukommt. Folgende Vorschläge dienen zur Gestaltung einer Helferkultur im Unterricht:
- Jemanden um Hilfe zu bitten, setzt Vertrauen in sich selbst und die Mitschülerinnen und Mitschüler voraus. Studien haben gezeigt, dass es Kindern mit einem eher negativen Selbstbild bezüglich sozialer und schulischer Kompetenzen oft schwerfällt, um Hilfe zu bitten und bei Unklarheiten nachzufragen.7 Ein positives Klassenklima und eine Haltung, wonach individuelle Stärken und Schwächen selbstverständlich sind, helfen, diese Ängste zu überwinden.
- In Klassen, in denen die Lehrperson ihre Rückmeldungen stark in Bezug auf eine individuelle Bezugsnorm formuliert («Da hast du aber grosse Fortschritte gemacht seit der letzten Woche»), sind die Lernmotivation und die Hilfsbereitschaft der Kinder deutlich höher als in Klassen, in denen die Lehrperson vor allem soziale Vergleiche anstellt («Wenn du dich nicht sputest, dann kommst du in der Klasse nicht mehr mit»).8 Individuelle Rückmeldungen stärken zudem das Selbstvertrauen, das wiederum für das Anbieten von Hilfe und für das Bitten um Hilfe notwendig ist.
- Ein Patensystem kann Kindern den Zugang zu Hilfen erleichtern. Insbesondere in altersgemischten Klassen bietet sich ein solches System an. Werden Partner- oder Gruppenarbeiten über eine gewisse Zeit in derselben Zusammensetzung vollzogen, können sich soziale Prozesse entwickeln, die bei nur vorübergehend zusammenarbeitenden Gruppen nicht zustande kommen können.
- Die Lehrperson muss Hilfestellungen zulassen. Im Projekt KuK wurde an verschiedenen Situationen deutlich, dass dies nicht immer einfach ist und tradierte Vorstellungen wie «Jeder Schüler schaut für sich» oft noch in den Köpfen der Lehrpersonen herumgeistern. Hilfestellungen zulassen heisst auch, bei Fragen oder Unklarheiten sich selbst als Lehrperson zurückzunehmen und die Hilfeleistung an ein anderes Kind zu delegieren. Kinder mögen anders helfen als Erwachsene. Das heisst nicht, dass sie es schlechter tun. Piaget räumt der Interaktion mit Gleichaltrigen ein besonders hohes Lernpotenzial ein, da die Kinder die Meinung von Erwachsenen meist übernehmen, ohne sie zu hinterfragen, während sie sich mit Lösungsvorschlägen von Mitlernenden viel kritischer und reflektierter auseinandersetzen.9
Kinder helfen einander oft und gerne. Hilfe erhalten und Hilfe geben fördert das Lernen und stärkt Selbstvertrauen und Lernmotivation. Es scheint deshalb angebracht, sich als Lehrperson zu überlegen, wie diese Hilfestellungen quantitativ und qualitativ gefördert werden können. Die genannten Punkte sind als Gedankenanstösse gedacht und nicht abschliessend. Sie gelten auch nicht nur für die Schuleingangsphase. Es kann angenommen werden, dass Kinder überall dort voneinander lernen, wo Individuen mit unterschiedlichen Interessen, Leistungsvoraussetzungen oder sozioökonomischen Hintergründen zusammenkommen. Nutzen wir diese Heterogenität als echte Chance!
-
Cohen, P., Kulik, J., & Kulik, C. (1982). Educational outcomes of tutoring: A meta-analysis of findings. American Educational Research Journal, 19, 237–248. ↩
-
Hasselhorn, M. (2005). Lernen im Altersbereich zwischen 4 und 8 Jahren: Individuelle Voraussetzungen, Entwicklungsbesonderheiten, Diagnostik und Förderung. In T. Guldimann & B. Hauser (Eds.), Bildung 4- bis 8-jähriger Kinder (pp. 77–88). Münster: Waxmann. ↩
-
Webb, N. M., & Mastergeorge, A. M.(2003). The Development of Students’ Helping Behavior and Learning in Peer-Directed Small Groups. Cognition and Instruction, 21(4), 361–428. ↩
-
Hottinger, U., & Rüfenacht, I. (2008). Die Förderung von Metakognition und eigenständigem Lernen bei 4- bis 8-Jährigen. Unpublished manuscript, Solothurn. ↩
-
Annevirta, T., Laakkonen, E., Kinnunen, R., & Vauras, M. (2007). Developmental dynamics of metacognitive knowledge and text comprehension skills in the first primary school years. Metacognition and Learnin, 2(1), 21–39. ↩
-
Feuser, G. (1998). Gemeinsames Lernen am gemeinsamen Gegenstand. Didaktisches Fundamentum einer Allgemeinen (integrativen) Pädagogik. In A. Hildeschmidt & I. Schnell (Eds.), Integrationspädagogik. Auf dem Weg zu einer Schule für alle (pp. 19–35). Weinheim, München: Juventa. ↩
-
Webb, N. M., & Mastergeorge, A. M.(2003). The Development of Students’ Helping Behavior and Learning in Peer-Directed Small Groups. Cognition and Instruction, 21(4), 361–428. ↩
-
Rheinberg, F., & Krug, S. (2005). Motivationsförderung im Schulalltag: psychologische Grundlagen und praktische Durchführung. Göttingen: Hogrefe. ↩
-
Piaget, J. (1975). Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde. Gesammelte Werke 1. Stuttgart: Klett. ↩
| Anhang | Größe |
|---|---|
| Artikel als PDF herunterladen | 493.84 KB |
| Ausschnitte aus «Eingangsstufe» | 464.63 KB |



