Eine Produktion von schulverlag blmv AG

Gemeinsames Wissen stärkt eine Gemeinschaft

Wissen austauschen ist Wissen aufbauen

Am Thema «Wolf» lernen 3.-Klässlerinnen und 3.-Klässler, Fragen stellen und Fragen klären, Texte verfassen, sie lernen diskutieren und vortragen. Und erfahren unter der Anleitung einer sprachbewussten Lehrperson, wie eine Gemeinschaft durch das gemeinsame Wissen stärker wird.

Die Schulanlage an der Ahornstrasse in Zürich Schwamendingen besteht aus mehreren Gebäuden. Beim oberen Pausenplatz steht ein Pavillon. Aus dem mittleren Zimmer ertönt froher Kindergesang. Bea Maropoulos hat die 3. Klasse vorne im Schulzimmer versammelt.

1

Nachdem das Morgenlied verklungen ist, verschränkt die Lehrerin die Arme. Auf dieses Zeichen hin wird es still und alle hören zu. Bea Maropoulos stellt anhand eines Posters das Morgenprogramm vor. Als Ers­tes Hausaufgabenkontrolle in den Lernpartnerschaften. Dann drei Aufträge zum Thema «Wolf»: In den Diskussionsgruppen Fragen besprechen; Das persönliche Wissen aufbereiten im «Reisetagebuch»; In der Werkstatt arbeiten.

2

Shams und Bevlyne vergleichen ihre Hausaufgaben. Sie sind sich überall einig; das ist ein gutes Zeichen. Shams und Bevlyne melden es der Lehrerin. In der kurzen Teamphase wird routiniert gearbeitet. Die Zielsetzungen sind klar, die Abläufe eintrainiert. Die Lernpartnerschaften wechseln ca. alle drei Wochen. Wer wollte, konnte zusätzlich zu den obligatorischen Hausaufgaben eine Geschichte schreiben.

3

Die beiden Fragen an der Wandtafel sollen in sechs Diskussionsgruppen besprochen werden. Zur zweiten sollen Stichwörter festgehalten werden. Die Lehrerin klärt ab, ob alle wissen, was «Stichwörter» sind. Auf die Frage «Wo bist du dem Wolf schon begegnet?» finden sich in den Gruppen rasch Antworten. Im Zoo, im Museum, in Büchern, in Geschichten, im Traum. «Im Tessin könnte man ihm begegnen», sagt ein Knabe.

4

Roberto, Shams und Mariana tragen zusammen, was sie vom Wolf schon wissen – von zu Hause, vom Fernsehen oder aus anderen Quellen. Mariana notiert. Der Wolf hat scharfe Zähne. Wölfe sind sehr klug. Wölfe jagen im Rudel; sie umzingeln ihre Beute. «Aber nur der Chef bekommt das grösste Teil», ergänzt Shams. Leute töten Wölfe, weil sie Angst haben. Und weil der Wolf Schafe frisst.

5

Bea Maropoulos geht von Gruppe zu Gruppe, hört zu, beantwortet Fragen. «War der Wolf schon einmal ganz ausgerottet?» Wenn interessante Begriffe auftauchen, hakt die Lehrerin nach. «Alphawolf – das kennt ihr vom Alphabet. Alpha ist der erste Buchstabe. Der Alphawolf ist das Leittier.» – «Bei den Affen heisst das Leittier Silberrücken», weiss Meret.

6

Die Gruppenleiterinnen/-leiter referieren mithilfe ihrer Stichwörter. Andere aus der Gruppe ergänzen. Ekin berichtet: «Dario ist im Wald einem Wolf begegnet.» – «Das war ein Fuchs», korrigiert Dario, «aber die sind ja verwandt.» Aus der Gruppe «Gartentür» wird berichtet: «Wölfe markieren ihr Revier mit Urin.» – «Revier?», fragt die Lehrerin. «Wir haben unser Schulrevier», sagt jemand. «Ja, und euer Diskussionsrevier», ergänzt Bea Maropoulos.

7

In der nun folgenden stillen Phase soll die reiche Ernte an Informationen schriftlich festgehalten werden. Den gelben Zettel mit den Leitfragen kleben die Kinder ins Reise­tagebuch. Während die Mädchen und Knaben einzeln arbeiten, geht die Lehrerin von Pult zu Pult und wirft nochmals einen Blick auf die Hausaufgaben. Da und dort beantwortet sie auch Fragen, die beim Hefteintrag auftauchen.

8

Fragen zur Rechtschreibung können die Kinder selber klären. Dazu dient das Wörterbuch. Elisa weiss nicht, wie man «verwandt» schreibt. Sie schlägt es nach. Ein anderes schwieriges Wort ist «gefährlich». Natürlich schreiben die 3.-Klässlerinnen/-klässler noch lange nicht fehlerfrei. Aber sie gehen souverän mit der Rechtschreibung um.

9

Überhaupt fällt der grosse Wortschatz der Kinder auf. Dazu trägt auch die Wortschatzkiste bei. Jedes Kind hat eine Schachtel gebastelt. Wenn es auf ein interessantes Wort trifft, schreibt es dieses auf einen Zettel und legt es in die Wortschatzkiste. «Urplötzlich» steht auf einem Zettel. Wörter sammeln macht Spass. Carmen sammelt im Reise­tagebuch Wolfswörter.

10

Auch das reiche Sachwissen fällt auf. Bea Maropoulos lässt keine Gelegenheit aus, Wissen von Einzelnen allen zugänglich zu machen. Die Beiträge der Schülerinnen und Schüler ergänzt und vernetzt sie. «Der Wolf wandert von Italien ein», sagt ein Kind. Auf der Landkarte zeigt die Lehrerin, wo Italien ist und wo die Schweiz.

11

Im Reisetagebuch wird längst nicht nur geschrieben. – Und noch viel anderes hat Platz in diesem Unterricht: Einmal klopft es. Die Sozialarbeiterin schaut herein. Dedekan kennt Frau Merz bereits. Darum darf er sie der Klasse vorstellen. Die Lehrerin zeigt ihm die dazu passende Geste. Ein anderer Knabe darf auch noch üben, wie man das macht.

12

Im Klassenverband werden unter der Leitung von Bea Maropoulos die in der stillen Phase aufgetauchten Ideen ausgetauscht und weiterverfolgt. Da ist auch Platz für ein Buchstabenrätsel. Für die Wölfin gibt es einen Fachausdruck mit vier Buchstaben: _ _ _ _. Die Kinder raten Buchstaben. Die passenden trägt die Lehrerin ein: _ _ _e; F_ _e; … Und nach der Fähe bekommt der Rüde sein Rätsel.

13

Vyshinave liest aus ihrem Reisetagebuch vor. Nach ihr kommen andere Mädchen und Knaben dran. Auch das ist immer eine Gelegenheit, das persönliche Wissen weiterzuentwickeln. Etwa beim Vergleich Wolf/Hund. Hunde jaulen, Wölfe heulen. Hunde bekommen zweimal pro Jahr Junge, Wölfe nur einmal.

14

Mit einem Wolfsspiel endet die Gemeinschaftsphase. Eine Gruppe spielt ein Wolfsrudel beim Jagen. Die anderen beobachten – Welches ist der Leitwolf? Woran erkennt man ihn? – und testen so ihre Erkenntnisse aus vorangehenden Lernphasen.

Für den Rest des Morgens arbeiten die 3.-Klässlerinnen/-klässler in der «Wolfswerkstatt». Wie der Sprachunterricht in der ersten Morgenhälfte zugleich Sachunterricht war, dient der folgende Sachunterricht auch der Sprachschulung. Und wiederum geht es darum, das persönliche Wissen zu erweitern und mit anderen zu teilen. So erfahren die 22 Mädchen und Knaben mit den 17 verschiedenen Muttersprachen, wie wichtig eine gemeinsame Sprache für den Aufbau des eigenen Wissens ist. Und intuitiv merken die Kinder, wie aus gemeinsamem Wissen eine Kultur wird.

Werner Jundt
AnhangGröße
Artikel als PDF herunterladen381.53 KB
Themengebiete / Rubrik:
schulverlag blmv AG