«Nachhalltiges» Lernen
Therese GrossmannDer Begriff «nachhaltig» ist heute in aller Leute Munde. Selbst die Magazine der Grossverteiler widmen ihm ganze Nummern. Ich habe im Freundeskreis und in der Nachbarschaft nachgefragt, welche Vorstellungen das Wort «nachhaltig» auslöst. Madeleine denkt an die Liste am Kühlschrank mit den Namen der Fische, die sie nicht mehr kaufen will. Ihr Sohn Milos zeigt mir seine riesige Stickersammlung mit Tieren und Pflanzen: «Schau mal, das ist die falsche Stabschrecke, die habe ich schon zehnfach, die muss man schützen, sonst stirbt sie aus.» Wenn Pia und Beni «nachhaltig» hören, regt sich ihr schlechtes Gewissen. Obschon sie mit leuchtenden Augen von ihren Ferienplänen erzählen: «Wir gönnen uns zwei Wochen auf den Malediven, an einem der Traumstrände! Ja, wir wissen es, nachhaltig wäre anders.» Diese Vorstellungen von «nachhaltig» sind vielfältig, und doch haben sie eine gemeinsame Ausrichtung: Sie beziehen sich auf die Erde als Lebensraum, auf ihr Überdauern trotz unserer Nutzung. In Bezug auf «Nachhaltige Entwicklung» ist hier die Erziehung zur Nachhaltigkeit der Lerninhalt.
Wenn wir nun diese Nummer dem nachhaltigen Lernen widmen, wird ein anderer Aspekt ins Zentrum gestellt, die Nachhaltigkeit des Lernprozesses selbst. Wir meinen damit Lernen, das nachhallt, «nachhalltiges» Lernen eben. Lernen, das auf Dauer ausgerichtet ist, das noch lange wirksam und verfügbar ist und in neuen Situationen immer wieder Lernen ermöglicht.
In den Erinnerungen an meine Schulzeit tauchen auch Gegenbeispiele auf: Wie oft hat der Wecker morgens früher als sonst geklingelt, weil ich für den anstehenden Test an diesem Morgen unbedingt noch büffeln musste, zum Beispiel chemische Formeln, lateinische Pluralbildungen oder die Venndiagramme. Es waren Dinge, die mir buchstäblich nicht in den Kopf wollten und auch schnell wieder vergessen gingen. Blutleere Dinge, die mit mir wenig zu tun hatten, ausser dass davon meine Note abhing. Wie viel Zeit wird wohl insgesamt während einer Schullaufbahn in dieses oberflächliche Lernen investiert, das so rasch wieder zum Vergessen führt? «Nachhalltiges» Lernen ist dies nicht. Fastfood-Lernen eher.
Lernen, das nachhallt, hat mit der Nachhaltigkeit des Lernverhaltens und der Lernergebnisse zu tun. Ingeborg Schüssler geht in ihrem Artikel der Frage nach, welches die Voraussetzungen und Bedingungen dafür sind, dass Menschen nachhaltig lernen. Zum Beispiel wenn sie die Möglichkeit haben, den Lernprozess selbst zu steuern und Verantwortung dafür zu übernehmen. Ob die Schule überhaupt einen wesentlichen Einfluss auf die Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler hat, hinterfragt Werner Jundt in seiner Geschichte vom Klempner Erwin: Erwin lernt immer dann, wenn er es als sinnvoll erachtet. Ohne Schule, ohne Didaktik.
Ich habe in der Schule gelernt, etwas zu hinterfragen. In derselben Schule, wo manchmal frühmorgens der Wecker klingelte, wenn ein Test über Daten und Formeln anstand. Im Geschichtsunterricht lud unser Lehrer immer wieder Menschen aus der Politik ein, die pointierte Meinungen vertraten. Zum Beispiel den jungen Mann, der im Berner Münster an einem Hungerstreik teilnahm, um auf die wirtschaftliche Situation in der Dritten Welt aufmerksam zu machen. In diesen Diskussionen hat sich in mir die Bereitschaft entwickelt, kontroverse Aspekte wahrzunehmen. Ebenso die Fähigkeit, Thesen aus unterschiedlichen Perspektiven zu denken. Wie in dieser Nummer die These der schulischen Ermöglichungsdidaktik für nachhaltiges Lernen.
Möge der eine und andere Artikel bei Ihnen nachhallen!



