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Blick in ein Erstklasszimmer

Schritt für Schritt

1.-Klässler lernen in den ersten Wochen in der Schule erstaunlich viel. Nicht nur Inhalte, sondern auch Abläufe und Regeln, die nachhaltig für die ganze Schullaufbahn wirken sollen.

Im Schulzimmer der 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler im Schulhaus Schönenwegen in St. Gallen ist der Platz knapp. Ingesamt 13 Pulte für 25 Schülerinnen und Schüler stehen im Raum. An diesem Nachmittag erscheinen nur die 13 Kinder der Gruppe «Blüemli» zum Unterricht.

Als die Schulglocke zum ersten Mal läutet, rennen oder gehen die Kinder in das Schulhaus. Sie ziehen selbstverständlich ihre Jacken aus und tauschen ihre Schuhe gegen die Finken aus ihrem Finkensack. Nachdem sie Nadine Bolt, die Lehrperson, begrüsst haben, setzen sich viele direkt an ihr Pult, zeichnen etwas in das Zeichnungsheft oder schwatzen mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, einige raufen sich draussen im Gang. Nadine Bolt ermahnt die Kämpfer, ins Schulzimmer zu kommen. Dann ertönt die Glocke zum zweiten Mal. Das Zeichen, dass der Unterricht beginnt. Alle Kinder der Halbklasse «Blüemli» sitzen jetzt an ihrem Platz. Die Lehrperson beginnt zu sprechen. Schnell wird es ruhig in den Bankreihen. Die meisten Kinder schauen die Lehrperson an und hören ihr zu.

Nadine Bolt: «Dass die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler zum Unterrichtsbeginn bereit sind, bedingt einen Lernprozess. Diesen bespreche ich mit den Kindern in der ersten Schulwoche. Die Zeitspanne vom ersten Läuten bis zum eigentlichen Schulbeginn beträgt zehn Minuten, Zeit, im Schulzimmer anzukommen. Diese Zeitspanne müssen die Kinder einteilen lernen, um beim zweiten Läuten startklar zu sein. Einige malen, lesen oder spielen, andere trinken Wasser oder schwatzen. Meist klappt das relativ schnell und nachhaltig. Wenn ein Kind zu spät kommt oder nicht aufmerksam ist, fordere ich es auf, sich wieder an die Regel zu halten. Oft hilft es auch, wenn ich die Schülerinnen und Schüler, die schon bereit sind, als positive Beispiele nenne.»

Jetzt erhalten die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler den ersten Auftrag. «Holt die drei Blätter der Herbstgeschichte aus der Mappe, legt sie auf das Pult und ordnet sie nach den Zahlen 1–3», fordert Nadine Bolt. Die meisten führen den Auftrag ohne Probleme aus. Einige finden die Blätter nicht, andere haben Mühe mit dem Sortieren. Die Lehrerin geht zu den einzelnen Kindern, hilft beim Suchen und Sortieren. Nach einiger Zeit sind alle bereit. «Der Finger soll immer beim Wort sein, das gelesen wird», sagt die Lehrerin. Die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler beginnen zu lesen. Eine Schülerin ermahnt zwischendurch ihren Banknachbar, den Finger auf das Blatt zu halten. Ein Schüler geht zu seinem Mitschüler, als der nicht weiss, wo er weiterlesen muss. Nadine Bolt weist ihn an, wieder an seinen Platz zu sitzen.

«In den ersten Wochen der 1. Klasse unterrichte ich sehr geführt. Die Zeit ist intensiv, und ich rede enorm viel. Um etwas Neues einzuführen, arbeite ich mit den 25 Kindern oft im Frontalunterricht mit Vorzeigen und Nachahmen. Es ist immer wieder ein Abwägen und Ausprobieren und sehr individuell, was und wie viel ich schon voraussetzen kann. Etwa im zweiten Quartal beginne ich jeweils, Posten- und Werkstattunterricht einzuführen. Worauf ich während der ganzen Unterstufenzeit sehr hinarbeite, ist das Thema «Hilfe holen». Ich stelle von Beginn weg Hilfsmaterial z. B. «Bätzli» zum Rechnen oder einen Leseschieber zur Verfügung. Zuerst gebe ich das Material einzelnen Schülerinnen und Schülern, bei denen ich merke, dass sie es brauchen. In einem nächsten Schritt weise ich im Plenum darauf hin, dass die Kinder das Hilfsmaterial benützen können. Das eigentliche Ziel ist dann erreicht, wenn die Kinder selbstständig Hilfe holen können.»

Die Geschichte ist gelesen. Nun müssen einige Wörter aus der Geschichte mit verschiedenen Farbstiften überschrieben werden. Die Lehrerin sagt: «Überschreibe auf der dritten Linie das Wort «FAHREN» mit dem hellgrünen Farbstift.» Jetzt kommt Unruhe auf. «Welches Wort? Welche Farbe?» Die Schülerinnen und Schüler schwatzen durcheinander. Nadine Bolt klatscht in die Hände, dann legt sie die Hände auf den Kopf. Nach und nach machen es ihr die Kinder nach. So entsteht wieder Ruhe. «Ihr müsst euch fest konzentrieren und gut zuhören. Der Mund bleibt geschlossen», fordert die Lehrperson und legt den Finger auf ihren Mund. Dann wiederholt sie den Auftrag. Die meisten schaffen es, die Wörter mit den richtigen Farben zu überschreiben. Einige benötigen Hilfe von der Lehrerin oder den Mitschülerinnen und Mitschülern.

«Es braucht Zeichen und Abmachungen, wie das Klatschen und die Hände auf den Kopf, damit ich wieder Ruhe und Aufmerksamkeit herstellen kann. Da muss ich mit viel Geduld auch einmal warten können, bis alle Kinder die Hände auf dem Kopf haben. Sonst nützt das Zeichen bald schon nichts mehr. Ich kann nur sehr wenig auf einmal erklären. Sobald einige überfordert sind, entsteht Unruhe. Manchmal zeichne oder schreibe ich einen Auftrag auf, zeige einen Ablauf vor. Ab und zu lasse ich etwas laufen, auch wenn ich es mir anders vorgestellt habe. Ich darf die Ziele nicht zu hoch setzen, manchmal muss ich auch flexibel reagieren können.»

«Ich muss das Vertrauen haben, dass ich die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich der Abläufe und Regeln dorthin bringe, wo ich sie gerne haben möchte. Es braucht aber immer wieder kleine Schritte und viel Geduld, um die Ziele zu erreichen.»

Nadine Bolt

Nach einiger Zeit wechselt die Arbeitsweise. «Wem ich mit den Augen zuzwinkere, der oder die geht ganz leise und auf den Zehenspitzen in den Kreis», verlangt Nadine Bolt und zeigt es gleich vor. Schon stehen zwei Kinder auf und laufen in den hinteren Teil des Schulzimmers zum Stuhlkreis. Die Lehrperson weist sie wieder an ihren Platz und erklärt es nochmals. Dann klappt es. Still treffen die Schülerinnen und Schüler im Stuhlkreis ein, und Nadine Bolt erklärt ein Rechenspiel. Sie bildet Zweiergruppen für das bevorstehende Spiel. Gespannt erfahren die Kinder, mit wem sie in der Gruppe spielen werden. Nach einiger Zeit sitzen die Gruppen an den Tischen und beginnen zu spielen. Intensiv würfeln, rechnen, diskutieren und spielen die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler miteinander.

«Im Moment arbeiten oder spielen die Kinder oft in Partnergruppen. Die Kinder sind sich gewöhnt, dass ich häufig die Gruppen bestimme. Ich schaue dann auf verschiedene Faktoren z. B. Leistungsstärke, Abwechslung, Harmonie. Spiele sind ein guter Lernmotivator. Gruppenarbeiten mit mehreren Kindern bedingen vorerst meine Hilfe. Manchmal arbeiten einige Kinder still an einem Auftrag am Platz, die anderen machen mit mir eine Arbeit im Kreis und dann wechseln wir ab.»

Kurz vor Schulschluss erklärt Nadine Bolt die Hausaufgaben. Die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler schreiben ihre Hausaufgaben von der Wandtafel in ihr Hausaufgabenheft ab. Wer damit fertig ist, muss der Lehrerin den Schulsack mit den eingepackten Hausaufgaben zeigen. Wer seine Sachen beisammen hat, verabschiedet sich von Nadine Bolt und verlässt das Schulzimmer.

«Zu Beginn der 1. Klasse haben wir jeweils gemeinsam die für die Hausaufgaben benötigten Materialien auf dem Pult ausgelegt, einen Zettel auf der entsprechenden Seite eingeklebt und das Bereitgelegte dann eingepackt. Jetzt schreiben die Kinder ihre Hausaufgaben auf und packen die Bücher und Hefte selbstständig in den Schulsack. Zur Kontrolle zeigen sie ihn mir. Ein weiterer Schritt ist dann, dass ich nur noch bei einzelnen Schülerinnen und Schülern, bei denen es noch nicht klappt, kontrollieren muss. Das Ziel ist es, dass es bei allen Kindern ohne Kontrolle funktioniert.

Ich muss das Vertrauen haben, dass ich die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich Abläufe und Regeln dorthin bringe, wo ich sie gerne haben möchte. Es braucht aber immer wieder kleine Schritte und viel Geduld, um die Ziele zu erreichen. Manchmal stagniert der Lernprozess, oder es klappt mal etwas überhaupt nicht. Dann probiere ich es später wieder, passe etwas an, oder ich versuche es auf andere Art und Weise. Kleine, aber nachhaltige Erfolge stellen sich schnell ein, da die 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler von Natur aus sehr zum Lernen bereit sind. Solche Erfolge ernte ich fast täglich, obwohl mir das nicht jeden Tag bewusst ist.»

So werden Schritt für Schritt im und um das Schulzimmer der 1.-Klässlerinnen und 1.-Klässler im Schulhaus Schönenwegen Abläufe und Regeln eingeführt und geübt. Für jetzt, aber auch für später.

Rahel Campagnola
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