Aufschlussreiche Forschungsresultate
Was bleibt? Und: Worauf kommt es an, dass «etwas» bleibt?
Marco AdaminaEs gibt bisher wenige Hinweise zu Fragen der «Nachhaltigkeit von Lernen» in einer zeitlich längerfristigen Anlage. Es gibt aber bereits viele Hinweise aus Untersuchungen dazu, wie Schülerinnen und Schüler ihre Vorstellungen und Konzepte entwickeln und welche Arrangements und Hilfen im Unterricht dabei das Lernen beeinflussen können.
«Was bleibt?» bezieht sich auf den Titel eines Artikels von Martin Wagenschein1, in welchem er der Frage nachgeht, was nach jahrelangem Unterricht in Physik bei Lernenden eigentlich übrigbleibt und weshalb so «wenig» in und über Physik verstanden wurde.
Erlerntes mit der Erlebniswelt verknüpfen
Kenntnisse und insbesondere auch Denk- und Handlungsweisen können nicht «auf die Schnelle» aufgebaut werden. Es braucht dafür Gelegenheiten, ein mehrmaliges Begegnen und Durchdringen, um «nachhaltig» zu sein – nachhaltig im Sinne von «auf Dauer» und «auf gründliches Verstehen» angelegt. Wagenschein hat dazu das Konzept des genetischen Lehrens geprägt. Dabei geht es um das Verknüpfen des Erlernten mit der erlebten und erfahrenen Wirklichkeit der Lernenden und die Förderung der Lernfähigkeit. Nachhaltiges Lernen hat demnach viel zu tun mit Verknüpfungen zu eigenen Erfahrungen, zum Vorwissen und zu eigenen Vorstellungen, aber auch mit Interessen und der individuellen Beimessung von Bedeutung. Entscheidend ist zudem die Hinwendung zu neuen Begegnungen mit Sachen und Situationen durch Fragen-stellen, durch Nachdenken, durch gemeinsames Klären, durch Erproben, Hantieren, «Durchdringen» und Verorten – aktiv entdeckend, angeleitet und eigenständig!
In einem Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu Themen von Raum, Zeit und Geschichte in der Primarstufe2 konnten wir der Frage nachgehen, welches Vorwissen Schülerinnen und Schüler zu bestimmten Bereichen haben, was sie darüber denken und wie ihre Vorstellungen geprägt wurden.
Vorstellungen entstehen
Wenn Schülerinnen und Schüler zum Beispiel darüber berichten, wie sie sich das Leben in früheren Zeiten oder Lebenssituationen von Menschen in fernen Gebieten der Erde vorstellen, kommt deutlich zum Ausdruck, dass ihre Vorstellungen sich zusammensetzen aus einer Vielzahl von Eindrücken und Einsichten, aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungen, aus Berichten, Bildern, Filmen, Büchern usw. Es sind Erkenntnisquellen, die vor allem auch von ausserhalb des Unterrichts stammen. Ihre Vorstellungen sind durch die individuelle Beimessung von Bedeutung und durch eigene Ideen und Phantasien geprägt; dadurch entstehen eigene Konstruktionen und Konzepte.
Diese Konzepte bilden zentrale Ausgangsbedingungen für das weitere Lernen im Unterricht. Die Erschliessung von Schülervorstellungen ist deshalb eine Voraussetzung, um Lernumgebungen zu gestalten, die eine angemessene Entwicklung und Veränderung von Konzepten und von entsprechenden Fähigkeiten und Fertigkeiten ermöglichen.
Am Beispiel der Ergebnisse zur Aufgabe «Fremde Räume» aus der Studie kommt zum Ausdruck, was Kinder auf Grund ihrer Erfahrungen und Informationen an Konzepten und Vorstellungen entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler wurden aufgefordert, wichtige Stichworte zu verschiedenen Räumen der Erde zusammenzutragen. Für den Raum «Antarktis» z. B. wurden dabei am häufigsten die Stichworte Kälte, Eis /Eisberge, Schnee, Eisbären, Eskimo /Inuit, Pinguine, Iglu, Robben und Seehunde aufgeführt.
Bilder aus Pingus Welt
Im Vergleich der Ergebnisse zwischen Lernenden im 3. und 7. Schuljahr zeigen sich dabei keine Veränderungen bei den Nennungen und keine Differenzierung der Stichworte. Es werden vor allem Tiere genannt und einige Stichworte beziehen sich auf den arktischen Raum. Stichworte wie Expeditionen, Forschungsstationen, Eisbrecher, Raupenfahrzeuge oder ähnliche Merkmale treten überhaupt nicht auf. Auch ökologische Aspekte werden nicht genannt. Plakativ kann festgestellt werden, dass die Vorstellungen der Lernenden in etwa dem Bild entsprechen, das mit der Figur, der Lebenswelt und dem Lebensraum von «Pingu» gezeigt wird.
Stereotypen aus Fernsehen und Kinderbüchern
Die Antworten der Schülerinnen und Schüler auf die Frage, woher sie ihre Vorstellungen haben, zeigen, dass die wichtigsten Bezugspunkte Filme im Fernsehen sowie Sach- und Kinderbücher sind. Die bildhaften Zugangsweisen in Filmen und Büchern prägen in hohem Masse und nachhaltig die Vorstellungen, die Schülerinnen und Schüler von Räumen haben. Bei der Sichtung verschiedener Sachbücher und Kinderatlanten zeigt sich, dass Räume häufig mit dem «Lebensraum für Tiere» und mit traditionellen oft auch stereotypen Elementen dargestellt werden. Menschen, Lebenssituationen, Siedlungen, wirtschaftliche Bereiche u. a. sind dabei deutlich untervertreten.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse aus der Studie eine grosse Vielfalt und individuelle Eigenarten von Vorstellungen innerhalb der Klassen. Vielen Schülerinnen und Schülern gelingt es nur unzureichend, Wissen aus schulischen Bezugspunkten mit ihrem Alltagswissen in Beziehung zu setzen und dieses umzustrukturieren.
Worauf es ankommt
Zusammenfassend kann aufgrund der Ergebnisse vermutet werden, dass mehr «Nachhaltigkeit» beim Lernen dann erreicht werden kann, wenn
- Vorstellungen und Vorkenntnisse der Lernenden aufgenommen und Verbindungen von ausserschulischen und früheren schulischen Erfahrungen mit dem momentanen schulischen Lernen hergestellt werden, sodass Verknüpfungen und Umstrukturierungen und damit die Weiterentwicklung von Wissen und Können möglich werden;
- der Austausch von Vorstellungen und Vorkenntnissen zwischen den Lernenden ermöglicht und gefördert wird;
- bisherige Vorstellungen (und auch Vorurteile) im Unterricht bewusst aufgenommen und hinterfragt werden und damit das Nachdenken angeregt wird;
- mehr Unterstützung bei der Einordnung persönlicher Vorstellungen und der Orientierung geleistet wird;
- Fragen zugelassen sind, wie Vorstellungen entstehen, warum man dies und jenes heute so sieht und versteht;
- der Aufbau und die Weiterentwicklung von Vorstellungen als kontinuierlicher und nicht als «einmaliger» Prozess angelegt wird und entsprechende Fähigkeiten und Fertigkeiten kumulativ (nicht additiv) gefördert werden.
Lernen mit Bezug zu eigenen Erfahrungen, zu eigenen Fragen, mit verschiedenen Lernmöglichkeiten, eigenem Tun, Entdecken und Forschen und mit der Ermutigung, eigene Ideen und Vorstellungen darzulegen, einzubringen, «weiterzubringen» und einzuordnen, sich zu orientieren – ermöglicht, dass «mehr bleibt».
Wagenschein: Martin (2002): «… zäh am Staunen». Pädagogische Texte zum Bestehen der Wissensgesellschaft. Zsgest. und hrsg. von Horst Rumpf. Seelze-Velber, Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag von Martin Wagenschein im Juni 1969 ↩
Adamina, Marco (2008): Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu raum-, zeit- und geschichtsbezogenen Themen. Eine explorative Studie in Klassen des 1., 3., 5. und 7. Schuljahr im Kanton Bern. Münster. ↩
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| Was bleibt – Schülervorstellungen (Ausführlicher Artikel von Marco Adamina) | 117.29 KB |



