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Kompetenzaufbau als Schulhausprojekt

Wenn die Kollegin weiterbaut

Im Schulhaus Seidenberg wird der Aufbau von Kompetenzen koordiniert. Von der 3. bis zur 9. Klasse und in allen Fächern. Ein Einblick in einen Schultag und ein Gespräch mit der Schulleitung.

Es ist der erste Schultag nach den Herbstferien. Er verläuft nicht nach Stundenplan, denn in allen Klassen findet heute ein Trainingstag nach «Klippert» statt (s. Kasten rechts). Alle Schülerinnen und Schüler des Schulhauses bauen an diesem Spezialtag intensiv an den Fähigkeiten weiter, die eigenverantwortliches Lernen ermöglichen. In der einen Klasse wird zum Beispiel an der Kompetenz gearbeitet, in einer Gruppe zu lernen, in einer andern Klasse werden einfache Präsentationsformen eingeübt.

Die Motivation der Lehrpersonen an diesem besonderen ersten Schultag war deutlich spürbar. Worauf führt ihr das aus Sicht der Schulleitung zurück?

Susanne Zwicky: Motivierend wirkt sicher, dass es ein Schulhausprojekt ist und die Idee von allen getragen wird. Wir haben den Kompetenzaufbau nach Klippert in der schulhausinternen Fortbildung im Herbst 2008 kennen gelernt, einerseits theoretisch, andererseits aber vorwiegend auch praktisch. Da wurde die Idee der Zusammenarbeit unter Lehrpersonen erfahrbar: Ich weiss, dass ich als Lehrerin dazu beitragen kann, eine Basis für eine Teilkompetenz zu legen. Aber ich kann auch helfen, das weiterzuentwickeln, was der Kollege angelegt hat. Das bringt Entlastung! Rasch merkten wir auch, dass wir damit die Qualität des Unterrichts steigern konnten, ohne dass daraus eine zusätzliche Belastung entstand. Das ist für Lehrpersonen mit all den heutigen Herausforderungen wichtig.

Reto Krebs: Was auch Entlastung bringt und somit motivierend ist, sind die Folgen der Trainingstage. Ich kann zum Beispiel bei den Gruppenarbeiten das Vorgehen und die Regeln abrufen und brauche sie nicht immer wieder zu erläutern. Dass die Abläufe im Schulalltag zunehmend geregelt werden, bringt Sicherheit, nicht nur für die Schülerinnen und Schüler.

Ein wesentlicher Aspekt eures Projekts des wirksamen Kompetenzaufbaus ist die Kooperation im Kollegium. Was musste die einzelne Lehrperson bis anhin für das gemeinsame Projekt leisten?

Reto Krebs: Jede Lehrperson hat sich an stufenübergreifenden Planungen beteiligt. Daraus ist ein Aufbauplan für unsere Schule entstanden. Auf dieser Grundlage haben Zweierteams für jede Klasse Trainingseinheiten für die Intensivtage zusammengestellt – die liegen in den Boxen bereit und können weitergegeben werden. Wir haben erlebt, dass die Vorbereitung vertieft wird, wenn sie auch für andere gemacht wird. Das hat zudem die Wirkung, dass sich die einzelne Lehrperson stärker mit dem Kompetenzaufbau identifiziert und mithelfen will, den Trainingseffekt in den Alltag zu integrieren. Zum Beispiel das freie Sprechen immer wieder zu üben.

Euer Projekt zielt auf nachhaltiges Lernen. Könnt ihr schon Erfolge sehen?

Susanne Zwicky: Im Sommer habe ich eine neue 7. Klasse übernommen, und mir fällt auf, mit welcher Selbstverständlichkeit die Schülerinnen und Schüler vor der Klasse präsentieren. Da wird offensichtlich, dass sie das in der 6. Klasse immer und immer wieder geübt haben. Eine solche Sicherheit im Präsentieren habe ich noch nie erlebt, da fallen die Schülerinnen und Schüler richtig auf, die in der 6. Klasse nicht im Schulhaus unterrichtet wurden und deshalb im Präsentieren nicht trainiert sind. Diese Sicherheit, ein Schüler hat schon von «Lockerheit» gesprochen, entsteht eben auch durch Routine. Wenn im Unterricht überall – also eigentlich flächendeckend – und spiralförmig an der gleichen Fähigkeit gearbeitet wird, stellen sich durchaus Erfolge ein.

Reto Krebs: In meiner neuen 5. Klasse kann ich feststellen, dass die Kinder ihr Lernen schon auffallend gut reflektieren können. Das läuft ohne grossen Aufwand, ist für die Kinder also selbstverständlich. Die Reflexion, die auf Optimierung der Lernprozesse zielt, ist ein wesentlicher Bestandteil des Kompetenztrainings. Wo ich die Wirksamkeit des Kompetenzaufbaus gut sehen kann, ist am Anfang einer Gruppenarbeit. Die Gruppenbildung und die Rollenteilung in der Gruppe laufen ohne Energieverschleiss ab. Jedes Kind weiss, dass es mal in der Rolle des Zeithüters ist oder in der Rolle des Präsentators. Die unverbindlichen Gruppenarbeitssituationen von früher gibt es deutlich weniger.

Susanne Zwicky: Die Verbindlichkeit des Unterrichts ist wesentlich für nachhaltiges Lernen. Das erreichen wir, indem wir Erwartungen an die Schülerinnen und Schüler formulieren, die am vorgängigen Kompetenzaufbau anschliessen. Mit «ihr wisst ja, wie ihr das machen könnt» zeige ich den Schülerinnen und Schülern, was ich voraussetzen kann. Damit kann ich mehr fordern.

Wenn sich ein ganzes Kollegium auf einen langfristigen Kompetenzaufbau einlässt, spielen sicher die Übergänge von einer Klasse in die nächste eine Rolle. Wie macht ihr das?

Reto Krebs: Für die Schülerinnen und Schüler ist neu, dass ihr persönliches Trainingsdossier mitwandert, von Klasse zu Klasse, von Lehrperson zu Lehrperson. Dies soll auch ein Zeichen der Verbindlichkeit und der Kontinuität sein. So im Sinne «Was mitwandert, behält seine Gültigkeit».

Susanne Zwicky: Ein Instrument der Übergänge ist der Aufbauplan für die einzelnen Kompetenzen und Methoden. Da kann jede Lehrperson nachschauen, was in welcher Klasse schon eingeführt wurde. Wenn ich etwas ganz detailliert wissen will, orientiere ich mich in den Boxen. Ein anderes Instrument sind die gegenseitigen Absprachen, zum Beispiel stufenübergreifende. Wie notwendig die sind, haben wir während unserer zweiten Ausbildungstranche im Herbst 2009 gemerkt und sie deshalb in unser Programm der pädagogischen Konferenzen aufgenommen.

Mit dem langfristig angelegten und von allen im Schulhausteam mitgetragenen Kompetenzaufbau erlebt ihr auch als Kollegium, was wirkungsvolles Lernen bedeuten kann. Welches sind eure Visionen?

Reto Krebs: Ich erhoffe mir, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständiger werden, mehr Verantwortung übernehmen, sich besser ausdrücken und sich beziehungsweise ihre Arbeiten sicherer präsentieren können.

Susanne Zwicky: Ich wünsche mir, dass wir alle noch viel bewusster unterrichten, um dem Anspruch «Lehrpersonen lehren weniger und Schülerinnen und Schüler lernen mehr» gerecht zu werden. Schülerinnen und Schüler können zu mehr eigenverantwortlichem Lernen geführt werden. Und wir Lehrerinnen und Lehrer können noch viel mehr miteinander und voneinander profitieren, wenn wir zusammenarbeiten.

Therese Grossmann
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