Jugend debattiert
Die Angst vor dem Publikumsauftritt
Wer kennt nicht das mulmige Gefühl, an der Gemeindeversammlung aufzustehen und das Wort zu ergreifen? Auch viele Schülerinnen und Schüler haben Angst, vor der Klasse einen Vortrag zu halten oder sich aktiv an einer Diskussion in der Klasse zu beteiligen.
Die Auswertung des nationalen Projektes «Jugend debattiert» zeigt Wege, wie Hemmungen vor dem öffentlichen Auftritt abgelegt werden können.
Es ist zum Verzweifeln: Der 14-jährige Kurt bringt beim Vortrag wieder kaum ein Wort heraus, der Lehrer rügt ihn, wie immer, die Note ist schlecht. Dabei haben zwei Mädchen der Klasse den Vortrag mit Kurt mehrmals geübt, jedes Mal konnte er – ohne Stottern und Zögern – sogar recht frei über sein Thema referieren.
Vor der Unterrichtseinheit
Kurt ist nicht allein, wie die Auswertung der Pilotphase von «Jugend debattiert» gezeigt hat. Im Fragebogen, der vor der Durchführung der Unterrichtseinheit ausgefüllt wurde, haben sowohl bei Sek. I- wie bei Sek. II-Klassen rund die Hälfte der Jugendlichen die Frage «Gibt es in Bezug auf das Debattieren etwas, was du dir nicht zutraust?» mit einem Ja beantwortet. Zwei Befürchtungen wurden mehrheitlich genannt: genügend Argumente zu finden und vor der Klasse oder öffentlich aufzutreten. Rund 15 % der Schülerinnen und Schüler können sich vor der Unterrichtseinheit nicht vorstellen, erfolgreich an einer Debatte ohne Gesprächsleitung teilzunehmen. Die Lehrpersonen nennen als die hauptsächlichen Ängste, die sie bei Jugendlichen beobachten: Hemmungen, sich vor anderen zu exponieren oder sich in Standardsprache auszudrücken.
Noch grösser ist die Angst, vor unbekanntem Publikum aufzutreten: 56 % der Sek.I-Schülerinnen und -Schüler und sogar 60 % der Jugendlichen an Berufs- und Mittelschulen verneinen die Frage «Kannst du dir vorstellen, nicht nur in der Klasse, sondern auch im öffentlichen Wettbewerb, vor fremden Leuten, zu debattieren?».
Und sie sind nicht allein: In den angebotenen Kursen erleben die Lehrpersonen die eigene Unsicherheit selbst. Die ersten vier Freiwilligen finden sich oftmals nicht sofort.
Natürlich stehen den Befürchtungen auch grosse Erwartungen entgegen. Auf die Frage nach persönlichen Veränderungen durch das Debattieren erhoffen sich (als meist genannte Antwort) rund 30% eine Verbesserung der mündlichen Ausdrucksfähigkeit.
Die Unterrichtseinheit
Im Rahmen des Projektes steht Lehrpersonen der Sek. I und II eine Handreichung zur Verfügung. Im Zentrum steht eine bis ins Detail ausgearbeitete Unterrichtsreihe von 8 bis 14 Lektionen, in der Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II die verschiedenen Teile einer 24-minütigen Debatte ohne Gesprächsleitung Schritt für Schritt einüben. Dabei gibt es für jede Phase der Debatte (Eröffnungsrunde, freier Austausch, Schlussrunde) konkrete Übungen. So wird beispielsweise die Schlussrunde in Form einer «Begleiteten Debatte» geübt. Die vier Debattierenden bestreiten die Eröffnungsrunde und den freien Austausch, dann werden sie von vier vorgängig bestimmten Stellvertretern abgelöst, die im Namen der Debattierenden die Schlussrunde bestreiten, ihre Vorgänger dabei vertreten und die Positionen zusammenfassen müssen (siehe Tabelle).
Nach der Unterrichtseinheit
Erstaunliche Ergebnisse zeigen sich bei der Befragung nach absolvierter Unterrichtseinheit: Bei über 60% haben sich die Befürchtungen nicht bestätigt und die positiven Erwartungen wurden bei fast allen erfüllt. Während Jugendliche der Sek. I bei sich vor allem positive Veränderungen bezüglich der Sachkenntnis und des mündlichen Ausdrucks wahrnahmen, war es bei den älteren Jugendlichen der Sek. II die persönliche Sicherheit in Diskussionen und Debatten.
«Besonders gut fand ich, dass wir nicht einfach ins kalte Wasser geworfen wurden, sondern alles Schritt für Schritt erarbeitet haben.»
Die Auswertung zeigt deutlich, dass die Unterrichtseinheit Jugendlichen die Angst vor Debatten nehmen kann, aber auch, wie gross die Scheu vor dem öffentlichen Auftritt ist. Hier kann nur weitere Praxis helfen, wie sie von den Jugendlichen häufig gefordert wird:
«Ich fand es sehr schade, dass wir nur so wenige Debatten führen konnten. Denn jetzt wissen wir im Grossen und Ganzen, wie es geht, aber jetzt ist es auch schon wieder fertig.»
Fortschritte dank regelmässigen «Trainings»
Die Rückmeldungen auf die Unterrichtseinheit sind eindeutig: Sowohl Lehrpersonen wie die Jugendlichen selbst sind begeistert und nehmen Fortschritte und zunehmende Sicherheit wahr. Allerdings ist es wichtig, den Jugendlichen immer wieder die Möglichkeit zu geben, in Debatten ihre Sachkenntnis, die Gesprächsfähigkeit, die Ausdrucksfähigkeit und die Überzeugungskraft zu verbessern. Nicht wenige Lehrpersonen setzen die Methode der Debatte deshalb immer wieder in verschiedenen Fächern ein. So wurde in einer 8. Klasse das Thema «Schweiz und Europa» mittels einer Debatte erarbeitet. Im Anschluss an die Schnupperdebatte zum Thema «Soll die Schweiz der EU beitreten?» vertieften die Jugendlichen ihre inhaltlichen Kenntnisse im Hinblick auf die (auch der Beurteilung dienenden) Schlussdebatten. Grundlagen dazu boten von der Lehrperson vorbereitete Dossiers. Nach Aussage der Lehrperson hätten auch viele Erwachsene von den Schlussdebatten etwas lernen können.
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